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Eine Hochschwangere meldet sich im Kreißsaal an. Es ist schon das dritte Mal, aber an Geburten kann sie sich einfach nicht gewöhnen.
Es ist dieses Linoleum in mauschelgrau, eine unübersichtliche Melange von dunkleren und helleren Tönen, die einem Fußbodenverkäufer für kleine Kinder empfehlen, damit der Schmutz nicht so auffällt. Eigentlich wenig Vertrauen erweckend für eine Geburtsstation, aber das ist wohl das Geringste.
Hinter mir öffnet sich eine Tür, die ich gar nicht wahrgenommen habe. Eine sehr schwangere Frau im weißen Flanellschlafanzug schleicht wie eine Schildkröte in Pantoffeln über das Mauschelgrau zur Automatiktür. Sie zupft sich das Flanell über dem Bauch zurecht. Vielleicht stützt sie auch von unten ein bisschen. Wie das zieht, wie das drückt am Schambein. Nach ein paar Minuten öffnet sich die Automatiktür wieder, und sie krötet in Zeitlupe zurück in ihr Zimmer. Vorwehenzimmer vermutlich. Sie ist gar nicht so viel schwangerer als ich.
Zum Glück schreit gerade keine. Ich weiß, dass mich diese Schreie verstört haben, als ich mich vor ein paar Jahren zum ersten Mal im Kreißsaal zur Geburt anmeldete. Und da wusste ich noch gar nicht, was kommt. Da gehörte ich noch zu denen, die mir meine Frauenärztin vor ein paar Wochen bei der Vorsorge mit einem Komplizinnenschmunzeln beschrieb. „Denken Sie“, sagte sie, „das Pärchen vorhin, hat schon um sechs Uhr hier Sturm geklingelt, weil sie dachten, es geht los. Heftige Wehen. Ach ja. Ich habe geschaut, und da war gar nichts. Auf dem Wehenschreiber gerademal ein winziges Häkchen, der Muttermund noch zu. Sie wissen ja, wie das beim ersten Kind ist. Aber wie bringt man das der Frau diplomatisch bei?“
Die Hebamme damals bei mir war zu lange im Geschäft, um sich mit Diplomatie aufzuhalten. „Gehen Sie wieder nach Hause“, hatte sie glasklar gesagt. „Das muss noch viel weher tun.“ Dreimal musste ich antreten auf diesem Mauschelgrau, bis es weh genug tat.
Keine Schreie, aber es tut sich auch sonst nichts. Kein Arzt zur Geburtsanmeldung anwesend. Die Zeit tickert weg. Das Baby tritt gegen meinen Rippenbogen, eingezwängt wie es da in seiner sitzenden Mama liegt. Ich bin ihm dankbar. Seit es meinen Bauch ausfüllt, kann es mich nicht mehr mit seiner Ruhe beunruhigen. Ich kann mich nun immer vergewissern, dass da wirklich wer in meinem Bauch wohnt. Wie schön. Ich kann kaum abwarten zu erfahren, wer dieses Menschlein ist. Nur - wie soll es da rauskommen?
Nun ist doch Bewegung. Erst wird ein Schiebebett mit einer Regungslosen verschoben. Dann treten grüne Menschen mit Gesichtsmasken und roten Gummi-Clogs auf den Linoleumgang. Kaiserschnitt wäre doch auch eine Möglichkeit, oder? Kleiner Schnitt, und gut ist es. Warum wird von uns dieses Heldinnentum gefordert? Zweimal habe ich bewiesen, dass ich mutig bin und das alles durchstehe. Beim dritten Mal darf man die Bonusmeilen abfliegen, oder?
Beim ersten Baby hatte mich die Hebamme, die blöde Schrulle, zweimal nach Hause geschickt, nachts um halb zwei durfte ich schließlich bleiben, schmerzgekrümmt und entnervt, wie ich schon war. Da war der Panikmoment. Das Unermessliche, das auf mich zukommen sollte, das dieser blöden Profifrau Ausgeliefertsein, die so tat, als wäre ich eine X-beliebige Erstgebärende. Selbst der doofe Wehenschreiber verharmloste das Ausmaß meines Leidens. „Mensch, freu dich, jetzt komm dein Baby“, sagte die törichte Hebamme. Noch so etwas maßlos Ärgerliches: Sie konnte sich die ganze Nacht nicht entscheiden, ob sie mich siezen oder duzen sollte. „Ich will eine Rückenmarksnarkose“, war das Einzige, was ich ihr sagen wollte. Sie verzog den Mund und meinte, naja, das sei wohl besser.
