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In bester Gesellschaft mit Fuchs & Hase
Der Niedergang der Menschheit war nie aufzuhalten
Unkenruf von Gabriele Bärtels
Dass die Menschheit ihren Zenit überschritten hat, will niemand hören, weil es schlechte Laune macht. Die dicksten Leute, die sich kaum noch fortbewegen können, sagen: „Du mit Deiner Weltuntergangsstimmung.“ Doch meine Stimmung ist gut, denn ich bin ein Risikoverdränger wie sie, und trotzdem pfeifen wir auf dem allerletzten Loch.
In der Schule habe ich gelernt, dass sich Hasen in der freien Natur explosionsartig vermehren, solange es nur wenige Füchse gibt. Das geht eine Weile wunderbar. Doch auf einmal hoppeln hunderttausend Hasen herum, haben sich selbst die Nahrung weggefressen und torkeln mit schwachen Knien den versprengten Füchsen ins Maul. Es naht die Ära der Füchse. Sie schlagen sich die Bäuche voll, vögeln und vermehren sich, bis sie die Hasenbrut restlos aufgefressen haben. Wenn ihre Mägen zu knurren beginnen, ist ihre große Zeit vorbei, und die letzten überlebenden Hasen rammeln ungestört den nächsten Hasenbabyboom zusammen. Das ist der Lauf der Natur: Immer hübsch ausbalanciert.
Manchmal geht er sehr langsam, aus unserer Sicht betrachtet in Zeitlupe, so dass wir ihn nicht bemerken, sondern uns einbilden, die Natur diene uns statt umgekehrt. Doch wir Geschöpfe können ihrer nicht Herr werden und ihre Gesetze nicht aushebeln. Außerdem geht es gar nicht mehr langsam, sondern rasant, wenn man die letzten Jahrzehnte betrachtet, in der wir unseren Lebensraum drastischer verändert haben als in Millionen Jahre zuvor. Es gibt den Begriff des tipping point, demnach bleiben bestimmte Kurven lange unauffällig niedrig, bis sie sich plötzlich überschlagen. Kleine Flügelschläge lösen dann Lawinen aus, die schon mucksmäuschenstill hinter den Kulissen standen.
Denke ich an unsere Erde, die das Schiffchen ist, auf dem wir durch das Universum treiben, dann schwirren zwei Filmchen in meinem Kopf, beide im Zeitraffer und von einem anderen Stern aus betrachtet.
Auf der blauen Erde erkennt man schwarze Pünktchen hier und da, wie eine frische Bakterienkultur in einer Petrischale. Es werden mehr, bald wimmeln sie wie Mohn auf einem Brötchen. Sie ballen sich zusammen, so dass sich schwarze Flecken bilden, umgeben von einzelnen Pünktchen. Wie Eisenstaub, der von Magneten angezogen wird, rutschen auch die letzten schließlich zu den schwarzen Flecken, welche sich zu brodelnden Flatschen auswachsen, die große Flächen überziehen und mit ihren Ausdünstungen die Luft verpesten, bis der Globus nicht mehr blau erscheint, sondern schwarz. Mir kommt das vor wie eine gigantische Hasenpopulation ganz ohne Füchse.
Das zweite Bild ist die Erde als mit Wasser gefüllter Kochtopf. Darin paddeln wir Menschlein zwischen Bäumen, Tieren und Autos. Und ohne, dass es einer heißen Herdplatte bedarf, fängt das Wasser an zu sieden, wir beginnen zu schwitzen, werden hummerrot und sterben. Ist das nicht das, was Wissenschaftler als Klimakatastrophe bezeichnen? Kaum dass die aus den Nachrichten ist, will keiner mehr was von ihr wissen, dabei köcheln wir schon auf Stufe Eins.
Es ist ja nicht so, dass früher alles besser war. Gut und Böse blieben aber analog und Turbulenzen gleich welcher Art regional begrenzt. Ansteckende Krankheiten verbreiteten sich nie weiter, als ein Mensch wandern konnte, Kriege gewann man von Mann zu Mann, ohne dass ein anderes Völkchen hinter den Bergen davon etwas mitbekam. So erblühten zahlreiche Sprachen, Religionen, Küchen, Hautfarben und Moden, der schönste Artenreichtum einer Natur, die ja auch sehr viele verschiedene Vögel kennt. Monokulturen allerdings hat sie auf Dauer nie verziehen, das weiß jeder Bauer. Die laugen den Acker zu sehr aus. Auch jede Bank wird einem raten, das gesamte Vermögen nicht auf einen einzigen Fond zu setzen.
