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Diese Frage hat Frida Giovanni di Lorenzo geklaut, der sie Alice Schwarzer in der 3nach9-Talkshow stellte. Wir erzählen vier Geschichten aus dem Leben von Maja.
 Frauenfreundschaften können spontan entstehen, tief reichen, lange dauern. Um sie gegen Männerfreundschaften abzugrenzen, darf man wohl sagen, dass Frauenfreundschaften auch Liebesverhältnisse sind, intime, schwesterliche, zärtliche. Eine Frau räumt einer neuen Freundin umstandslos viel Platz ein, lässt jegliche Fremdheit fallen wie ein ausgezogenes Kleid. Das enge Verhältnis manifestiert sich in langen Telefongesprächen, gegenseitiger psychologischer Beratung, gemeinsamen Radtouren und all diesen tausend hin und her geschenkten Kleinigkeiten: Trösten, mit Tampons aushelfen, Bohrmaschine ausleihen, vom Bahnhof abholen, zusammen joggen, lernen, kochen. Nach einer Weile kommt beiden die Beziehung vor wie angeboren.
Solche Freundschaften scheinen unzerstörbar. Je älter eine Frau wird, desto besser weiß sie allerdings, dass sie schon einige beste Freundinnen hatte, deren Aufenthaltsorte ihr heute unbekannt sind. Woran zerbrechen sie dann also, diese Durch-Dick-und-Dünn-Bindungen?
Wie Freundinnen so sind – sie erzählen einander Beispiele aus ihrem Leben. Erzählen wir also Geschichten aus dem Leben von Maja – nicht ohne vorsorglich darauf hinzuweisen, dass sich ihr Dasein nicht ausschließlich aus zerbrochenen Frauenfreundschaften zusammensetzt. Von weiblicher Eintracht, die über zahlreiche Wechselfälle hinweg bewahrt wurde, soll hier jedoch nicht die Rede sein.
Ihre beste Jugendfreundin lernte Maja im Schulbus kennen, da war sie zwölf. Ulrike war ein Jahr jünger und hatte unter einem dicken Pony ein freches Gesicht. Sie war viel unternehmungslustiger als die schüchterne Maja, die sich ihr gern anschloss. Sie liefen in allen Schulpausen zusammen, verabredeten sich gleich nach dem Mittagessen wieder, stöberten gemeinsam Liebespaare im Wald auf, betraten Hand in Hand vereiste Seen, flüsterten einander ihre Vater-und-Mutter-Sorgen zu, tauschten indische Holzperlenketten. In Majas Zimmer fanden sich überall Spuren von Ulrike - Zettelchen, Comic-Hefte und auf dem Teppich ein langes, blondes Haar.
Pubertät, Schulwechsel, erste Freunde, Liebeskummer, verregnete Rockmusikfestivals, Führerschein, Abitur - ihre Freundschaft überstand alles, auch wenn Maja und Ulrike nicht in allen Punkten übereinstimmten. Ulrike war chaotischer, warf sich schneller in die Arme eines neuen Freundes, hatte früher Sex, trampte sorglos, Flecken auf dem T-Shirt störten sie nicht. Zu Maja sagte sie: „Du wirst einmal eine Dame.“ Schon weil ihre Schmutz-Ekel-Schwellen unterschiedlich hoch waren, kamen sie nicht auf die Idee, zusammen eine Wohngemeinschaft zu gründen, wussten jedoch immer, wo die andere sich gerade aufhielt. Ulrike begann, in Öl zu malen, pinselte ihre ganze, erste Bude voll, inklusive der Decken; und Maja mochte nicht denken, dass die Bilder keine Kunst waren, sondern Sonnenuntergangskitsch. Sie war es, die ein Jahr nach dem Abitur aus der Kleinstadt weg strebte.
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“Sie konnte nicht behaupten, dass ihr Ulrike fehlte.”
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Ferngespräche waren zu dieser Zeit noch teuer und wurden schnell beendet. Im Bemühen, einander auf dem Laufenden zu halten, gingen zwischen den Freundinnen viele Briefe hin und her, doch die neue Umgebung, der Acht-Stunden-Tag schwemmten Maja weit fort, und wenn sie aus der Heimatstadt hörte, dass Ulrike noch immer ihr Palästinenser-Tuch trug und sich Tabak mit den Fingern drehte, schüttelte sie den Kopf, und schlug die Beine mit den Pumps übereinander. Sie konnte nicht behaupten, dass ihr Ulrike fehlte, eher dachte sie, dass die Freundin zu ihrem neuen Leben nicht recht passte.
Als Maja die Nachricht erhielt, dass nun auch Ulrike in die Großstadt wollte, freute sie sich dann doch. „Die alten Zeiten“ würden daraus wohl nicht werden, aber Ulrike bedeutete eben auch ein Stück vertrauter Heimat. Während sie mit ihrer neuen Eroberung in den Urlaub fuhr, überließ sie der Freundin für vierzehn Tage ihre Ein-Zimmer-Wohnung. Zeit genug für Ulrike, sich von dort nach Job und eigener Bleibe umzusehen.
