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Frida kostet nichts, aber das ist nicht wahr

Ingrid Noll
Fragen von Nessa Altura, Foto: Regine Mosimann

 

Auf der Criminale des Sydnikats, dem großen Treffen der deutsch-sprachigen Kriminalautoren, wurde die Bestseller-Autorin Ingrid Noll mit dem Friedrich-Glauser-Ehrenpreis ausgezeichnet. Sie nahm die Würdigung charmant entgegen, deutete aber an, dass sie keinesfalls gewillt ist, jetzt schon das Messer aus der Hand zu legen – man darf sich also auf weitere hinterlistige Attacken aus ihrer Feder freuen. Die Kriminalautorin Nessa Altura nahm den siebzigsten Geburtstag Ingrid Nolls zum Anlass, ihr ein paar Fragen zum Älterwerden zu stellen, aber vielleicht ist das zu früh, denn Ingrid Nolls Mutter lebt ja auch noch - sie ist jetzt 104.


Älterwerden ist ja ein Prozess, mit dem man sich nur langsam aussöhnt. Weißt du noch, wann es begonnen hat und ob es anfangs mit Schmerzen verbunden war?

Als unser ältester Sohn seinen 14. Geburtstag feierte, fühlte ich mich mit meinen vierzig Jahren eigentlich noch jung. Auf dem verwilderten Grundstück eines aufgegebenen Schrebergartens hatten sie ein Lagerfeuer angezündet und wollten Würstchen grillen. Eingeladen waren nicht nur Klassenkameraden und Geschwister, sondern auch der 28-jährige Schulpsychologe und drei Lieblingslehrer, die alle so um die dreißig waren. Freundlich bedeutete mir mein Sohn, ich sei für diesen illustren Kreis doch ein wenig zu alt. Unermüdlich hatte ich zuvor Proviant und Passagiere befördert, nun wurde ich also ausgeladen und fuhr nicht gerade belustigt wieder nach Hause.
Ist man mit vierzig alt? Heute sind meine Kinder älter, als ich es damals war, und ich halte sie für ziemlich jung, was sie ihrerseits aber abstreiten. Meine Mutter, die bei uns wohnt, ist inzwischen 104. Die Sache mit dem Alter relativiert sich rasch, denn aus ihrer Sicht bin ich mit meinen bald 70 Jahren noch ein junges Ding.


Haben es Männer deiner Erfahrung nach mit dem Älterwerden leichter als Frauen?

Ich glaube nicht, dass es Männer leichter haben. Zwar ist das Klimakterium virile (Red: die Abnahme der androgenen Hormone und deren Folgen für die männliche Psyche) zeitlich nicht so eindeutig festzulegen, aber psychische Krisen und nachlassende Leistungskraft können ebenso an die Substanz gehen wie bei Frauen. Es könnte sogar sein, dass Frauen mit körperlichen Beschwerden weniger verbissen umgehen und sich durch gegenseitiges Herzausschütten Erleichterung schaffen können.

Was tut, abgesehen von körperlichen Zipperlein, immer noch weh? Gibt es Augenblicke, in denen man zusammenzuckt oder andere, in denen man das Älterwerden genießt?

Wahrscheinlich wird eine Frau mit unerfülltem Kinderwunsch das Klimakterium besonders schwer nehmen. Das war bei mir nicht der Fall, ich empfand die Wechseljahre sogar als Befreiung und fing genau damals an zu schreiben. Der Begriff des Wechsels kann ja durchaus als positiv angesehen werden, denn er beinhaltet auf jeden Fall Veränderung.Weh tut wohl immer alles, was man unwiederbringlich verpasst hat. Bei mir sind es Fernreisen, die wir uns früher nicht leisten konnten. Jetzt geht es aber auch nicht mehr, weil meine Mutter pflegebedürftig ist und sich mein Mann keine großen Strapazen mehr zumuten kann. In ein paar Jahren bin ich wohl selbst zu alt für große Abenteuer.

Auf einer meiner Lesungen erschien kürzlich eine ganze Mädchenklasse. Sie schwärmten gemeinsam für meinen Roman „Die Häupter meiner Lieben“, in der zwei junge Frauen allerhand anstellen. Die Schülerinnen begutachteten mich mit Verblüffung und urteilten am Schluss etwas desillusioniert: „Wir hätten nie gedacht, dass Sie schon sooo alt sind!“ Das tat mir gut. Wenn ich schon mein Alter nicht verbergen will, geschweige denn kann, so sollen doch meine Romanheldinnen nicht unbedingt der Mottenkiste entsprungen sein.

Bevor du zum Schreiben gekommen bist, hast du dich um die Familie und die Praxis deines Mannes gekümmert. Glaubst du, dass du erst ein bestimmtes Alter erreichen musstest, bevor du etwas zu sagen hattest?

Nicht unbedingt, aber ich hätte in jungen Jahren anders geschrieben. Menschenkenntnis und Lebenserfahrung kommen mir jetzt zugute.

Hast du dein Leben verändert, als du fühltest, dass ein neuer Lebensabschnitt begann?

Da ich das Älterwerden immer akzeptiert habe, muss ich mein Leben nur behutsam anpassen und nicht radikal verändern. Auf jeden Fall ist es wichtig, sich das Interesse an der Umwelt und den Mitmenschen zu erhalten, die Neugierde nie versiegen zu lassen und sich z.B. gegen das Erlernen neuer Techniken etc. nicht grundsätzlich zu wehren. Und es kommen auch schöne neue Aufgaben und Freuden auf uns zu: Es gibt zum Beispiel kaum ein größeres Glück, als ein Enkelkind im Arm zu halten.

