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Frisch from Friseur
Perlen des Alltags von Gabriele Bärtels
Ohne vernünftige Begründung habe ich mich zeitlebens an weibliche Friseure gehalten, und viele Jahre nicht einmal an die, weil ich keiner traute. Ich trug mein Haar lang, wollte es nur gerade abgeschnitten haben, und selbst das konnte verunglücken, wie ich mehrfach feststellte.
Hatte ich dann doch mal einen Termin, weil keine Freundin zur Hand war, der ich den Schneidejob überlassen konnte, so saß ich angespannt auf dem Stuhl, auf dem meine Oberschenkel festklebten, verfolgte im Spiegel die Scherenspitzen und jeden Schnapp, den die Friseuse machte, prüfte die Länge jedes Haarbüschels, das auf den Boden segelte, zwinkerte, weil sich die Reste in meinen Wimpern verfingen.
Auch diese Dame kürzte selbstherrlich viel mehr, als ich ihr zugestanden hatte. Was sie schließlich mit Fön und Rundbürste zur fertigen Frisur auftürmte, lobte ich, als mir die Meisterin mit dem Handspiegel meine neue Hinterkopfsilhoulette zeigte, die ihrer eigenen verdächtig ähnlich war, und zerwühlte es, kaum dass ich aus dem Laden und um die Ecke war. Man kann sich wahnsinnig fremd gegenüber stehen. Ich benutze kein Haarspray, jetzt umwölkte mich dieser beißende Gestank, und ich war auch nicht der Typ für Fönwellen, mochten sie noch so angesagt sein.
Meine Freundlichkeit gegenüber Friseuren war von vorn bis hinten gespielt. Zu vertraut war mir die Handbewegung, mit der diese Berufsgattung abschätzig in mein dünnes Haar griff, um es aufzuplustern. Ich dachte, mein Lächeln hilft, damit sie mich nicht absichtlich noch mehr verwüsten. Noch jedes vereinzelte Mal, dass ich mich breitschlagen ließ, einen anderen Schnitt/Farbe/Dauerwelle auszuprobieren, hielt ich daheim sofort den Kopf unter Wasser, schäumte die Kreation weg oder ertrug verbissen monatelange Verschandelung.
Dass Frauen aus dem Nichts beschließen, sich ihren Kopfschmuck ratzekurz abzuschneiden, ist ein bekanntes Phänomen, und ich bin da kein Außenseiter. Eines Tages trat ich also mit ratzekurzen Haaren aus einem Coiffeurladen, und sah mich nicht um, als der Lehrling meine alten Strähnen zusammenkehrte. Das freie Gefühl um Stirn und Ohren war etwas beängstigend, aber herrlich. Nie wieder würde ich die störende Mähne zurückwerfen, bis mein Hals ausrenkte, keine langen Haare mehr aus dem Badewannenabfluss zupfen und beim Schwimmen freie Sicht haben. Auch innerlich war ich eindeutig ein neuer Mensch. Zu dieser Friseurin würde ich allerdings nicht zurückkehren, denn sie hatte die ganze Zeit versucht, mir Haarspray und Pomade zu verkaufen, während ich lieber stumm in den Spiegel meditiert hätte.
In dieser glücklichen Minute war mir noch nicht klar, dass ein Kurzhaarkopf viel öfter zum Friseur muss, regelmäßig alle vier bis sechs Wochen. Als acht Wochen um waren, fluchte ich über diese gottgebenen Abhängigkeiten, und mir schwante, dass der Tag gekommen war, an dem ich mir irgendeine Haarschneiderin schöngucken musste.
Mein Glücksfall war Lale, eine zierliche, türkische Frau mit langen Locken, die mich kritisch beguckte, als ich – der alte Schnitt schon reichlich zottelig, wieder einmal ein neues Friseurgeschäft betrat, innerlich schon gegen jegliche Verhässlichung gewappnet.
Sie legte mir die Hand auf die Schulter und sprach: „Hier bist Du in guten Händen“, und ich glaubte es sofort, vielleicht, weil sie mich dabei wirklich ansah und gar nicht wie ein fashion victim aussah. Ich antwortete: „Mach doch, was Du willst.“
Dann schnippelte sie mir die beste Frisur, die ich je hatte. Ich sah im Spiegel zu, wie ich immer hübscher wurde, und dass sich dabei Härchen in meinen Wimpern verfingen, war völlig nebensächlich. Mir kam es vor, als wäre diese Frau nicht Friseurin, sondern Bildhauerin, so, wie sie vor- und zurücktrat, hier ein Millimeterchen kürzte und da eine Franse richtete. Als sie mit dem Fön die letzten Spuren ihrer Kunst aus meinem Gesicht pustete und mir den Umhang wegzog, war ich eine schaumgeborene, strahlende Venus mit dem passendsten Kurzhaarschnitt überhaupt und konnte gar nicht mehr aufhören zu grinsen.
Nach nunmehr zwei Jahren geschäftlicher Beziehung haben meine Friseurin und ich die Männergeschichten durch, sind bei Politik und Gesellschaft angekommen, erregen uns über Sekten, tauschen türkisch-deutsche Kindheitserinnerungen aus, streifen Benzinpreise und Rocklängen. Dass ich eine freie Stirn brauche, muss ich nie wieder betonen. Auch als ich heute von ihr fortging, strebte ich nicht nach Hause, sondern machte einen Umweg an einer Baustelle vorbei, genoss, dass die Maurer pfiffen, und gab ihnen absolut recht.
Linktipp: Unsere Großmütter konnten noch die kompliziertesten Zöpfe flechten, leider geht diese Kunst in den folgenden Generationen verloren. Wer mal wieder Lust hat (und lange Haare), der besuche die umfangreiche Website DREAMWEAVER BRAIDING. Sie ist englischsprachig, aber die Anleitungsbilder versteht jeder.
Friseursalon HAIRPORT, Neue Kantstraße 26, 14057 Berlin, 030-30304 894
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