Doch wir verwandeln uns in Höchstgeschwindigkeit zur Monokultur: In kurzer Zeit haben wir massenhaft Arten ausgerottet, die vor einer Ewigkeit von der Arche Noah getrottet sind, und sämtliche Shoppingmeilen der Welt sind mittlerweile austauschbar - Geschäfte, Architektur, die Frisuren der Menschen, die darin herumlaufen. Überall trinken sie Cola, gucken die gleichen Fernsehshows, haben weiße Kabel aus dem Ohr hängen. Diese Welt-„Kultur“ kennt nur noch eine Handvoll vermeintlich großer Künstler, die maximal glatt geschliffen sind, um Milliarden Menschen zu gefallen, während nationale Besonderheit weniger ankommt. Um dem universalen Schönheitsbild zu entsprechen, lassen sich Asiatinnen die Augen größer machen, Schwarze die Haut bleichen und alle Völker reden miteinander in einem schlechten Englisch, das weit hinter ihre Ausdrucksmöglichkeiten zurückfällt.
Wenn bei den Antipoden ein Börsencrash passiert, ist es derselbe wie bei uns, und es gibt keine Aktie mehr, die auf eine einsame Insel fliehen könnte, um ihrem Fall zu entgehen. Mensch-, Tier- und Pflanzenseuchen verbreiten sich so schnell und weit wie unsere Flugzeuge, und fällt der Strom aus, dann nicht mehr nur im eigenen Dorf, sondern gleich in mehreren Ländern. Nach wenigen kilowattlosen Tagen herrscht Chaos und Anarchie, denn so gut wie alles, was unsere Städte in Ordnung hält, wird mit Strom betrieben. Mit unserer Körperkraft ist es ja nicht mehr weit her.
Die digitale Parallelwelt erscheint praktisch, weil der Mensch außer einem Finger nichts mehr rühren muss und trotzdem eine Rolle spielt. „Ich gehe in Internet“, sagt er, dabei hat er sein Sofa gar nicht verlassen, und sogleich surft er virtuell, ohne etwas über Windverhältnisse wissen zu müssen. Im Second Life-Land reißt er Bäume aus und vertilgt dabei in der Wirklichkeit sinnlos viele Kartoffelchips. „Meinen Kindern soll es einmal besser gehen“, hatten sich seine Eltern gewünscht. Doch „Bessergehen“ wurde mit Dekadenz ersetzt, oder wie soll man abgesaugtes Fett und Blattgold auf Sahnesorten betrachten?
Vermutlich gab es früher genauso viele Fanatiker, die „dieses System“ oder die Welt zerstören wollten. Unser Problem ist, dass sie sich heute im Internet kinderleicht informieren können, wie dies anzustellen ist. Gleichzeitig hat sich die Ungerechtigkeit auf dem Erdball massiv erhöht, und so lassen sich über dieses Medium Heerscharen Verarmter, Charakterschwacher und Rachlustiger aller Länder rekrutieren, an denen der Kelch der Dekadenz vorbeigegangen ist. Ihnen kamen stattdessen die Wurzeln abhanden, Zähne, Jobs und Kinder, kurz alle Gründe zum Leben, während eine Handvoll Übermenschen auf gigantischen Geldbeuteln hockt und doppelt so alt wird, weil sie sich Hightech-Medizin leisten kann. Hinter der zivilisierten Fassade brodelt mehr Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft denn je, wie man nicht nur in europäischen Fußballstadien beobachten kann. Ein Agitator von heute, der zum richtigen Zeitpunkt das richtige Thema setzt, kann Flächenbrände des Hasses auslösen, die Ozeane überspringen, oder er verseucht diese kurzerhand mit einer winzigen Ampulle und nimmt billigend in Kauf, dass er selbst dabei draufgeht. Handelt es sich um einen Diktator, dann schießt er im dritten Jahrtausend seine Atombombe direkt in eine europäische Hauptstadt. Man kann Aggression auf Dauer nicht im Guten begegnen, und deshalb hilft Diplomatie hier nur bedingt.
