Berlin, Bahnhof Zoo. Gleich fährt der ICE nach Frankfurt ein. Am Bahnsteig steht ein Rollstuhl mit einem zusammengesunkenen Herrn darin, umringt von vier Damen. Ich gehe dreimal vorbei: Das ist doch Stephen Hawking, gestern bei einer Talkshow iim Fernsehen aufgetreten, morgen bei der Frankfurter Buchmesse erwartet.

Ich habe eine Kamera dabei, würde ihm gern sagen, dass ich ihn bewundere und ihn fotografieren, bin aber keine, die Prominenten hinterherläuft, ihm schon gar nicht. Er wäre wehrlos, kann wegen seiner Nervenkrankheit nur noch ein Lid und einen Finger bewegen, mit dem er einen Sprechcomputer bedienen kann.

Als der Zug einfährt, steige ich ein, setze mich bedauernd ins Bistro, wäre gern mutiger gewesen.

Wir haben Berlin schon hinter uns gelassen, als eine Rollstuhlfahrerin in das Bistro fährt, sie ist offenbar allein auf Reisen und muss schrecklich vor und zurück rangieren, bevor sie einigermaßen vor einem Tisch sitzen kann, versperrt dabei anderen Fahrgästen den Weg. Eine Schaffnerin kommt, es wird noch mehr geschoben – dann passt es einigermaßen.

Ich schaue die Rollstuhlfahrerin an: „Sie können bestimmt viele Geschichten erzählen.“

Sie winkt ab: „Weiß Gott, das könnte ich.“ Sie ist etwa vierzig, eine füllige, wache, selbstbewusste Frau. Sie erzählt: „Ich hatte einen Rollstuhlplatz reserviert, aber der ist auf einmal besetzt.“

Ich sage: „Wissen Sie, wer Ihren Platz hat? Stephen Hawking, der britische Physiker.“

„Was? Wirklich?“

Ein junger Mann schaut von seiner Zeitschrift auf. „Ja, ich habe ihn auch gesehen. Ich dachte, so einer wäre im Learjet unterwegs. Stattdessen fährt er Zweite Klasse.“

Die Rollstuhlfahrerin sagt: „An Stephen Hawking denke ich immer, wenn ich verzweifelt bin. Dem geht es noch viel schlechter als mir und er leistet doch so viel, und dann finde ich wieder Mut. Ach, ich hätte gern ein Autogramm von ihm, aber das kann er ja nicht geben, und ich würde mich sowieso nicht hintrauen.“

Obwohl ich diese dicke Kamera in der Tasche habe, sage ich nur: „Er ist im nächsten Waggon. Irgendwer hat bestimmt eine Handy-Kamera, das wäre so gut wie ein Autogramm.“ Ich wage nicht, meine Dienste anzubieten, obwohl ich liebend gerne wollte.

Die Rollstuhlfahrerin bestellt Rührei. Draußen saust die Landschaft vorbei. Es vergehen zwanzig Minuten. Wir fangen wieder an, über Stephen Hawking zu reden. „So eine Gelegenheit kommt nie wieder.“ Nun endlich fasse ich mir ein Herz und mache ihr den Vorschlag, dass wir gemeinsam zu ihm gehen/fahren, sie trägt ihr Anliegen vor, und ich fotografiere.

„Aber Sie müssen es auf englisch machen.“

„Kein Problem“, sagt sie. Inzwischen weiß ich, dass sie Ursula Heiner heißt und aus Brandenburg kommt.

Und so setzen wir uns herzklopfend in Bewegung, Frau Heiner vorneweg.

Im nächsten Waggon steht Stephen Hawkings Rollstuhl ganz vorn. Um ihn herum mehrere britische Damen, die freundlich gucken, als wir hereinkommen. Stephen Hawking schaut uns aus intelligenten Augen an, rührt sonst gar nichts. Seine Stirn ist gerunzelt, sein Mund steht leicht offen, in seinem Hals ist ein Loch, er wirkt wie eine Marionette ohne Fäden.

Frau Heiner trägt ihr Anliegen vor, ich lächele dazu. Ich habe eine Gänsehaut. Dann spreche ich ihn direkt an: „And I just wanted to talk to you, but I had no courage. So I was glad to meet Mrs. Heiner.”

Der Sprechcomputer sagt mit einer männlichen Stimme: “Good Morning, Ladies.” Eine Dame tupft den Speichel ab, der Stephen Hawking aus dem Mundwinkel rinnt.

Sieht so aus, als hätte er seine Einwilligung gegeben.

Heiner+Hawking

Es erfordert einiges Hin- und Herrangieren in der Waggon-Enge, bis Frau Heiners Rollstuhl neben seinem eingeparkt ist. Die britischen Damen lachen und helfen. Die grauhaarige zeigt mir, von wo ich am besten fotografiere.

Und ein Sonnenstrahl fällt genau auf Stephen Hawkings Gesicht, und er schaut direkt in die Kamera, und seine Augen glitzern, und meine Hand zittert, und ich würde gern sehen und nicht nur annehmen, dass er sich wohl fühlt, dass es ihm nicht unangenehm ist.

Heiner+Hawking

Frau Heiner hat einen glücklichen Gesichtsausdruck, während ich fotografiere. Dann steuert sie aus der Lücke heraus, und die Damen ermutigen mich, mich neben den Physiker zu hocken. „Can I come next to you, Mr. Hawking?“, frage ich ihn, wage kaum, seinen Rollstuhl zu berühren und den rauhen Anzugstoff, unter dem sein Arm nur Haut und Knochen ist. Was denkt er? Was fühlt er? Ich kann nur sagen, dass mir seine Nähe angenehm ist.

Auch dieses Foto ist gemacht. Frau Heiner und ich ziehen uns unter Dankesbekundungen zurück. Ich gucke in Stephen Hawkings Augen so lange ich kann, und hoffe, er versteht, dass wir ihn nicht benutzen wollten, auch wenn wir es getan haben. Er schaut zurück.

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Die Lahme, die Schüchterne
und Stephen Hawking

Begegnung mit dem britischen Physiker-Genie

Text + Fotos von Gabriele Bärtels

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