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“Heiraten Sie bloß nicht!”
Die 80-jährige Frau K. erzählt, warum sie mit 53 noch einmal die Ehe eingegangen ist.
Portrait von Gabriele Bärtels
Frau K. ist eine der Frauen, die auf der Straße komplett übersehen werden: Achtzig Jahre alt, klein und dicklich, beigefarben gekleidet. Wer etwas genauer hinschaut, bewundert ihre faltenfreie Porzellanhaut, und wer noch genauer hinschaut, erkennt die blitzschnelle Klugheit in ihren grauen Augen, aber wer macht das schon?
Frau K. ist mit Herrn K. verheiratet. Er ist fünfundneunzig und kann kaum noch krauchen, weshalb er das Haus praktisch nicht mehr verlässt. Die beiden leben auf vollgestopften sechzig Quadratmetern, der Fernseher läuft sehr laut, weil Herr K. schwerhörig ist.
Ohne seine Gattin wäre Herr K. aufgeschmissen, und das war wohl auch der Grund, warum er sie massiv umworben hat, als er fünfundsechzig wurde. Da war er, der zeitlebens als Fleischer gearbeitet hat, schon zum dritten Mal Witwer. Seine ersten drei Frauen sind früh verstorben, weil er ihnen arg zusetzte, zum Beispiel wollte er nicht, dass sie Verhütungsmittel nehmen, weshalb die letzte neun Abtreibungen hinter sich brachte. Das wusste Frau K. zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit aber nicht.
Gehen wir einen Schritt zurück: Als der Krieg zuende ging, war Frau K. gerade achtzehn geworden, eine hochbegabte Musikerin, die bereits seit dem fünften Lebensjahr virtuos Klavier spielte. Sie hat dann noch ein paar Semester Musik studiert, aber bitte – nach dem Krieg war es sehr viel wichtiger, etwas zu essen aufzutreiben, und Klaviere, die waren nun wirklich nicht nötig, bestenfalls, um sie im harten Winter zu verfeuern. So musste sie das Studium abbrechen, und trat stattdessen eine Schneiderlehre an. „Man musste flexibel sein“, ist alles, was sie dazu sagt.
Nach mehreren Jahren schwerer Arbeit in einem exklusiven Modesalon gelang es ihr, einen der nach dem Krieg wahrlich raren Männer zu heiraten und bekam einen Sohn. Kaum, dass der geboren war, starb der Mann, so zog sie den Jungen allein auf. Sie beschloss, sich mit einem eigenen Salon selbstständig zu machen, mietete eine 150 Quadratmeter große Wohnung, machte aus einer Hälfte ihre Schneiderwerkstatt und ihren Anproberaum, hatte ein Klavier im Wohnzimmer stehen und spielte wenigstens noch in ihrer knapp bemessenen Freizeit, die auf ein Nichts zusammenschrumpfte, als ihre Eltern pflegebedürftig wurden.
Ihre Freundinnen mahnten: „Du kannst doch nicht Dein Leben lang allein bleiben, und Dein Sohn geht eines Tages auch aus dem Haus!“ Frau K. wehrte ab: „Ich hatte wahrlich genug zu kämpfen. Als Selbstständige und Alleinerziehende musste man ja auf fünf Hochzeiten gleichzeitig tanzen, um über die Runden zu kommen. Meine Eltern starben kurz nacheinander. Für Männer fehlte mir jedes Interesse.“
Der wohlmeinenden Freundin, die ihr schließlich gestand, ihre Telefonnummer an den Witwer Herrn K. weitergegeben zu haben, sagte sie ins Gesicht, dass das unverschämt war.
Herr K. rief nun dreimal täglich an. Er habe nur Gutes von ihr gehört, ob sie sich nicht einmal treffen könnten. Wochenlang gab Frau K. vor, keine Zeit zu haben, doch weil er nicht locker ließ und der Unbekannten üppige Blumensträuße schickte, gab sie nach und verabredete sich mit ihm in einem nahegelegenen Café. Sie beschrieben einander, wie sie gekleidet waren, damit sie sich überhaupt erkannten. Das Gespräch kam nur schwer in Gang. Nach dem Treffen war Frau K. nicht sehr begeistert, auch wenn Herr K. sich mächtig ins Zeug legte, sie mit Komplimenten überschüttete und mehrfach wiederholte, dass es nicht natürlich sei, als Frau alleinzustehen, und was sie denn im Alter machen wolle, ihre Pension würde doch gar nicht reichen.
