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Es ist wahrscheinlich eine kitschige Geschichte, aber sie ist wahr. Ich hatte eine Freundin, die arbeitete in einer wichtigen Werbeagentur, ihre Augen waren groß und grün und strahlten eine schüchterne Süße aus. Mit den Männern hatte sie genauso viel Glück wie ich: Gar keines. Wie oft wir auf ihrem Sofa saßen oder an meinem Küchentisch – rauchend, trinkend, sehnsuchtsvoll – kann ich nicht zählen.
Unsere wichtigste Gemeinsamkeit war vielleicht die, dass wir mit unseren jeweiligen Leben nicht glücklich waren. Wir wollten beide Schriftstellerinnen werden. Während ich um die Aussage jedes Satzes rang, schrieb sie in acht Wochen einen oberflächlichen Plauderton-Liebesroman, der genau das glückliche Ende nahm, das man von Anfang an erwartete. Unterdessen verdiente sie in ihrer Agentur monatlich so viel wie ich als Aushilfskellnerin in einem halben Jahr.
Wäre sie nicht nach London geflogen, um vor dem Vorstandsvorsitzenden eines internationalen Konzerns eine neue Werbekampagne zu präsentieren, hätte sie diesen nie kennengelernt. Zufällig nahm er die gleiche Maschine zurück nach Deutschland, und als er sah, dass der Platz neben ihr frei war, fragte er, ob er sich setzen dürfe.
Als ich sie nach ihrer Heimkehr zum Kaffeeklatsch traf, glühte sie wie ein Eisen im Feuer. Sie zeigte mir ein Foto von Ihm und streichelte es wie eine Geisteskranke. „Ich stürze mich aus dem Fenster, wenn Er nicht anruft“, - davon war sie nicht abzubringen. Ich diagnostizierte Symptome einer hochgradigen Erstverliebtheit.
Er rief an, schickte ihr ein Flugticket, einen Chauffeur. Es dauerte nur vier Wochen, bis sie seinen Heiratsantrag annahm und weitere zwei Monate, bis sie ihre Wohnung kündigte und aus der Stadt verschwand.
Ihren Mann lernte ich bei der Hochzeit kennen und erkannte, dass die beiden sich wirklich liebten. Die Feier fand in einem Schloss statt, mit dreihundert Gästen und einem Brautkleid, das ein berühmter Designer exklusiv für meine Freundin entworfen hatte. Sie heulte während der Trauung ohne Unterlass.
Währenddessen lag ihr Roman-Manuskript bei einer Freundin herum, die wiederum hatte privaten Besuch von einem Lektor, der warf einen Blick hinein und nahm es gleich mit in den Verlag. Ein halbes Jahr später kam das erste Buch meiner Freundin heraus und wurde auf Anhieb ein Bestseller der Trivialliteratur.
Doch, ich habe mich irrsinnig für sie gefreut. Aber ich war immer noch Aushilfskellnerin, meine Geschichten wollte keiner verlegen, ich war in niemanden verliebt, ging jeden Tag dieselben ausgelatschten Wege, würde Schwierigkeiten haben, die nächste Miete zu bezahlen. Das schrieb ich meiner Freundin in einer täglichen E-Mail. Sie berichtete mir von New York, Buenos Aires, Lissabon, und ihrem Mann, und dass sie manchmal beide vor Glück heulten. Gelegentlich ging ich in eine Buchhandlung, suchte ihr Buch und fand einen großen Stapel davon. Ich blätterte es nicht einmal durch, es war so simpel. Doch ich las ihren Namen über dem Titel und dachte: Das ist nicht fair.
Dann hörte ich ihre Stimme am Telefon, sie zwitscherte richtig, und ich lächelte erfreut, doch mir fiel nichts anderes ein, als von Absagen zu reden, von Schulden und schlaflosen Nächten. Sie tröstete mich, so gut sie konnte. Ich hätte gern gesagt, dass ich doch viel besser schrieb als sie, aber das klang neidisch, und das war ich nicht, also schwieg ich.
Monate später besuchte sie mich mit ihrem Mann, und wir gingen ins beste Restaurant der Stadt. Ein Kellner rieb Trüffel auf meine Spaghetti, und ich rauchte fünfundzwanzig Zigaretten, weil meine Freundin so reich und so glücklich aussah und ihr Mann intelligent, weltmännisch, höflich und warmherzig. Ich strengte mich an, genauso zu sein, aber ich wusste, dass mein Ledergürtel aus Plastik war, meine Haare schlecht geschnitten, mein Kopf voller trauriger Begebenheiten.
Als sie mich im Taxi nach Hause brachten, heulte ich im Bett, statt mich über ihren Besuch und die Einladung zu freuen, was ich ihr zum Abschied allerdings lauthals versichert hatte. Das Essen und der Wein müssen Hunderte gekostet haben, rechnete ich. Davon konnte ich wochenlang leben. Wieso, fragte ich mich, schenkte mir meine Freundin mit dem reichen Mann und dem trivialen Bestseller eigentlich nichts als gute Worte?
In unseren täglichen Mails beschrieb ich die Hungersnot, die mich bald befallen würde, noch drastischer. Sie drückte mir weiter alle Daumen und schickte mir die Rohfassung ihres zweiten Romanes. Es war eine noch lächerlichere Liebesgeschichte als der erste. Ich dachte: Das musst Du ihr unbedingt sagen. Aber ich schwieg.
An einem meiner schwärzesten Tage schrieb ich ihr dann eine Mail, in der alles auf einmal aus mir herausbrach. Sei sei doch abhängig von ihrem Mann, diese äffische Liebe nicht mehr normal, sie habe wohl völlig den Boden verloren, auf dem sie gewachsen sei, Schriftstellerei sei ihr Geschreibsel nicht, sie habe nur unverschämtes Glück gehabt, das müsse ihr doch klar sein. Warum gab sie mir, die wirklich kämpfte, davon nichts ab? Nein, sie sei keine Freundin, keine echte. Während der Computer die Internetverbindung herstellte, fühlte ich kalte Wut, und dass ich absolut im Recht war.
Eine Antwort erhielt ich nicht, und je mehr Tage verstrichen, desto klarer wurde mir, dass sie mir das letzte Wort überlassen hatte. Nur weil ich hin und wieder eine Buchhandlung betrat, erlebte ich mit, wie sie ihren zweiten Bestseller landete und ihren dritten. Ich kaufte keinen davon, las nur die an ihren Mann gerichtete Widmung. Erst mehrere Jahre später, ich lebte recht und schlecht vom Schreiben, habe ich ihr einen Weihnachtsbrief geschrieben und mich ausführlich und aufrichtig entschuldigt. Sie schrieb sogar zurück, freundlich, höflich. Sie habe diese Zeit hinter sich gelassen. Sie wünsche mir alles Gute.
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