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Exotisch reisen: Waren Sie schon auf Helgoland?

Von Gabriele Bärtels


Freunde, geht ins Seebad!
Jedes Leid und Weh
Lindert und beschwichtigt,
Scheucht und heilt die See.
 
Wer auf festem Lande
Nirgends Heilung fand,
Wird sie wahrlich finden
Dort in Helgoland.
 
Vetter Michel höret
Dieses frohe Wort
Macht sich auf und eilet
Nach der See sofort.
 
Und er badet täglich
In des Weltmeers Flut,
Denn er weiß, das Seebad
Machet alles gut.
 
(Hoffmann von Fallersleben, August 1842)
 

Aufatmen ist erst erlaubt, wenn man die Gangway des Katamarans herunterläuft. 400 Ausflügler hat das weiße Schiff heute morgen von Cuxhaven gebracht, eng an eng, in Flugzeugsitzen und mit Stewardessen, die den Kaffee in Plastikbechern für drei Euro servierten, deren Gesichter gelassen blieben, als frühmorgens die ersten Biere bestellt wurden, denn man macht schließlich einen fröhlichen Ausflug auf die einzige Hochseeinsel Deutschlands, deren Namen jeder Deutsche von Kindesbeinen an buchstabieren kann wie "Zugspitze" und "Nürburgring". Die Luft unter Deck wurde langsam stickig.

Ein paar grüne Gesichter unter den Ausflüglern, das Schiff ist 35 Knoten schnell gefahren, und wenn der Wellengang stärker gewesen wäre, wären es wohl nur ein paar rosige Gesichter gewesen. Die meisten hätten vor der Rückfahrt in der Helgoländer Insel-Apotheke Reisetabletten erstanden, ein ganzes Schaufenster ist damit dekoriert, die Packung fünf Euro.

"Schlechtes Wetter ist schlecht für Helgoland", sagt der Fischbrötchenverkäufer, "die Leute übergeben sich, essen nichts und sagen, schon bevor sie die Insel betreten haben: Nie wieder Helgoland."

Heute ist gutes Wetter und wie immer in der Saison laden die Schiffe 8000 Tagestouristen aus, die sich zu einem Strom formen, vom Anleger an den bunten Hummerbuden entlang, über die Promenade, am Kurhaus vorbei, durch die Fußgängerzone, in den Fahrstuhl oder die Treppe hoch zur Oberstadt, in der es nichts zu sehen gibt, nur die kleinen geduckten Wohnhäuschen der sich hoffnungslos in der Minderzahl befindlichen 1650 Helgoländer. Man versucht, hinter die Vorhänge zu spähen, wunderliche Bewohner müssen das sein, die sich mit einem Quadratkilometer Insel begnügt, mehr ist es ja nicht. Ein Zahnarzt, ein Elektro-Taxi, 3 Geldautomaten und eine Sucht-Selbsthilfegruppe. Eine Insel, so aufgeräumt wie ein Beamtenwohnzimmer der unteren Laufbahn, so klein wie ein Quadratkilometer.

Ja, zollfrei einkaufen! Butterfahren kann man in Deutschland nur noch hier und deswegen besteht die Fußgängerzone aus Duty-Free-Läden mit dem von den Flughäfen dieser Erde hinlänglich bekannten Angebot.

An Lummerland muss man denken, wenn man vom Schiff aus dieses mit Neubauten bewachsenes Eiland betrachtet. Schön ist es nicht. Aber es liegt im Meer. Und deswegen ist die Luft salzig und gesund, die Möwen kreischen hysterisch und segeln stumm durch die Nordseewinde, im Hafen flattern die Fahren an den Masten, und man sieht das Wetter von weit draußen schon kommen.

Der allergrößte Teil der Touristen reist in vier, fünf, spätestens sechs Stunden wieder ab und macht deswegen gar nicht erst den Versuch, sich aus dem Strom zu lösen, sondern folgt ihm über die ausgetretenen Pfade durch die Oberstadt dahin, wofür Helgoland neben den billigen Zigaretten vor allem bekannt ist - zur den vom Festland abgewandten, Buntsandstein-Steilküste, den roten Lummenfelsen, die sich krachend ins Meer zu stürzen scheinen. Wenigstens Brocken davon reißt der stete Wetteransturm immer wieder ab.

Die Nester der Lummen in den Felsrinnen wirken von weitem wie eine Salzkruste. Erst, wenn man näher kommt, von oben auf sie herabschaut, entdeckt man ihre Einzelheit, ihre Flugeigenschaft, verschluckt der Wind nicht länger ihr unablässiges Geschnatter. Man steht über dem Luftraum zwischen Nordsee und 65 Meter tiefen Felswänden, den die Meeresvögel durchpflügen, als säßen sie in einer Achterbahn. Unten das wilde Wellentoben, oben akkurat gepflasterte Wege, dürres Dünengras, weidende Schafe und ein Wind, der wirklich an allem zerrt und so flattern sie, die Touristen, ihre Kopftücher, ihre Jackenärmel, ihre Plastiktüten mit dem zollfreien Einkauf.

Schon mancher, der glaubte, dass es Sommer sei, sieht von weitem drohend dunkle Regenwolken, schlendert weiter, weil er ja nichts ahnt von der Schnelligkeit der Kräfte auf hoher See und wird an der Langen Anna - dem frei aufragenden Felsturm - unversehens von einem Schauer ergriffen, der unversehens ein Wolkenbruch ist. Schutz gibt es hier oben nicht, er darf auch nicht den kürzesten Fluchtweg quer durch die Dünen nehmen, muss den ganzen Rundweg abschreiten. (Die meisten Regenjacken werden auf Helgoland nach einem solchen Ereignis verkauft.)

Dichtgedrängt und durchfeuchtet sitzen die Ausflügler dann in den Kneipen und Fischrestaurants mit beschlagenen Scheiben. Sie stellen fest: "Wir haben alles." (Gesehen und gekauft) Nun kann der steife Grog getrunken werden.

Jeden Nachmittag zwischen vier und sechs saugen die Schiffe die Ausflügler wieder ein, übrig bleiben nur die Helgoländer und ihre Übernachtungsgäste. Das sind nicht mehr so viele und die kommen dann vielleicht sogar erst heraus und genießen die Insel, wie sie wirklich ist, nämlich schön leer, schön klein und schön still. Die haben vielleicht auch Zeit, sich mit Geschichte zu beschäftigen und stoßen auf Störtebeker, die Eroberung durch die Dänen, dem Schmuggel-Stapelplatz für die Engländer. Oder sie sind ornithologisch interessiert und lassen sich die seltenen Seevögel erklären, die der Tages-Ausflügler nur "grosse Möwe" und "kleine Möwe" nennt. Sie haben Muße, sich über den Aushang auf dem schwarzen Brett neben dem Fahrstuhl zu amüsieren, auf dem einer den Dieb seiner Leselampe ermahnt, die der ihm gestohlen haben muss, als er im Keller war. Und weil Helgoland ein Kurort ist, werden sie, wenn sie ein paar Wochen bleiben, vielleicht sogar gesund.

 

Fotos mit freundlicher Genehmigung: Bellmann, Gröning & Partner

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