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Die Großstadtgärtnerin
“Perlen des Alltags” von Gabriele Bärtels
Schon im Februar, als die Vögel morgens immer lauter wurden, hatte die Großstadtgärtnerin auf dem Balkon gestanden und auf die leeren Tontöpfe geschaut, die sich in der Ecke stapelten. Daneben lagerte ein Rest Blumenerde aus dem letzten Sommer. Vor der Brüstung tänzelten noch Schneeflocken, aber vor dem inneren Auge der Großstadtgärtnerin war alles schon grün.
„Der Frühling ist da“, riefen auch die Blumenladen-Preisschilder an Primel- und Stiefmütterchen-Sixpacks, und da die Gärtnerin nicht vom Lande kam, glaubte sie es nur zu gern, obwohl der Augenschein etwas anderes sagte. Sie konnte ja wenigstens schon mal fegen, die Rattan-Sitzgruppe abwischen und Gummistiefel und Gartengeräte bereitlegen – letztere in Kinderspielzeuggröße.
Genau am ersten März schleppte sie den Oleander hinaus, der im Hausflur überwintert hatte und stellte ihn neben den Flieder an die Wand, der noch aussah wie ein toter Stock. Der Nachbar, der die Treppe herunter kam, mahnte: „Aber doch nicht vor den Eisheiligen!“ Das war der Großstadtgärtnerin egal. Das Thermometer zeigte schließlich fünf Grad über Null, und das muss eine Pflanze aushalten können.
So ein Oleander, besonders wenn er noch nicht aufgeblüht ist, steht auf einem Balkon ziemlich alleine, da hilft auch der Flieder-Stock nichts. Die Gärtnerin beugte sich über die Brüstung: Sämtliche Balkonkästen der tieferen Etagen waren noch mit Fichtennadelzweigen bedeckt, keine Geranie weit und breit. Doch es war so ein Prickeln in ihr, ein wehes Verlangen, das sie nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, also machte sie sich auf, ihren ersten Einkauf in einem Gartencenter zu tätigen.
Was es da alles Langvermisstes gab! Seidelbast, Azaleen, rosagestreifte und weiße Clematis, lila Hyazinthen, blaue Hortensien, Schachbrettblumen, gelbe Narzissen, Vergissmeinnicht. Angesichts dieses Farbenrausches nach dem ewigen Wintergrau wurde ihr ganz blümerant, und sie packte ein, was in den Einkaufswagen passte. Sie war nicht die Einzige, die innerlich Knospen trieb: An der Kasse stand eine lange Schlange – neunzig Prozent Frauen, jede von ihnen fünf Arme, an denen zehn Tüten hingen, in denen Blüten nach Licht rangen. Nach den hübschen, gepunkteten Gärtnerhandschuhe für Einsfuffzig grabschten die Damen auch noch.
„Das ist viel erfreulicher als ein Boutiquenbummel“, sagte die Großstadtgärtnerin zu der Frau hinter sich, die einen Fliederstock an sich drückte, und fuhr gleich fachmännisch fort. „Im ersten Jahr treibt der nur Äste, blüht aber nicht. Meiner kommt jetzt ins zweite.“
„Ja, mit Pflanzen muss man Langmut haben“, schwärmte die Kundin und erging sich in einem Monolog über den heilenden Umgang mit der Natur in einer Großstadt der Hast und Eile. Die ganze Schlange guckte schuldbewusst, denn sie hatten offensichtlich alle nicht genug Geduld, sonst hätten sie Samen gekauft statt fertig aufgeblühter Margerithenbüschel.
Für die Heimfahrt brauchte die Großstadtgärtnerin ein Lasttaxi, denn man kann eine lebende Balkon-Ausstattung nicht in der U-Bahn transportieren.
Zuhause sprang sie in die Gummistiefel, streifte ihre alte Jeans über und machte sich daran, ihren drei Quadratmeter großen Acker zu bestellen. Sie sang dabei: „Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt …“
Für dieses eine Mal waren abgebrochene Fingernägel und Dreck im Gesicht stylisch, und der Rücken tat auch schön weh. Während sie so wühlte, düngte, topfte und goss, wurde ihr bitterkalt. Die Vögel zwitscherten nicht mehr, es krächzten nur noch die Abendkrähen. „Es ist trotzdem Frühling“, urteilte die Großstadtgärtnerin mit blauen Lippen, trat einen Schritt zurück und fand, dass ihr Balkon beinahe sommerlich wirkte. Die orangerote Rapunzel stach von der städtischen Trübnis herrlich ab.
Drinnen kochte sich die Gärtnerin einen Tee und schaute beunruhigt zu, wie es dunkel wurde und wieder zu schneien begann. Vielleicht sollte sie den Oleander heute Nacht in eine Wolldecke wickeln? Rein kam er jedenfalls nicht mehr, und morgen würde sie den Sonnenschirm und das Insektenvernichtungsspray aus dem Keller holen.
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