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Alle Bilder (außer Bohrmaschine und Schrottplatz) und alle Texte: copyright Gabriele Bärtels 2006

Monolog einer Autobahnfahrerin (115 PS)

       

Summ, summ, summ. (140 kmh) Wusste ich doch, dass keiner so früh losfährt. Jawoll, meine Herrn, so haben wir es gern. Summ, summ, summ. (170 kmh) Was macht die Nuckelpinne auf der linken Spur? Hat wohl keinen Rückspiegel. Sieht nur sich und ihren viel zu früh eingeleiteten Überholvorgang. (Bremse). Verdammt, jetzt geh endlich rüber. Bis Du mit Überholen fertig bist, bin ich längst weg. (Bremse) Jetzt will er mir wohl zeigen, dass er sich nicht einschüchtern lässt. (110 kmh) Ja, verdammt, ich will Dich nicht einschüchtern. Hau endlich ab. (Blinker, Lichthupe) Na endlich.

Ich gucke dauernd in den Rückspiegel. Wenn ich sehe, dass einer von hinten angerast kommt, lenke ich sofort ein. Soll er sich doch totfahren, mir egal. (170 kmh). Ich reize mein PS-Potenzial nicht aus. Ich will nur, dass der Verkehr flüssig bleibt. Wenn das alle wollten, und ich meine, jeder kennt doch seinen Platz in der Rangordnung, die ist nun einfach unerbittlich, kämen wir viel schneller weg. Summ, summ, summ. Die Nuckelpinne und ihre Profilneurose sind nur noch zwei Punkte im Rückspiegel.

Was macht der Lastwagen da am heiligen Sonntag? Und jetzt überholt er auch noch ohne Blinken! Ich fasse es nicht! (Vollbremsung. Blick in den Rückspiegel) Was fährst Du auch so dicht auf, Du Arsch? Kein Gefühl für Nähe und Distanz. (100 kmh) Kommst Du noch näher, drück ich Dir die Pickel aus.

Einmal auf die Bremse tippen, nur ganz kurz, damit er sich erschreckt. Nein, in diese Kleingeistliga steigen wir nicht ab. Ich weiß was Besseres. Ganz und gar defensiv. Ich nehme nur den Fuß vom Gas. (80, 70, 60, 50 kmh) Keiner kann mir einen Strick draus drehen, dass ich mit einer Stoßstange im Genick nicht auf das Pedal zu treten wage. Bin eine verängstigte, von einem kalt grinsendem Kühlergrill genötigte Frau und kann aus Lastwagengründen nicht die Flucht nach vorn antreten. Dich werde ich Mores lehren. (Wildes Lachen) Rückst Du nicht ab, bleibt mein Wagen stehen. Mitten auf der Autobahn und auf der linken Spur. (40 kmh) Jawoll. Klappt doch.

So, mein Lieber. (60, 80, 130 kmh) Jetzt überhole ich noch den Lastwagen, und dann gehe ich nach rechts und gebe Dir den Weg frei, wie ich es von Anfang an vorhatte. Ich lebe in Frieden mit allen Autofahrern. Aber einmal hupen muss ich doch. Damit er sich nicht einbildet, ich hätte klein beigegeben. Damit klar ist, dass ich nur vernünftig bin, nicht zu lahm. Jetzt haut er ab, mit mindestens zweihundert Sachen und einem eingeklemmten Auspuff. Das macht er beim nächsten nicht wieder. Summ, summ, summ. (180 kmh)

Baustelle in 1200 m. Verengung auf eine Fahrspur. Reißverschlussverfahren. Gib Stoff, Mädel, damit Du den Schleicher noch mitnimmst. Der fährt garantiert genau 80. Dabei weiß doch jeder, dass man mit einem zwanzigprozentigen Aufschlag rechnet. Nur die Zwanghaften nicht. Hab ihn, aber das war knapp. Summ. Summ. Summ. (100 kmh)

Ach, da ist auch wieder unser Drängler. Hat es nicht geschafft, sich endgültig abzusetzen. An der Baustelle werden sie eben alle gleich. Nur, dass die Drängler nicht Kolonne fahren können und so lange auffahren und abbremsen, bis die Schlange Knicke kriegt und nur noch ruckweise vorankommt. Und ich stecke mitten drin und kann mich gegen die Dummheit nicht wehren. (50, 40, 30 kmh) Ich spiele mit dem Gedanken, seitlich auszubrechen.

Baustellen-Ende. Massenentlassung. Das Gaspedal lustvoll nach unten treten, spüren, wie die Reifen greifen. Das Leben ist herrlich und ich habe mich nie geärgert. (170 kmh) Summ, summ, summ. Ich könnte eine Pinkelpause vertragen, aber wenn ich anhalte, erwischen sie mich wieder und es kostet mich zehn Minuten. Hundert Kilometer noch. Da steht der Drängler am Rand mit kochendem Kühler. Da freue ich mich aber. Die totale Demütigung auf offener Strecke und alle haben es gesehen. (180 kmh)

Zisch. Er ist nur noch ein vergessener Gedanke, und ich sause meinem Ziel entgegen, und der Asphalt saust mit, und die weißen Streifen rutschen unter mir weg, und ich habe das Steuer in der Hand und die Macht und die Herrlichkeit unter der Kühlerhaube. Die Blase entleere ich dann zu Hause.nach oben

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