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Frau Kalksteins Haarmanufaktur

Hans W. Korfmann, Fotos: Michael Hughes


Mit dem Lockenstübchen nebenan hat Frau Kalkstein nichts zu tun. Dort sitzen einige ältere Damen vor den Spiegeln, während andere ältere Damen ihnen plaudernd die noch beträchtliche Haaresfülle in eine betont lockige Form zu bringen versuchen. »Nein, da müssen Sie eine Tür weiter klingeln!«, sagt die blondierte Friseuse zu jenem Mittfünfziger, der inmitten des Damenkränzchens etwas schüchtern nach der Haarmanufaktur fragt.

Dort sind die Jalousien heruntergelassen. Vielleicht möchte hier nicht jeder gleich gesehen werden. Denn hier geht es um den natürlichen Kopfschmuck jener, die schon einige Haare gelassen haben. Manchmal sogar alle.

Frau Kalkstein versteht sich auf die Kunst des Perückenknüpfens. Und das ist eine heikle Angelegenheit. Wenn es nicht so aussehen soll wie die schwarzen, schlechtsitzenden Toupets längst ergrauter Herren, die glauben, mit dem einmaligen Kauf eines Haarersatzteils sei das Problem bis in alle Ewigkeit erledigt. Als handele es sich um »die Dritten« oder eine Beinprothese. Deshalb hat Frau Kalkstein auch mit Toupets nicht viel am Hut. Die Toupets kommen in der Regel sowieso von der Stange und sind meistens aus Kunsthaar. Frauenfrisuren sind ihr lieber. Frauen haben eben einen kritischeren Blick - im Spiegel jedenfalls. Und Frauen verstehen etwas von Haaren.

Besonders Frau Kalkstein. In den neunziger Jahren hat sie tonnenweise Haar gekauft. In China. Denn China ist der größte Echthaarproduzent der Welt. Das liegt nicht nur an der zahlenmäßigen Übermacht von mehr als einer Milliarde Chinesen, sondern auch daran, daß ihre Haare besonders dick sind. Beinahe so stark und spröde wie das weiße Büffelhaar, das neben dem Kunstfaserhaar eigentlich die einzige Alternative der Perückenfabrikanten zum Echthaar ist. Im Grunde ist das Haar der Chinesen in Europa gar nicht zu gebrauchen. Aber die Chinesen spalten es, bleichen und färben es anschließend wieder schwarz, braun oder blond. Von Echthaar kann da kaum mehr die Rede sein. Ähnlich verhält es sich mit dem indischen Haar, das schon etwas feiner ist, aber immer noch zu spröde für den feinsinnigen Kopf der Europäer. »Also zuerst kommt das chinesische, dann das indische, und dann kommt das schöne Haar«, sagt Frau Kalkstein.

Das ist vollkommen naturbelassen. Wie frisch vom Kopf, wie vom Friseur nebenan. Frau Kalkstein hat ein Lager, da ist für jeden Kopf das Richtige dabei. Allerdings gibt die Perückenknüpferin nicht jedes Haar her. Es gibt da einige seidige, glänzende, geschmeidige Zöpfe, »die würde ich niemals verkaufen! Ich liebe Haare!« Frau Kalkstein greift ein Haarteil von einem Puppenkopf und läßt es durch die Hände gleiten. »Das ist Brillanz, das bewegt sich, das fließt, das lebt!« Und diese wunderbaren Eigenschaften können asiatische Haare eben leider nur begrenzt vorweisen. Frau Kalkstein also steht auf »Eurohaar«.

Wenn die Perückenmacherin eine Perücke fertigt, dann verwendet sie ausschließlich echtes Eurohaar. Selbst bei ihren kunstvoll gearbeiteten Haarteilen - und sogar dann, wenn ihr mal ein Toupet unterkommen sollte - greift sie nie zu minderwertigem Material. Man kann noch so gut arbeiten, noch so fein nähen und noch so schön knüpfen: Die Frisur steht und fällt mit dem Haar.