Die Suche nach der richtigen Stelle zwischen den Wirbeln dauerte endlos. „Noch etwas runder machen den Rücken“, sagte der freundliche Nachtarzt mit dem runden Gesicht. Wie soll das gehen mit dem Riesenbauch? Achtung, jetzt kommt eine Wehe. Und noch mal. Der Mann war gut. Er schwankte nicht zwischen Du und Sie, und er setzte schließlich den richtigen Piekser. Mit dem Schmerzmittel durchflutete mich eine Welle der Zuversicht. Ist gar nicht so schlimm.
Schwester Schrecklich, die wir später nur noch Brunhilde nannten, zog die Vorhänge zu und sagte: „Schlafen Sie ein bisschen“. Ich fand den Gedanken absurd. Mein Mann schlug auf der Behelfsliege die Beine hoch und ratzte tatsächlich friedlich weg. Ich lag wach auf der Seite, unter dem Einfluss von synthetischen Pharmazeutika und nie gekannten Naturgewalten. Der Schmerz war weg, doch das Baby erschütterte mich mit seinem Arbeitseinsatz in Wellen wie ein Erdbeben.
Das schöne Delirium war vorbei - mein Wimmern weckte meinen Mann. „Können Sie ein bisschen nachspritzen“, fragte ich die schnöde Brunhilde.
Sie zog den Vorhang auf und sagte: „Na so was, guck mal, wie schnell das jetzt gegangen ist, jetzt können wir nichts mehr geben, jetzt kommt gleich das Kind.“ Ich fühlte mich wie bei meinem ersten Fallschirmsprung, als ich unbedingt zurück ins Flugzeug wollte und mir der Sprunglehrer einen Schubs nach draußen gab und ich dachte, jetzt sterbe ich. „Jetzt darfst du gleich pressen“, sagte Brunhilde.
Ich presste meinem Mann die Hand. Die Zeit stand still und raste, ich weiß es nicht. Irgendwie fand sie noch Gelegenheit, den Arzt zu rufen und die Möglichkeit eines Dammschnitts zu erörtern. Ich weiß das. Aber ich weiß nicht wie und wann.
Die Kindsarbeit schien mich zu sprengen. Ich wimmerte und schrie und brüllte, ich war am Ende heiser. „Nicht in den Kopf pressen, nach unten“, mahnte mich Brunhilde streng. Und dann gerührt: „Da kommt das Köpfchen, fass doch mal hin, du kannst das Köpfchen schon fühlen.“ Ich hätte sie würgen wollen, wenn ich hätte können. Lass mich in Frieden. Ich will nichts fühlen, ich will, dass es vorbei ist.
Und dann war es auch vorbei. Mein Brüllen hörte auf, mein Mann erhielt eine zerquetschte Hand zurück. Der Arzt, Brunhilde, der Kinderarzt, ich weiß bis heute nicht, wie viele Menschen letztlich um mich waren, aber sie übernahmen nun die Geschäftigkeit und ließen mich endlich in Frieden. Nach Sekunden oder Stunden legten sie mir meinen handtuchgehüllten Sohn auf die Brust. Er hatte auch genug von ihnen. Sanft schluchzte er auf meinem Bauch, zerzaust und verwirrt, ein Wasserwesen im trockenen Exil. Das perfekte Baby.
Die Hebamme, die diesmal meine Daten aufgenommen hat, will eine Urinprobe von mir für die Akten. Leider könne sie mir heute nur den blauen Kreißsaal zeigen. „Den kenne ich schon von damals“, sage ich. Es gibt da noch andere Farben, ich glaube Malve und Pfirsich. Ich habe noch einmal in meinem Schwangerschaftsbuch nachgelesen, wie wichtig es sei, dass man sich in der Kreißsaal-Atmosphäre wohl fühle. Es rät, eine Klinik zu wählen, die auch über Gebärschemel und Geburtsbadewanne verfügt. Es ist dasselbe Buch, das auch Erleichterung von Aromaölen und der Lieblings-CD verspricht, die man keinesfalls vergessen solle. Wohlfühlen? Atmosphäre? Aromaöl? Wovon reden die?
Die zweite Geburt war weniger langwierig. Man könnte sie allein deshalb angenehmer nennen, auch wenn das Wort nicht ganz treffend ist. Alle Babys der Stadt hatten sich verschworen, in dieser Nacht geboren zu werden. Als wir in die Klinik kamen, waren die Kreißsäle und alle Wehen- und Vorwehenzimmer voll.
