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Zwischen Himmel und Erde
Eine zerstörerische Liebesgeschichte
von Gabriele Bärtels
Dieter trifft man am ehesten in der Luft. Er sitzt in einer Cessna hinter dem Steuerknüppel, seine Schultern leicht hochgezogen, er beobachtet mit blauen Augen den Himmel und die Instrumente. Die viersitzige Propellermaschine hat er gebraucht gekauft, Mutter bürgte für den Kredit, und nun verdient er damit sein Geld. Nicht viel und nicht allein, das ginge nicht, sondern mit Wolle, der neben ihm sitzt, immer etwas grün im Gesicht, die Kamera auf den Knien, bereit, sie aus dem Fenster zu halten und abzudrücken, wenn Dieter eine Kurve geflogen hat, das Flugzeug hochkant steht, und Wolle eigentlich kotzen könnte.
Sie fotografieren Einfamilienhäuser von oben, deren Vorgärten, das Holzrad mit Geranien auf der Terrasse. Wenn der Film voll ist, lassen sie ihn entwickeln, steigen in Wolles gebrauchten 500er Mercedes und fahren aufs Land. Sie klingeln an den Türen der fotografierten Häuser und werden meistens eingelassen, denn Wolle, vierschrötig und mit Jackett zur Jeans, redet wie ein Bauer, und wenn er dann auf den großen, schlanken Dieter zeigt, auf dessen dichte, schwarze Locken, sein schmales Gesicht mit dem römischen Profil, dann sehen die Hausfrauen - und auch ihre Männer - einen verwegenen Piloten und möchten das Foto – auf DIN A3 oder A2 vergrößert - am besten sofort kaufen, oder lieber doch im Eichenrahmen. Dann kostet es zwar dreihundert Euro, aber eine Luftaufnahme vom eigenen Haus ist einmalig und wird sicher noch von den Enkeln in Ehren gehalten. Der Verkauf wird mit Bier besiegelt. Eine Quittung braucht es nicht.
Die Luftaufnahmen verkauft Dieter nur, damit er fliegen kann, denn bei der Lufthansa haben sie ihn nicht genommen. Das könnte gute Gründe haben, aber die leuchten ihm nicht ein. Jetzt ist er neunundzwanzig, sowieso zu spät für eine Verkehrspiloten-Karriere. Dafür hat er einen Hubschrauber-Pilotenschein, auch Drachen kann er fliegen, nur zwei Dinge fehlen ihm: Der Kunstflugschein und eine kunstflugtaugliche Maschine. Die alte Cessna ist das nur bedingt. Was soll´s – er kalkuliert das Risiko und übt wie besessen. Jeden Morgen, wenn der Tau noch auf dem Rasen des Flugplatzes liegt, ist er schon da, klettert auf seiner Maschine herum, geht die Checkliste durch, rollt über die Graspiste zum Tanken. Man kennt ihn auf dem Platz, aber grüßt ihn kaum, man ist nicht mit ihm befreundet. Dieter hält alle notwendigen Gespräche knapp. Quatschen kann Wolle besser, sein Schatten, sein Gefolge, sein Partner, aber der steht vor Mittag nicht auf.
Dieter geht in die Luft. Manchmal hat er eine Frau dabei, die, bei der er gerade lebt - auf einer Matratze im Wohnzimmer. Vorher hatte er eine Wohnung im sechzehnten Stock, direkt unter dem Himmel, die Miete kann er nicht mehr zahlen. Und er kann seine Freundin nicht vergessen, die er wahnsinnig geliebt hat, wegen der er aus dem Fenster gesprungen ist, aus dem sechzehnten Stock, draußen hat er sich festgehalten und ist wieder hineingeklettert. Da ist sie noch ein paar Tage bei ihm geblieben, aber nicht länger.
Die Frau ist verliebt, aber sie wagt es nicht zu sagen und hofft, dass er es irgendwann merkt. Aber er schläft nun schon seit einem halben Jahr auf der Matratze im Wohnzimmer, und wenn sie morgens aufsteht, kann sie sich nur in die Küche setzen. Seinen Mietanteil bleibt er schuldig, dafür nimmt er sie oft mit zum Fliegen. Nun steigt sie ein und setzt sich Ohrschützer auf.