»Und schließlich wäre es auch schade um die viele Arbeit, die das Knüpfen einer Perücke macht, wenn man am Ende am Material sparen würde.« Das möchte Frau Kalkstein weder ihren Kunden noch sich selbst antun. Denn irgendwie macht sie so eine Perücke nicht nur für ihre Kunden. Sie macht sie aus Leidenschaft. Aus Überzeugung. Perückenknüpfen ist ein Kunsthandwerk. Das hat nichts mit Lockenwickeln zu tun. Petra Kalkstein hat es bis ins Guinessbuch der Rekorde geschafft - als einzige Frau in einer von Männern dominierten Welt der Perückenhersteller.

Doch nicht alles, was in der Haarmanufaktur verkauft wird, ist aus echtem Eurohaar und kostet gleich 1.500 Euro. Es kommen Mädchen herein, die möchten sich verändern und mal einen Sommer lang einen Zopf tragen. Dann tut es auch das chinesische Haar. Oder eben Büffel- und Kunsthaar. Oder es kommt ein Transvestit, der eine neue Frisur für seinen kleinen Auftritt braucht. Schließlich liegt die Haarmanufaktur in Berlin-Kreuzberg. Die Perücken für die englischen Abba-Doubles, die am Schillertheater gastierten, mußten allerdings aus Echthaar sein. Aus Eurohaar. Chinesenhaar hätte irgendwie nicht gepaßt auf den Kopf der blonden Skandinavierinnen.

Aber den Kundinnen und Kunden der Frau Kalkstein geht es in der Hauptsache nicht um Mode und Showgeschäft, sondern um die Substanz. Es fehlt ihnen schlichtweg an Haaren, sie fühlen sich nackt und alt. »Dabei trifft es heute zunehmend jüngere Leute.« Dann braucht die Perückenknüpferin Feingefühl, nicht nur beim Knüpfen, sondern auch im Gespräch. Meistens versucht sie, ähnlich wie der Zahnarzt mit seinen Brücken, das Problem des schütteren Haares mit Haarteilen zu lösen.

Eineinhalb Stunden Beratung sind die Regel. Und anders als beim Friseur nebenan ist das manchmal eine traurige Angelegenheit. Vor allem bei Frauen, die aus dem Krankenhaus kommen. Auch denen verkauft Petra Kalkstein nur selten Echthaarperücken, sondern ihre »Chemoperücken«. Denn das Leben soll ja weitergehen, die Haare sollen wieder nachwachsen nach der Chemotherapie. Drei von zehn Kunden kommen aus dem Krankenhaus, die meisten von ihnen haben Brustkrebs. »Das geht hier manchmal richtig zur Sache!«

Für all jene, die nur vorübergehend eine scheinbar natürliche Kopfbedeckung brauchen, hat die Manufaktur Stangenware im Sortiment. Hübsche Frisuren in allen Farben, verteilt auf ebenso hübsche, blauäugige und dezent geschminkte Frauenköpfe aus Kunststoff, die Frau Kalkstein auf einer Messe in Frankfurt aufgefallen waren. Sie hat gleich Dutzende von ihnen gekauft. Dreißig blicken jetzt aus dem Regal auf die Besucher herab, und obwohl sich alle Puppenköpfe wie ein Ei dem anderen gleichen, erinnert der eine an Madonna und der andere an Doris Day. Das ist die Macht der Haarpracht.
 

 

Hans W. Korfmann, Herausgeber Kreuzberger Chronik, Glossen, Reportagen, Reiseberichten u. a. in Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, ZEIT. Das Buch “Kreuzberger” - die besten Portraits aus der Kreuzberger Chronik (Fotos von Michael Hughes) mit einem Vorwort von Ulrich Fichtner ist im Verlag an der Spree erschienen. ISBN: 3-9809951-0-0, € 9,90.

 


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Fotos: Michael Hughes www.manma.de