Die Natur hat uns zwar eine recht große Auffassungsgabe beschert, doch auch diese ist endlich. Und so kommt es, dass man aus zehn Millionen Google-Hits Informationen herausfiltern muss, täglich dreihundert Mails auf Beantwortung warten, und das überzogene Online-Girokonto keine Gnade walten lässt, denn digital ist nun mal mathematisch herzlos. In der analogen Welt wiederum soll man sich im Supermarkt zwischen hundert Marmeladen entscheiden. Sportlern werden Wettkampf-Leistungen abverlangt, die ihre Natur nicht vorgesehen hat, was wiederum dazu führt, dass ohne Doping nichts mehr geht. Und in den Ballungsräumen sitzen die einen bei schmalen Bezügen in der Ecke herum, während die anderen wie selbstverständlich hundertzwanzig Stunden die Woche schuften. Beides überfordert Körper, Seele und Geist, sowie das gegenseitige Verständnis. Weil keine Kraft für die Liebe übrig bleibt, vereinzeln wir dramatisch.
Die Regelkreise der Natur bestehen aus sehr komplexen, wechselseitigen Abhängigkeiten. Bis vor wenigen hundert Jahren balancierten sie sich wunderbar selbst aus, so wunderbar, dass der Zweibeiner sogar Götter nach seinem Spiegelbild erfand, deren Schöpfung er pries, weil er nicht glauben konnte, dass solche Genialität ohne sein Bewusstsein entstanden ist. Unsere zum Denken geschaffenen Hirne konnten gar nicht anders, als zu versuchen, diese geheimnisvollen Zusammenhänge zu entschlüsseln und Entdeckungen zu machen. Aus diesen Aha-Erlebnissen wurde das erste Rad, später Wolkenkratzer, Atombomben, Psychoanalyse und Impfungen gegen Pocken entwickelt, aber deswegen ist der Mensch heute ja nicht weniger krank, sondern anders. In seinem künstlich geschaffenen Lebensraum blühen die Zivilisationskrankheiten, seine feinen Sinne sind durch Dauerberieselung abgestumpft, er schmeckt nur noch süß und sauer und nichts dazwischen, sein eigener, innerer Regelkreis ist durchgedreht, und Kuchen backen kann er auch nicht mehr.
Der genaue Zeitpunkt, an dem die Erde noch ertragen konnte, was seine Bürger zu ihrem Besten erfunden, erforscht, errichtet haben, ist wohl nicht bestimmbar, jedenfalls liegt er schon eine Weile zurück. Längst sind wir gezwungen, zahlreiche, aus dem natürlichen Gleichgewicht geratene Kreisläufe in Schach zu halten, obwohl das unser Begriffsvermögen übersteigt. An allen Fronten wird wie wild gemessen, gewogen, gezählt, geprüft: Mit Statistiken, Thermometern, Geschwindigkeitsmessern, Zollstock, Lot und Hochrechnungen erzeugen Horden von Wissenschaftern täglich ein unüberblickbares Datenmeer, Politiker werden sich über die Schlussfolgerungen nicht einig, Konzerne versuchen, ihre Interessen zu wahren, und da soll noch einer behaupten, er wüsste, was er tut, wenn er sagt: „Am Schadstoffausstoß meines Autos wird die Natur schon nicht scheitern.“ Stimmt, wird sie auch nicht, sondern sie wird uns vorher aussortieren.
Wie Hase und Fuchs macht jede Art macht so lange weiter, was ihre Gene vorgibt, bis sie an ihre natürliche Grenze stößt. Das wird mit uns auch nicht anders sein, da mögen wir noch so viel Transzendenz in unserem Tun suchen. Den Niedergang aufzuhalten, hieße, die Menschheit müsste wieder ihre Natur handeln, also nicht mehr für zwanzig Euro nach Neapel flegen, Strom sparen, zu Fuß laufen, an den Nachbarn denken, vom Profitstreben absehen, Rückbau betreiben.
Doch das kann ja schon der Einzelne nicht, geschweige denn ein Staat, noch weniger viele Staaten. Der Unterschied zu Fuchs und Hase besteht bloß darin, dass wir unserem Ende sehenden Auges entgegensteuern. Dieses verdammte Bewusstsein war halt schon immer unser Problem.
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