Die Maschine holpert immer schneller über den unebenen Boden, Grashalme werden zu Strichen, Vögel fliegen auf und zur Seite, der Bodenkontakt verliert sich wie ein Faden, der reißt, schnell schrumpfen die Bäume zu winzigen Pflanzen. Die viersitzige Cessna steigt in großen Kreisen auf fünfzehntausend Fuß Höhe und durchstößt auf dem Weg ein paar dicke, weiße Wolken. In ihnen steht nur eine weißgraue Wand, ein Oben und Unten ist nicht mehr zu erahnen, nur noch der künstliche Horizont hält die Balance. Dieter zieht an, das Flugzeug springt fast aus der Wolke, hinein in ein strahlendes Lichtblau hoch über der Erde, man möchte schreien oder herrlich aufatmen. Es dauert eine halbe Stunde, bis die Cessna die Höhe erreicht hat, die sie eigentlich nicht haben darf, denn hier wird das Denken gefährlich sauerstoffarm.
Dieter ist mit allen Fasern Pilot, die Frau umkrallt wortlos den Sicherheitsgurt, als der Absturz anfängt. Dieter tritt ein Pedal durch, die Welt kippt und saust, trudelt und röhrt in Minuten zu Boden. Den richtigen Moment zu erwischen, um die Maschine vor dem Aufprall noch abzufangen, das ist die Übung, die er ohne Lehrer meistern will. Sie gelingt, sie hätte auch nicht gelingen können. Dieters Augen glitzern und sein rechter Mundwinkel hebt sich für ein Lächeln.
Sie fliegen knapp vierhundert Fuß über das Land, und der Motor ist überall zu hören - alles verboten. Kühe rennen mit wild schleudernden Eutern davon, Schuppen ducken sich, schon einmal hat ein Bürger das DELTA-ECCO-BRAVO-Zeichen von der Seite der Cessna abgelesen und die Polizei informiert. Dieter steuert trotzdem zwei Masten an wie Torpfosten, kippt die Maschine, passiert mittig, dann fliegt er über einen Fluss und unter einer Brücke durch, gewinnt wieder Höhe, beinahe schnurgerade, und als er die Maschine abrupt herumreißt, ist auf der Spitze dieses Turns das Leben schwerelos – Bleistifte, Landkarten, Taschen segeln friedlich in der Kabine umher.
Zum Abschluss wird die Welt auf den Kopf gestellt, Dieter nimmt Anlauf für einen Looping. Der Motor röhrt böse, immer lauter, der Horizont dreht sich um seine Achse, die Sekunde, da die Maschine kopfüber zur Erde steht, ist nur im Gebet zu überstehen – ziehen wir wirklich den ganzen Kreis, oder fällt sie jetzt einfach vom Himmel?
Nach sunset trinken sie Bacardi-Cola in der Wohnung der Frau, Wolle ist vom Flugtag noch schlecht, und die Frau wünschte, dass er gehen möge. Aber er klebt an Dieter wie ein Putzerfisch, und auch diese Nacht verliert sie wieder und geht allein ins Bett.
Dieter rennt stundenlang durch den Wald, querfeldein, rhythmisch atmend, völlig absorbiert. Er rudert bis zur Erschöpfung, und das ist bei ihm lange hin. Neulich hat er eine Segeltour gemacht, acht Tage Sturm, und als er heim kam, schlief er achtzehn Stunden, während die Frau in der Küche mit dem Frühstück wartete. Nun hat er ihr einen Nachtflug versprochen, und weil es bequemer ist, leiht er sich Wolles Mercedes, um zum Flugplatz zu fahren. Zwanzig Minuten über die Autobahn. Bei hundertsechzig Stundenkilometer fragt er die Frau: „Wollen wir die Plätze tauschen?“
Sie ist nicht zimperlich und klettert zwischen den Lehnen hindurch auf die Rückbank. Auf den freigewordenen Beifahrersitz schiebt sich Dieter, den Fuß noch auf dem Gaspedal, um die Geschwindigkeit zu halten, während die Frau von hinten steuert. Dann klettert sie nach vorn, der Wagen schleudert kein bisschen, und Dieter lobt sie über alle Maßen.
Der Nachtflug ist eine Reise in schwarze Durchsichtigkeit, sie schweben über Städte aus lauter Lichtern.
Es ist Anfang April, vierundzwanzig Uhr, als sie den Heimweg vom Flugplatz antreten. Die Autobahn ist gähnend leer, ein paar weiße Schneekristalle verwehen. Zweihundertzehn ist das Äußerste, das Dieter aus dem Mercedes herausholen kann, und als er der Frau das sagen will, bricht der Wagen plötzlich aus. Glatteis. Noch so spät im Jahr. Die Leitplanke. Der schwere Wagen hebt sich vom Boden, fliegt durch die Luft und überschlägt sich mehrfach.
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