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Schnell mal ...
von Toula Jansen
Früher war mein Computer mein Castle. Nichts drang ein, nichts hinaus, das ich nicht per Diskette kopierte. Wenn ich an einem Text arbeitete, arbeitete ich an einem Text. Ging meine Konzentration flöten, oder suchte ich nach neuer Inspiration, blieb mir nur übrig, den Kopf zu heben und der Fliege zuzuschauen, die sich vergeblich durch die Fensterscheibe nach draußen kämpfen wollte. Das war so langweilig, dass ich automatisch weiterarbeitete.
Dann kam das Internet auf. Eine Weile konnte ich mir darunter wenig vorstellen, aber weil alle davon schwärmten, musste ich es natürlich haben. Als es endlich angeschlossen war, konnte ich mich eines mulmigen Gefühls nicht erwehren: Mein Castle war auf einmal durchlässig geworden, die Festplatte mutierte zu einer Art Autobahnraststätte, in der zwar in den hinteren Räumen noch meine Daten lagerten, aber vorne bremsten Lastwagen mit Nachrichtenladungen, warfen ungefragt Updates herunter, tankten E-Mails und rauschten weiter.
Inzwischen surfe ich kabellos, habe neun Mail-Adressen und achtzehn Bookmarks, die ich täglich besuche, recherchiere, ohne mich vom Fleck zu bewegen, kaufe in Onlineshops ein. Aber ich kann mich nicht mehr konzentrieren.
Und das geht so: Ich schreibe einen Satz, der noch etwas schütter klingt, und anstatt darüber zu sinnieren, bis er reich, sinnvoll, allumfassend ist, entdecke ich auf dem Bildschirm unten rechts einen winzigen, braunen Briefumschlag – Post. Die könnte ich ungelesen lassen, doch der Mausklick ist eine winzige Fingerbewegung und die Neugier groß. Also öffne ich sie, finde mich sofort in ein Problem verstrickt, das mir der Briefschreiber vorlegt. Das muss natürlich gelöst werden, ich antworte rasch, drücke auf „Senden“, wende mich wieder meinem Satz zu, schmirgle und feile minutenlang an ihm herum.
Um mich nicht zu verbeißen, bis mir keine neue Wendung mehr einfällt, könnte ich an die Decke gucken, an der eine Schnake taumelt, aber Spiegel-online anzusteuern geht genauso fix, also scrolle ich die Hauptseite herunter, entdecke einen interessanten Artikel, den ich hastig überfliege, denn eigentlich sitze ich ja aus anderen Gründen am Schreibtisch.
Seufzend wende ich mich diesen anderen Gründen wieder zu, habe allerdings vergessen, was ich eben noch verworfen hatte und schreibe den gleichen Mist wieder hin. Pling, macht es währenddessen, schon wieder ein kleiner, brauner Briefumschlag rechts unten in der Ecke. Diesen werde ich jetzt nicht öffnen, schwöre ich und hefte meine Aufmerksamkeit mit Entschlossenheit an meine Ursprungsaufgabe – den schönen, glatten, aussagefähigen Satz. Die festgeheftete Aufmerksamkeit kann nicht verhindern, im Hinterstübchen zu rätseln, wer mir wohl wieder geschrieben hat, so dass ich mich bald gar nicht mehr konzentrieren kann. Besser also, die Mail zu öffnen, damit ich wieder zur Sache zurückfinde. Es handelt sich um Spam.
Gegen Mittag habe ich auf diese Weise zehn Mails angenommen, bin über Nachrichtenlage und Wetter in Echtzeit informiert, hab schnell mal geforscht, wieviel Google-Hits ich eigentlich habe, und was ein alter Freund treibt, von dem ich seit Jahren nichts hörte, und wie man Spinnmilben den Garaus macht, die gerade dabei sind, meine Balkonpflanzen zu meucheln. Besonders diese Frage führte mich von Link zu Link zu Link immer weiter weg von meinem Satz, bis ich eine praktikable Lösung fand. Für die Spinnmilben natürlich.
Weil einen sowas ja verrückt macht, und man etwas dagegen unternehmen muss, ging ich dazu über, die WLAN-Verbindung zu deaktivieren, und glaubte, mich damit überlistet zu haben, denn es braucht Minuten, bis der Computer sie wiedergefunden hat. Je mehr Umstand, desto seltener wirst Du im Netz herumgondeln, dachte ich froh. Als ich feststellte, dass es nun eben nur etwas länger dauert, bis ich wieder bei meinem Satz gelandet bin, aktivierte ich die WLAN-Verbindung wieder.
Nun sinniere ich darüber, ob Buddha, der jahrelang schweigend im Schneidersitz unter einem Baum meditierte, nur deswegen nicht abschweifte, weil seine bewunderswürdige Selbstbeherrschung von nichts beeinträchtigt wurde, außer von langweiligen Fliegen.
Das ist so ungefähr die Beschreibung meiner Autorentätigkeit im Jahre 2007. Ich erwäge, mir wieder eine Schreibmaschine zuzulegen.
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