Wer durch Großstadtstraßen wandert, wird die Menschen, denen er begegnet, selten einzeln wahrnehmen. Heraus stechen nur die besonders bunten, lauten und ein paar verrückte Stadtstreicher in dunklen Lumpen, die vor Mülleimern stehen und ihnen Predigten halten. Vor diesen Gestalten schreckt man zurück, weicht ihrem Blick aus, macht einen Bogen um sie. Eher selten entdeckt man Frauen unter ihnen. Es sind gestörte Frauen. Sie werden nicht laut, jedenfalls nicht mit dem Mund. Sie berühren mich mehr als die Männer, vielleicht, weil ich selbst weiblich bin, vielleicht, weil ihre tragischen Erscheinungen eine gewisse splitternde Lyrik haben.
Sie haben gemeinsam, dass sie sich wie Prinzessinnen inszenieren. Es gibt da eine, die muss knapp sechzig sein, der bin ich häufiger begegnet, die scheint noch eine Wohnung zu haben und eine Art Struktur, doch wie die anderen streunt auch sie ziellos über Straßenkreuzungen und an Schaufenstern vorbei. Sie ist dermaßen rasant angezogen, dass mich der Neid packt. Sie kommt zum Beispiel ganz in Froschgrün, mit einem schwingenden Rock, grünen Pumps, einer grünen Handtasche, einem ausladenden Dekolleté. Sie scheint würdevoll zu lustwandeln, zieht Blicke auf sich, doch ihr Gesicht ist eine Grotte. In scharfe Falten hat sie hochdeckendes Make-up gespachtelt, ihr schlaffer Mund ist feuerwehrrot lackiert, ihre Züge sind grob geworden, ihre alten Augen grünglitzernd umrandet.
Diese Augen tun bloß so, als schauten sie jemanden an, in Wahrheit lauern sie nur gierig, ob die Leute ihr einen Blick zuwerfen. Dass es so ist, hält sie in höchster Spannung, welche spürbar die Luft auflädt. Es ist, als erwarte sie, jeden Moment einen König aus dem Passantenstrom treten zu sehen, der ihre Hand nehmen wird. Doch es kommt wohl schon mehrere Jahrzehnte nicht dazu, denn sie wird von Einsamkeit umhüllt wie von einer mottenzerfressenen Pelzstola. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie viele Stunden sie an dem perfekten Filmstar-Outfit arbeitet, nur um in der Schlange im Supermarkt die Unberührbare zu geben. Wie schmerzlich abgeschabt sie erscheint, ahnt sie wohl nicht, auch nicht, wie sehr man ihr ansieht, dass sie eine soziale Unterstützung bezieht, auch nicht, wie deutlich sichtbar sie jedes ihrer Assessoires hütet und schont.
An einer Ampel sah ich neulich wieder die Hauchdünne unter einem schwarzen Spitzen-Sonnenschirm, den sie immer trägt, der fast wie ein halbes Ei so rund ist, dass man kaum ihr spitzes Kinn erblickt, ihre weiße, weiße Haut. Sie weht vorbei, muss über fünfzig sein, trägt schwarze, glänzende Handschuhe, und ihre Füße sieht man unter mehrlagigen, knisternden, schwarzen Röcken nicht. Gerät man in ihren Bannkreis, also kommt ihr zu nah, dann strahlt sie eine tonlose, wilde, schwarze Wut aus und flattert davon. Man meint, ein Gerippe klappern zu hören und erkennt nur schwarze Tüllspitzen in Panik.
Vor einem grauen Stromkasten hatte eine andere ein rosa Händehandtuch auf dem Bürgersteig ausgebreitet, darauf lag eine beschädigte Babypuppe und ein Plastikbürstchen aus der Spielzeug-Abteilung und ein weißes, angeschmutztes Kleidchen und eine glitzernde Scherbe. Die Mittdreißigerin, die einen Knicks machte, um die Puppe hochzuheben, wandte den Passanten den Rücken zu. Die Großstadtprinzessin in ihr war nur noch in Fetzen vorhanden: Ihre dicklichen, nackten Beine, ihre ungepflegten Füße, irgendwelche hochhackigen, schiefen Sandalen, ein Netzhemd über dem baumelnden Busen, vier oder fünf kunterbunte Ketten, eine Schleife im Haar, offenbar von einer Pralinenpackung, das wirre Haar ungewaschen, die Schultern hoch-, die Brüste eingezogen, die Plastikpuppe mit fahrigen Händen streichelnd, von den abgebrochenen Fingernägeln blätterte Lack ab - sie murmelte nicht einmal, sie war ganz stumm. Ich glaube nicht, dass sie noch eine Wohnung hatte.
Puppen haben sie oft. Und oft tragen sie rosa und viele Schleifchen. Und oft sind ihre Lippen knallrot. Und je älter sie sind, umso greller klingt ihre sprachlose Rede. Sie wirken ganz und gar eingesponnen in einen tragbaren Märchen-Kokon, in den nur ein einziger Mensch passt und die Utensilien, mit denen sie ihre Geschichte ausstatten. Mit der Großstadt haben sie gebrochen oder sind von ihr verloren worden. Sie tauchen immer tiefer und tiefer in sich selbst, während sie sich an jedes Stück Plastikschmuck klammern, das sie ergattern können. Manchmal sind sie fast nackt und jeder könnte sie nehmen. Sie sind das Schutzloseste, was es gibt.
Großstadt-Prinzessinnen
“... ihre Füße sieht man unter mehrlagigen, knisternden, schwarzen Röcken nicht. Gerät man in ihren Bannkreis, also kommt ihr zu nah, dann strahlt sie eine tonlose, wilde, schwarze Wut aus und flattert davon. Man meint, ein Gerippe klappern zu hören und erkennt nur Tüllspitzen in Panik.”
Text Gabriele Bärtels, Zeichnung Julia Both


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