Als Maja nach zwei Wochen braungebrannt die Wohnungstür aufschloss, war Ulrike nicht mehr da, nur ein Brief lag auf dem Flokati: Sie sei nach Hause zurückgekehrt, die Großstadt wäre doch nichts für sie, sie habe sich schrecklich allein gefühlt. Neben dem Mülleimer standen sieben Plastiktüten voller Abfall, im Waschbecken rostete das benutzte Besteck, im Flokati hatten sich Kippen und Kerzenwachs verfangen, und Majas Blume auf dem Fensterbrett war vertrocknet.
Daran ist dann diese Frauenfreundschaft zerbrochen, dass Maja in ihrer Freundin nur noch eine ich-bezogene Schlampe sah und Ulrike in Maja auf einmal eine kalte Modepuppe, die sie der Großstadt allein überließ. Es gingen noch ein paar Briefe voller Vorwürfe hin und her, aber kein Gespräch mehr. Maja und Ulrike konnten es vielleicht nicht auf den Punkt bringen, doch es war klar: Sie waren neunzehn, zwanzig Jahre alt und an einer Weiche angekommen, die eine fuhr nach links, die andere nach rechts, und vielleicht hatten sie das immer schon gewusst.
Acht Jahre später, in einer anderen Stadt. Maja lebte mit einem Mann zusammen, es knirschte von Anfang an. Sie war unglücklich mit ihrem Job, ihrem Leben, alles so abgezirkelt, berechenbar, sie konnte das Gefühl nicht benennen, es war wohl so eine Art Ersticken.
Eine Etage tiefer lebte eine ziemlich kräftige Frau um die vierzig, allein. Delia war auffallend gut angezogen, hatte zwei Katzen, und ihre Absätze klackerten im Hausflur, wenn sie zum Briefkasten ging. Ihre Fingernägel waren hart und lang wie Schraubenzieher und rosa lackiert. Sie hatte eine Art, alles direkt anzusprechen, auch Maja. Sie lud sie in ihre Wohnung ein, eine erschreckend graue, bis auf Fernseher und Bett beinahe leere Wohnung, an den Wänden hingen Bilder verstörend guter Maler, die schwarzen Rollos waren halb herabgezogen, durch das Halbdunkel huschten die Katzen und ließen sich maunzend auf dem breiten, mit Satinwäsche bezogenen Bett nieder, das Delias Aufenthaltsraum war.
„Ich geh zu Delia“, war von nun an Majas täglicher Standardspruch. Mit der neuen Freundin lag sie auf dem Bett, während Delia mit geübten Griffen einen Joint nach dem anderen drehte. Und dann erzählte sie von 20 Jahre jüngeren Männern, mit denen sie wüste sexuelle, gleichzeitig impotente Beziehungen pflegte, es waren Männer, die Frauen sein wollten oder blass wie Tapete waren. Und sie nahm Maja mit zu einem verlotterten Künstler, der noch viel verrücktere Geschichten erzählen konnte. Und sie zeigte ihr, in welche Form sie ihre Nägel feilte, und trug mit rasanter Selbstverständlichkeit die teuersten Dessous, die Maja je gesehen hatte, und hatte oft schwere Depressionen. Von ihr lernte Maja, dass man alles aussprechen konnte, einfach alles, und dass viel mehr möglich war als das Brave, Artige, doch es hatte seinen Preis.
Und als die Schwierigkeiten mit ihrem Freund sich häuften, und sich die Trennung abzeichnete, war Delia die Auffangmatte, ohne die Maja abgestürzt wäre, denn sie dachte, sie wäre ohne Freund ein Nichts. Delia schien stets zu wissen, was zu tun war, doch Maja beschlich manchmal das Gefühl, dass die Freundin ohne sie überhaupt nicht ausgegangen wäre. Sie las keine Zeitung und schaute im Fernsehen ausschließlich diese Serien. Über das Büro, in dem sie arbeitete, verlor sie nur bittere Worte, schien sich allerdings für die Ewigkeit dort eingerichtet zu haben.
Und wieder war es Maja, die weiterzog: Nach der Trennung von ihrem Freund fand sie eine kleinere Wohnung in einem anderen Stadtteil, warf ihren kaufmännischen Job hin und fing beim Theater an.
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“Und dann trat dieser britische Schauspieler auf.”
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Von all den neuen Maja-Einflüssen wollte Delia nicht viel wissen. Und wenn Maja sie besuchte, legte sie sich nicht mehr ungeschminkt auf das Satin-Bett, denn sie war im Hause nicht mehr heimisch. Dann trat dieser britische Schauspieler auf, der in London eine feste Freundin hatte, aber nicht hier, und Maja stürzte sich in die bis dahin lustvollsten Wochen ihres Lebens, von Schuldgefühl und Beschämung gebeutelt, denn mehr als eine Affäre konnte daraus nie werden, und so geil durfte man doch nicht sein. Vor Erregung vibrierend erzählte sie Delia am Telefon davon. „Er macht mich schön“, sagte sie.
