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Alle Bilder (außer Bohrmaschine und Schrottplatz) und alle Texte: copyright Gabriele Bärtels 2006

    Ich kann bohren   

 

Zu den Versatzstücken von Umzügen gehören Alpinaweiß in 20kg-Eimern, Kartons, Stromzähler und eine Bohrmaschine.

Zu den Versatzstücken meiner Umzüge gehörte bis dato auch ein Mann, der diese Maschine bediente. Wenn er dann mit seinem Handwerksköfferchen die neue Wohnung betrat, begrüßte ich ihn im Negligé, stieß schon an der Tür bewundernde Rufe aus, und wenn er endlich sein Ding ansetzte, um die Klopapierrolle anzubringen, sank ich in die Knie und flüsterte ergriffen: "Du bist mein Held!" Nach getaner Arbeit servierte ich ihm ein 5-Gänge-Menu und sprach nur in den höchsten Tönen. Soll er sich doch gut fühlen, soll er doch ein Held sein, Hauptsache, er bohrt, damit ich endlich meine Handtücher aufhängen, meine Teller ins Regal stellen, die Vorhänge zuziehen kann.

Diesmal musste ich einen solchen Mann lange suchen. Alle Freunde verreist oder frischgebackene Väter, die neuen Nachbarn noch fremd, und beim Gedanken an den Balztanz, den ich wieder absolvieren müsste, sank meine Laune sowieso schneller als ein Aufzug. Ich bin eine erwachsene Frau. Dieses Getue steht mir einfach nicht mehr. Vielleicht sollte ich mich dem Ding doch einmal nähern.

Vielleicht auch nicht.

Ich habe immer Angst gehabt vor Bohrmaschinen. Selbst wenn sie einfach so am Boden lagen, habe ich sie nicht angerührt. Sie hätten ja doch losgehen können, sich um sich selbst drehen, röhrend, zitternd, das ganze Haus erschütternd, sich blindlings in Tischbeine, Frauenfüße, Badezimmerfliesen fräsen. Ich schaute auf das leblose Werkzeug herunter und sah Mörtelstaubwolken zu Stürmen werden, Splitter als Kometen durch die Lüfte fliegen, fühlte wie warmes Blut rauschend aus meinem zerfetzten Körper floss. Ich unterdrückte einen Schrei und einen Weglauftrieb. Wenn der Mann die Bohrmaschine dann aufhob, erschien er mir wie ein Krieger mit Maschinengewehr, und ich lächelte ihm unsicher zu und trat einen Schritt zurück.

Der Zufall spülte Thore an. Jung, liebenswert, cool, balanciert auf der Leiter wie ein Tänzer, Handwerker von Beruf. Eine Freundin hatte ihn mir vermittelt. Als er sich gegen die neu eingepasste Arbeitsplatte in der Küche lehnte, seinen Tabak aus der Hosentasche zog und sich eine Zigarette drehte, fand ich ihn viel zu symphatisch und mich vom Kistenstemmen viel zu müde, um ihm Theater vorzuspielen. "Thore", sagte ich. "Ich kann nicht bohren. Aber ich habe es auch satt, jedes Mal seitenlange Liebesbriefe zu verfassen, damit ich ein Loch in die Wand kriege. Kannst Du mich entjungfern?" Thore sah amüsiert auf.

Rechts/Links-Lauf. 8ter und 6er Dübel. Schlagbohren niemals bei Kacheln! Holz-Bohrer und Beton-Bohrer. Für einen sicheren Stand sorgen. Und als schließlich die richtige Stelle mit Bleistift auf der Wand angekreuzt war, das Bohrfutter einen 8ter eisern umfasste, setzte ich mit zusammengekniffenem Gesicht und eingerollten Zehen das erste Mal in meinem Leben das Ding an und siehe da: es glitt in die Wand wie geschmiert, und als ich den Finger vom Abzug nahm, hörte es sofort auf zu routieren. "Thore!!!"

Am nächsten Tag im Baumarkt: "Ich möchte eine Bohrmaschine kaufen. Können Sie mir für Doofe erklären, worauf es ankommt?" Der väterliche Verkäufer war einer der letzten Männer, denen ich mit dem Großen Augenaufschlag entgegentrat. Dafür nahm er sich eine halbe Stunde Zeit, seine langjährige Erfahrung vor mir auszubreiten, die neuesten Modelle vorzulegen, Bohrfutter zu öffnen und Griffe zu verriegeln. "Lieber erst mal ein kleineres Loch, nacharbeiten kann man immer noch." Ich nickte eifrig und trug meine Errungenschaft nach Hause.

Nahm sie auf den Schoß, die Bedienungsanleitung vor mir auf dem Teppich, schraubte und drehte, sagte "aha" und "wieso geht das nicht?", steckte den Stecker in die Steckdose, ließ die Maschine probeweise aufröhren, fühlte 600 Watt Energie zu mir überfließen, legte sie wieder hin, fuhr mit der Hand über den Korpus, lief mit gezückter Waffe durch die neue Wohnung.

Ein Loch. Wohin damit? Vielleicht in die Küche? Für das Regälchen mit dem Spülmittel? Dass bloß kein Kabel unter der Wand entlangläuft oder gar ein Rohr!

Das Regälchen hängt. Seit drei Tagen schon. Ich bin jeden Tag fünfmal in der Küche gewesen, um das zu überprüfen. Ich lobte mich selbst, obwohl man das nicht soll.

In diesen Tagen bummelte ich mehrmals durch den Baumarkt - ein Einkaufskörbchen unter dem Arm - und erstand eine Wasserwaage, Schraubenzieher mit Holzgriffen, Stromprüfer, einen Franzosen (ja, da möchtet Ihr gern wissen, was das ist!) und Dübel in allen Farben. Auf einem Flohmarkt entdeckte ich ein lindgrünes Nähkästchen und das ist jetzt mein neuer Werkzeugkasten.nach oben

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