Und wenn man keine Kinder hat, welches könnten dann Aufgaben und Freuden des Alters sein?

Letztes Jahr feierten wir bei einem Klassentreffen unser 50-jährige Abitur. Diejenigen meiner ehemaligen Klasse, die keine Familie haben, hatten zum großen Teil Karriere gemacht. Aber fast alle genießen das Rentnerdasein, indem sie reisen, neue Sprachen erlernen, Freundschaften pflegen, karitative Aufgaben übernehmen und ganz neue Hobbys entdecken. Es gibt natürlich im Alter auch noch die Möglichkeit, eine neue Beziehung einzugehen.

Als Autorin hättest Du doch noch so viel zu sagen ... bekommt man da Torschlusspanik und schreibt schneller, weil man spürt, wie die Zeit zwischen den Fingern verrinnt?

Natürlich verrinnt die Zeit immer schneller, aber das ist ja kein Grund zur Panik. Ich schreibe nicht schneller, sondern langsamer.Würde ich mein früher praktiziertes rasantes Tempo einhalten, müsste ich sehr schnell kapitulieren.
Wenn ich am Vormittag meine Runde drehe - zum Beispiel ein Rezept von der Praxis und dann das Medikament in der Apotheke abhole, dazwischen ein paar Hosen in der Reinigung abgebe, auf der Bank schnell noch die Kontoauszüge ausdrucke, für zwei Tage Essen einkaufe und wieder heimfahre, die Vorräte einsortiere, Post aufmache, einige E-mails beantworte, koche, meiner Mutter das Essen in ihrem Zimmer und meinem Mann und mir am Esstisch serviere, schließlich abräume und das Geschirr in die Maschine stelle - dann muss ich erst einmal ein halbstündiges Mittagsschläfchen halten. Und warum eigentlich nicht? Muss ein neues Buch in Windeseile fertig werden? Und wenn mich ein plötzlicher Herzstillstand auf Seite 75 statt exakt am Ende eines neuen Buches erwischen sollte, dann wird es die Nachwelt überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen, und ich selbst werde es hoffentlich erst recht nicht mitkriegen.


Du pflegst ja Deine uralte Mutter. Das ist gewiss eine große Herausforderung. Kann man aus dieser Erfahrung etwas lernen? Und: Macht es Angst, wenn man an sich selber denkt?

Durch das Betreuen eines sehr alten Menschen erhält man natürlich eine konkrete Vorstellung von der eigenen Zukunft. Sicherlich mache ich mir Gedanken, wie es sein wird, wenn ich selbst einmal von anderen abhängig wie ein kleines Kind sein werde. Angst habe ich nicht davor, aber auch keine ganz klare Vorstellung. Demnächst werde ich eine Patientenverfügung formulieren, das habe ich mir fest vorgenommen. Eine finanzielle Absicherung ist natürlich ebenfalls beruhigend. Und sonst kann ich nur hoffen, dass ich eines Abends endgültig einschlafe, noch bevor es zu entwürdigenden Veränderungen gekommen ist.

Wie wird uns deiner Meinung nach das steil ansteigende Durchschnittsalter in Deutschland verändern? So massiv wie jetzt war das Phänomen ja doch noch nie. Hält eine Gesellschaft diese Umschichtung von jung nach alt so leicht aus?

Das steil ansteigende Durchschnittsalter wird eine gewaltige Veränderung der Strukturen nach sich ziehen. Ein gigantischer Markt an medizinischen Hilfsmitteln und Geriatrika baut sich jetzt schon auf, ein riesiges Ersatzteillager künstlicher Gelenke und Organe, ein immenser Bedarf an Pflegepersonal. Wenn junge Leute einen krisenfesten Beruf suchen, sollten sie sich für die Altenversorgung entscheiden. Wir Rentner vermehren uns wie die Kaninchen und stellen immer höhere Ansprüche, die mit Sicherheit auf die Dauer nicht erfüllt werden können. Am besten sollten wir unseren Standort wechseln, mit jungen Einwanderern tauschen und auswandern.


Wohl dem, der kann – zum Auswandern braucht man sicher ein solides Einkommen; die meisten werden froh sein, sich hierzulande einigermaßen versorgt zu wissen.
Gibt es etwas, für das du dir wünschst, noch einmal jung zu sein? Wenn ich die Möglichkeiten der jungen Leute heute sehe und die Leichtigkeit der Kommunikation, die das Internet uns verschafft hat, bin ich manchmal ein wenig neidisch.

Neid ist ein Gefühl, das uns hauptsächlich selber schadet. Natürlich würde ich gern alles mögliche können – mehrere Fremdsprachen zum Beispiel – für das ich in jungen Jahren weder Geld noch Möglichkeiten hatte. Aber die Jugend von heute hat es unterm Strich sicherlich nicht leichter.

 

 

Nessa Altura: 2002 Friedrich-Glauser-Kurzkrimipreis, 2004 Agatha-Christie-Preis Nominierung, 2004 Prosapreis Fürstenwalde, 2005 Bodenseepreis der Stadt Singen, Nacht über Oberstdorf, ungeheuerliche Geschichten, Prolibrisnach oben

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