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Gefühlsdusel
Charakterstudie von Gabriele Bärtels
Der Gefühlsdusel ist ein Parasit des Unglücks anderer Leute. Er kommt in männlicher und weiblicher Form vor, in beiden Fällen hat er ein Wehwehchen-Gesicht, das sich bereitwilliger zu einer schmerzlichen Grimasse verzieht als zu einem Lachen. Es tut ihm wohl, weinerliches Mitgefühl zu entwickeln, an dem er ohne Nebenwirkungen kranken kann. Jeder Mensch, der in irgendeiner Form Opfer ist, hat es bei ihm gut.
Ein Beispiel: Otto hört von Ute, dass sie weniger verdient als ein Hartz-IV-Empfänger und am Abend nur noch Müsli zu essen hat. Am Telefon klingt Ottos Stimme zerknirscht wie ein zertretenes Bonbon. Seit dieser Mitteilung fühle er Weltschmerz. Dann beschreibt er detailliert, wie verzweifelt er über Utes Lage ist, wie ungerecht die Gesellschaft. Er sei ja auch immer Grünen-Wähler geblieben. Macht er eine Pause, dann nur, damit Ute ihm weiteres bedauernswertes Material liefert, wie zum Beispiel, dass sie nicht zum Zahnarzt geht, weil ihr das Geld für die Praxisgebühr fehlt. Seine soziale Ader schwillt und schwillt, und mit ihm sein Redestrom. Als er aufgelegt hat, ist eine Stunde um, Utes Problem nicht gelöst oder auch nur angegangen, aber der Gefühlsdusel getröstet, so gut es geht. Er hat versprochen, sich wieder zu melden, denn er kann nicht fassen, wie allein Ute mit ihrem Problem ist.
Ein zweites Beispiel: Eine Frau von fünfundsechzig Jahren liegt im Krankenhaus. Sie hat Krebs im letzten Stadium. Eine Bekannte mit Kummerfalten wie Lastwagenspuren kommt zu Besuch, bringt eingewickelte Buchgeschenke mit. Sie bleibt, bis sie alles von der letzten OP weiß, wirklich alles, saugt schmerzhafte Einzelheiten auf wie Nektar, ringt die Hände, bis es der Bettlägrigen schon peinlich wird. Als die Besucherin endlich gegangen ist, während sie ein tränenfeuchtes Taschentuch zerknüllte, packt die Todkranke die Geschenke aus, findet drei Bücher über Sterben. Es kann sein, dass sie es nicht mehr schafft, sie zu lesen. Dass die Bekannte später in ihrer Yoga-Gruppe mit ihrem Elend hausieren geht, wird sie nie erfahren.
Gefühlsdusels Merkmal ist, dass er für Klagen alle Ohren offen hat, aber nicht anpackt, um Abhilfe zu schaffen. Er will ja gar nicht, dass ein armes Opfer ohne ihn auskommt, denn dessen Leiden ist seine emotionale Zuckerwatte. Daher findet man ihn häufig in der Nähe von Jammerern und besonders gern im Umkreis von Süchtigen. Vordergründig steht er ihnen bei – vor allem mit ausufernden Gesprächen, in denen er hingebungsvoll in den schlechten Kindheitserinnerungen des Trinkers wühlt, bis er selbst einen Schluck braucht. (Aber das ist natürlich etwas anderes. Er verträgt es schließlich.)
Auch springt er nachts aus dem Bett, um eine Besoffene heimzuschleppen und sorgt dafür, dass sie am nächsten Tag beim Arbeitsamt entschuldigt ist. So macht er das mit ihr seit dreißig Jahren, und sagt, sie sei ihm „wie eine Schwester“. Stundenlang kann er von ihrem verpfuschten Leben erzählen, als wenn es sein eigenes wäre. Sein zur Schau gestelltes Mitgefühl klingt seltsam schwärmerisch.
Man darf vermuten, dass Gefühlsdusel wenig Sex haben, jedenfalls wirken sie eher esoterisch bis altjüngferlich als lustvoll. Sie glauben nicht an Zufälle, sondern an Sternzeichen. Für Kinderentführungsgeschichten aus Übersee, Robbenbabies und weltweit ausgestrahlte AFRIKA-Hilfs-Konzerte sind sie sehr empfänglich, dagegen richten sie kaum Augenmerk auf einsame Alte in ihrer Nähe, denen sie keine Lebenshilfe-Tipps mehr geben können, weil sie schon taub sind. Kommunikation ist aber wichtig für den Gefühlsdusel. Er will ja den anderen wissen lassen, was dessen Schicksal mit ihm macht.
Mit Menschen, denen es gut geht, kommt ein Gefühlsdusel auch nicht so zurecht. Seine Wünschelrute ist allein auf Tränenquellen ausgerichtet. Von solchen, die sein Mitleid zurückweisen oder sich weigern, dies mit Schilderungen ihrer erbärmlichen Lage noch anzuheizen, damit er darin warm baden kann wendet er sich ab, weil ihn fröstelt, und er sich plötzlich irgendwie so nackt fühlt. Er denkt: „So schlecht kann es dem/der gar nicht gehen!“, aber das würde er nie sagen.
Der Gefühlsdusel selbst hat natürlich überhaupt keine Probleme.
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