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Unter Fußballfans

Text und Fotos von Gabriele Bärtels

Mehr als vierzig Jahre mussten vergehen, bevor ich aus dem einzig gültigen Grund (der Liebe wegen), das erste Mal zu einem Fußballspiel ging. Dass es ein Pokalspiel war, bedeutet mir nichts, und diesem Text ist es auch egal.

Gelinde gesagt, bin ich fassungslos. Als ich in der U-Bahn saß, sprudelte ein Rudel Fans herein, albern angezogen, betrunken und bekifft, kindische Rundgesänge anstimmend, standen sie wie Spaghetti in der Tüte eng an eng, schwitzend, immer wieder aufs Neue in den tiefsten Tönen grölend, bis meine Brillengläser zitterten. Irgendwo dazwischen hockte ein lächelnder, kleiner Japaner. Wir wechselten einen hilfesuchenden Blick. Als sich die menschlichen Gorillas auch noch an die Haltestangen hängten und den Waggon ins Schaukeln brachten, bekam ich es mit der Angst zu tun und versuchte mittels eines bösen Blickes weiteres zu verhindern. Aber wie kann man eine Horde Platzhirsche im Zaum halten, die in einen Kampf ziehen, den sie im Sitzen austragen? Der Tatendurst wird wahrscheinlich dadurch gestillt, dass man sich orangefarbene Plastikhütchen auf die Geweihe steckt und die Umgebung mit Lärm und Alkoholdunst verpestet.

Am Olympiastadion platzte die U-Bahn, und die Krieger – teilweise mit Pferdeschwanz und tätowiert - strömten Bierdosen und Fahnen schwenkend die Treppe hinauf. Ich sah lächerliche Mädchen mit geschmacklosen Vereins-Schals dekoriert und zwei alternde Damen. Ihre Figuren waren schon leicht aus dem Ruder gelaufen, aber das hielt sie nicht davon ab, sich im engen, goldglänzenden Anzug zu präsentieren, in den geschminkten Augen einen entschlossenen Amüsierausdruck. Die Anführerin von beiden schwenkte ebenfalls eine Fahne, aber nicht hoch über den Köpfen wie die torkelnden Männchen, sondern auf Halbmast, gewollt enthusiastisch, gemischt mit ältlicher Mattigkeit.

Auf dem Weg zum Eingang ging es durch ein Wäldchen. An allen Bäumen – mancher musste sich mit einem Strauch begnügen - stand eine schwankende, männliche Gestalt und ergoss sich ins Erdreich. Welchem Verein sie huldigte, war ihr an dieser Stelle wurscht.

Weiter ging´s, an Würstchenbuden vorbei, und langsam begriff ich, dass sich hier im Stadion heute 72.000 Exemplare einer Spezies versammeln würden, zu der ich entschieden nicht gehörte. Der Liebste ging auch schon demonstrativ einen Schritt voraus. Die Spezies staute sich an den Eingängen, durch den sie nur noch einzeln schlüpfen konnte. Mein empörter Blick hinderte den Muskelshirt-Ordner daran, meinen Körper nach Waffen zu abzutasten, doch meinen Rucksack musste ich öffnen. Ich lächelte cool, als der Ordner hineingriff. Die frische Unterwäsche, die oben lag, ließ ihn zurückzucken, und er winkte mich durch. Rechts und links von den Sperrgittern türmten sich Dosen und Flaschen, die die Fans zurücklassen mussten. So weit ich blickte, entdeckte ich in dem Gewimmel keinen Mann mit einer gesunden Gesichtsfarbe. Alle Birnen waren rot. Dazwischen kauerten Frauen.

Ich saß im ersten Rang. Vor und neben mir verteilte sich eine Gruppe schmerbäuchiger Veteranen. Sie warfen mir verschwimmende Blicke zu, einer holte einen Kümmerling aus der beigefarbenen Popeline-Jacke und ließ ihn kichernd vor meinem Gesicht baumeln, der andere zog einen Pulli aus einer Plastiktüte und lallte: „Dassiss Liebe. Haddie Frau einjepackt.“ Die meisten waren schon weggetreten, bevor das Spiel angepfiffen wurde.

Zehntausende Menschen in Stadion-Sitzreihen sind ein atemberaubender Anblick. Sie bogen sich wie vom Wind bewegtes Getreide, schienen übereinander zu kriechen, sich mit ihren grünen Schals gegenseitig zu erdrosseln. Ich saß steif und gerade und machte nicht mit. Tief unten auf dem besonders grünen Rasen tanzten winzige Kinder in Kostümen und winzige muskulöse Männer trommelten einen rituellen Rhythmus. Das Raunen aus zahllosen kampfbereiten Kehlen schwoll zu einem haushohen Grollen an, straßenbreite Plakate wurden entrollt, die nichts zu verkünden hatten, außer dass der Stamm der grünen Schalträger siegen möge. Ich versuchte, mich gedanklich auf die andere Seite des Stadions zu setzen. Von dort aus war ich nur ein Faden in einem Menschenteppich.

Als der Ball ins Rollen kam, brabbelte die Fanmasse unverständliche Heldengesänge und aus ihrer Mitte zuckten Blitze. Die zweiundzwanzig Spieler eilten hin und her, bis das erste Tor fiel. Auf beide Mannschaften verteilt, waren es insgesamt fünf. Jedes Mal schlug der Menschenteppich unter dem Stadiondach Wellen. Der Liebste wollte die Torszene mit mir diskutieren. Leider hatte ich meistens nichts gesehen. Irgendwann wandte sich einer der älteren Herren nach ihm um und stellte grölend fest: „Das war ja wohl Foul!“ Sie schauten einander in die Augen, als würden sie sich schon ewig kennen.

Gegen Ende der zweiten Halbzeit zogen unten um das Fußballfeld Mannschaften in neongrünen Westen auf. Sie führten Hunde an der Leine, verschränkten die Arme und stellten sich mit dem Gesicht zum rasenden Publikum. Ich dachte bei mir, dass sie im Zweifelsfall in der absoluten Minderheit wären.

Während Sieger- und Verliererfans noch über Stuhllehnen kletterten und fielen, zog ich mich leise zurück. Auf der Treppe lagen Schnapsleichen, auf dem Platz vor dem Stadion wehte der Wind Plastikbecher und zerfledderte Zeitungen zu schaumbedeckten Dünen zusammen. In dem Wäldchen wateten Männer über uringetränkte Erde  und fügten noch welchen hinzu. Die Bäume trafen sie nicht mehr.

Der Fanstrom floss in die erste U-Bahn und staute sich dort. Im Gedränge flammten Diskussionen auf, eine Art Nachbesprechung des Feldzuges, von der ich kaum ein Wort verstand. Ich wurde an meinen schweigsamen Liebsten gepresst und spürte, dass ihm jeder Mann an seiner Seite lieber gewesen wäre.

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