Deshalb schien die Hebamme ganz dankbar, als ich sagte, beim letzten Mal hätte ich mehrere Anläufe gebraucht und wisse nicht, ob es nun wirklich schon losgehe. Sie untersuchte mich oberflächlich und sagte: „Na, dann gehen Sie mal zwei, drei Stunden spazieren, dann sehen wir weiter.“
Es regnete heftig, und so blieb uns nur der nächtlich verwaiste Klinikgang. Alle zehn Meter stützte ich mich auf die Reling an den Wänden und krümmte mich in die Wehe, die sich wie ein breiter Gürtel um meinen Unterleib zog, und mein Mann drückte mir wohltuend mit der Faust ins Kreuz.
Dann schlichen wir weiter zwischen Glastüren, eine Runde, noch eine. Am Eingang der Station standen zwei Süßigkeiten-Automaten und davor eine Holzbank, die war nach jeder Runde unser Ziel. Ich wusste, dass ich schummelte, denn das Schwangerschaftsbuch warnt vor Müßiggang, der den Geburtsverlauf verlangsamen kann. „Ich bin zum Kinderkriegen nicht geboren“, sagte ich zur Entschuldigung zu meinem Mann. „Ist wirklich so, ich kann das nicht.“
Endlich, endlich war die Zeit vorbei, und wir durften zurück in die überfüllte Geburtsstation. Die Hebamme, von der ich, ganz anders als bei Brunhilde, keine Erinnerung habe, schnürte mir in einem Empfangszimmer den Wehenschreiber um den Bauch und eilte wieder davon. Die Zacken, die der Drucker von den Kontraktionen aufzeichnete, war ernüchternd undramatisch. Ich dachte immer noch, wenn die genügend Zeit hat, schickt die mich doch nur wieder nach Hause. Ich legte mich auf die Seite und ließ mich von den rauschenden Herztönen aus dem Lautsprecher einsäuseln und alle paar Minuten durchschütteln. Mein Mann rückte auf der schmalen Pritsche dicht hinter mich. Das hätte noch Stunden so weiter gehen können, ohne dass wir groß aufgefallen wären. Das vergessene Pärchen in Untersuchungszimmer eins.
Aber das Baby hatte keine Lust mehr auf Inkognito. Es nahm die ganze Kraft zusammen und übte den Kopfsprung. Ein warmer Schwall Fruchtwasser schoss aus mir heraus. Auf dem Ausdruck eine Riesenzacke. Es wurde unausweichlich, dass sich jemand um uns kümmert. Es dauerte noch einmal unbeschreiblich lange, vielleicht eine Minute oder zehn oder mehr. Als die Hebamme kam, schien sie bestürzt.
„Frau Schmitt, haben Sie Pressdrang?“ Ich hatte das ja schon mal mitgemacht, ich hätte das wissen müssen. Aber ich hatte keine Ahnung, ob ich Pressdrang hatte oder nicht, es war mir egal, ich wimmerte und stöhnte nur, ich wisse es nicht. Sie schaute selbst und sagte: „Ja, das Baby kommt, wollen Sie in den Kreißsaal umziehen?“ Aber ich wollte gar nichts mehr, ich wollte nur hier liegen und mein Schicksal beklagen. Aromaöl? Lieblings-CD? Wer denkt sich so was aus? Alles nur Hindernisse auf dem Weg zur Erlösung.
Das Baby hatte es nun eilig. Es dauerte eine halbe Stunde, die zusammenschmolz auf einen einzigen Punkt nicht mehr nachvollziehbaren Gebrülls und Gewimmers, bis ich wusste, es ist vorbei, es ist endgültig vorbei. Meine winzige Tochter lag auf meinem Bauch, und sie beklagte sich nicht einmal über die mühselige Ankunft. Sie schmatzte. Ja, sie schmatzte.
Schließlich kommt doch noch ein Arzt durch die Automatiktür, er hat seltsam hochhackige, weiße Arztsandalen an und wirkt ein klein wenig zerstreut. Nachdem wir eine lange Liste mit möglichen medizinischen Risiken und eventuellen Gegenmaßnahmen abgearbeitet haben, entlässt er uns mit einem Terminzettel. Fünf Tage nach dem errechneten Geburtsdatum sollen wir uns zur Übertragungsberatung melden. „Nichts da, so viel Zeit haben wir nicht“, sagt mein Mann, „der Kleine kommt pünktlich.“
Als ob das wirklich das Problem wäre. „Ich muss in fünf Wochen wieder hierher, und dann bin ich dran, ist dir das klar?“
Ist das wirklich wahr? Ich krame durch mein Gedächtnis, aber es fällt mir niemand ein, der mir das abnehmen würde.

Nachtrag: Es hat leider sechs Wochen gedauert, es ist ein praller Junge geworden, seine Mutter hat ihn lieb und schwört: Nie wieder!
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