Nun war Frau K. keine Frauenrechtlerin, sondern ein Kind ihrer Generation, und mit der Pension hatte Herr K. ja recht. Ihr Sohn war inzwischen erwachsen und schon vor dem Studium in eine Wohngemeinschaft gezogen, wie es in den Achtziger Jahren eben üblich war. Seine Mutter legte sich ein Hündchen zu, einen Dackelmischling namens Browny, der ihr ein und alles war. Sie willigte ein, mit Herrn K. in den Urlaub zu fahren, doch hinterher war sie nicht glücklicher als vorher. Trotzdem: Die Vernunft siegte. Ihre Freundinnen drängten, sie könne doch froh sein, noch einen Mann abbekommen zu haben.
Also gab Frau K. mit dreiundfünfzig ihren Schneider-Salon auf, kündigte die große Wohnung, verschenkte die überflüssigen Möbel, verkaufte das Klavier, an dem sie kaum noch saß, und zog zu Herrn K. in seine kleine Wohnung. „Er ist ein Macho, aber einer, der unter einer Käseglocke lebt.“ In die Küche zum Beispiel setzte er keinen Fuß. Ihn störte auch, dass der Hund bellte, wenn es an der Tür klingelte, und so setzte er durch, dass dieser zurück ins Tierheim kam.
Von diesem Tag an war Frau K. an ihren Gatten gefesselt bis heute, also rund dreißig Jahre. „Heiraten Sie bloß nicht!“ sagt sie in ihrem achtzigsten Lebensjahr, „was haben Sie davon? Wissen Sie, man kann zu zweit auf einem Sofa sitzen, aber dabei sehr allein sein.“
Ihr frischangetrauter Ehemann war ja Rentner und hatte nur noch vier Interessen: Volksmusik, Bergwandern, Fernseh-Fußball und sein eigenes Wohlergehen. Er wünschte, nein, befahl, dass sie morgens vor ihm ins Bad ging, damit sie das Frühstück schon fertig hatte, wenn er sich frischrasiert an den Esstisch setzte.
Wollte Frau K. sich im Fernsehen ein seltenes Klavierkonzert anschauen, so hockte er neben ihr und begann nach fünf Minuten, über die komische Nase des Pianisten zu lästern, und zwar nicht flüsternd, sondern laut. Wenn Frau K. mit ihrer Schwester telefonierte, rief er dazwischen: „Hör schon auf und stiehl der Frau nicht die Zeit.“ Wenn Frau K. das Haus verließ, was er selbst kaum noch konnte, dann beugte er sich über die Balkonbrüstung und rief: „Komm ja sofort wieder heim!“, und bei ihrer Rückkehr musste sie ihm haarklein berichten, wo sie gewesen war. Grüßte sie auf der Straße Bekannte, so warf er ihr vor, einen Liebhaber zu verheimlichen. Mit den Jahren wurde er sehr gebrechlich, ein anderthalb Zentner schwerer Mann, aber den Rollwagen will er nicht benutzen, sondern besteht darauf, dass seine kleine Frau ihn stützt.
Herr K. kennt keinen einzigen Gedanken seiner Frau, hat nie danach gefragt. Nach Jahrzehnten ehelicher Hausgemeinschaft weiß er ihre Lieblingsblumen nicht zu benennen. Seit der Hochzeit hat er ihr nie wieder welche geschenkt.
Wenn Frau K. – sehr selten – die Familie ihrer Schwester besucht, die weit entfernt lebt, dann ist sie beinahe erstaunt, dass es das überhaupt gibt: Menschen, die sich um ihr Wohlergehen kümmern, sich bemühen, ihr eine Freude zu machen, mit denen sie sich über politisches und gesellschaftliches Tagesgeschehen austauschen kann. Auch ihren Sohn kann sie jederzeit bitten, wenn sie Hilfe braucht. „Wenn ich ihn nicht hätte …“ Frau K.s Schwester geht es schlecht, und sie möchte sie gern besuchen fahren. Herr K. schnarrt: „Reicht doch, wenn Du zu ihrer Beerdigung da bist.“
„Ehrlich“, sagt Frau K. leise, ruhig und bestimmt, „ich ertrage es nicht mehr. Er ist mir in jeder Hinsicht zuwider, und das mit meinem Hund kann ich ihm nie verzeihen.“
Sie würde gern in Konzerte gehen und auf Reisen, aber sie wird immer älter, und Herr K. stirbt einfach nicht. Im Grunde ihres Herzens möchte sie ihn erschlagen - es steht in ihren Augen, über die Lippen kommt ihr das nicht. Sie wird ausharren, so macht man das halt.
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