„Finger weg“, keifte Delia. „Der will doch nur ficken, danach haut er wieder ab.“ Und ihr Kreischen steigerte sich zu Schrottplatz-Lärm, als sie pöbelte: „Dem sollte man den Schwanz abschneiden und quer ins Maul stecken.“ Und Maja hielt den Hörer weg, weil es in ihren Ohren pfiff und krachte, wollte noch um Verständnis werben, wollte einwenden: „Aber Du kannst doch nicht verlangen, dass ich aufhöre, mit ihm ins Bett zu gehen, solange er in Deutschland ist?“, doch dann legte sie einfach auf. Ihr Kreislauf jagte mit 200 Stundenkilometer durch den Körper: Kein leichtes Spiel zu erkennen, dass die Freundin Maja die Flügel missgönnte, die ihr gewachsen waren, schlimmer: sie abschneiden wollte. Sie zitterte noch, als sie beschloss, dass sie das nicht brauchen konnte.
Daran ist diese Frauenfreundschaft zerbrochen, dass die eine sich nicht aufschwingen konnte und nicht wollte, dass irgendjemand sonst das tat.
Und wieder eine Weile später, vielleicht eine andere Maja, nun schon dreiunddreißig. Es war ihr Bruder, der sagte, er kenne da eine Frau, die sei genauso auf der Suche wie Maja. Er brachte beide in Kontakt.
Tanja hatte eben ihren gut bezahlten Werbeagentur-Job aufgegeben, um zu malen. Sie malte auffallend gut, war aber auch ängstlich: Wie machte man einen Erfolg aus sich? Würde sie nun den Rest ihres Lebens eine arme Künstlerin bleiben? Maja hatte ähnliche Sorgen. Und so gluckten sie auf einmal dauernd zusammen, diese gepflegte, sanfte Dunkelhaarige mit der Furchtsamkeit in den blauen Augen, die trotzdem ihr Ding durchzog, und Maja, die im Theater einfach nicht den richtigen Platz fand. Tanja hatte eine zuckersüße Ausstrahlung. Manchmal fühlte sich Maja an ihrer Seite beinahe männlich, so schutzbedürftig konnte die Freundin sich präsentieren. Statt am Wochenende daheim zu hocken, zerrte Maja sie ins Grüne und ins Theater. Sie nahmen einander oft in den Arm.
Ja, und dann verliebte sich Tanja gründlich, schnell und rettungslos in einen reichen Mann und zwar nicht einseitig. Sie wurde richtig krank vor Liebe und glühte wie ein Weihnachtsengel. Es dauerte keine zwei Wochen, da war sie verschwunden, kein halbes Jahr, da war sie in Übersee glücklich verheiratet, und diesmal blieb Maja zurück.
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“Es regte sich Missmut in ihr, weil der Freundin alles in den Schoß fiel”
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Tanja gab sich alle Mühe, die Verbindung zu halten. Aus Sofa-Gesprächen wurden dicht beschriebene Faxe, die sie von ihren Reisen schickte. Maja schrieb ebenso lange zurück und konnte nur schwer vertragen, dass Tanjas Worte tanzten, während ihre mühsam über das Blatt krochen, denn sie kam hier in ihrem Leben keinen Schritt weiter. Und es regte sich Missmut in ihr, weil der Freundin alles in den Schoß fiel, obendrein noch eine Ausstellung in Mailand, und sie fand, dass sie ihr schließlich auch helfen könnte, sie hatte ja jetzt wohl einige Beziehungen. Und dann dachte sie, dass sie Tanja das am Besten einmal deutlich schreiben müsste. Wie egozentrisch und böse das war, spürte sie beim Schreiben nicht. Wochenlang kam keine Antwort. Als Tanjas Fax dann eintraf, war es kühl wie ein Brief aus Grönland.
Daran ist diese Frauenfreundschaft zerbrochen, an Majas Missgunst, und daran, dass sie nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dass die Wirklichkeit Freundschaften verändert und sie nur in dieser Beweglichkeit ihre Unverbrüchlichkeit beweisen.
Und zuletzt noch eine vierte, beinahe in Echtzeit, denn sie ist erst vor drei Monaten kaputt gegangen, bestand über sieben Jahre. Wieder eine alleinlebende Maja, inzwischen beruflich einigermaßen auf den Beinen, innerlich weiterhin heimatlos. Und dann diese Physiotherapeutin aus dem Haus gegenüber, schlank, tänzerisch wie Maja selbst, mit langen, lockigen Haaren, Schwatzhaftigkeit, Mutterwitz, Zärtlichkeit und Erdigkeit ausgestattet, faul, dafür in der Arbeit und im Leben sehr beständig. Ruth hatte einen kleinen Sohn, ewig keine tragfähige Beziehung mehr erlebt, war erschreckend ungebildet und verließ ihr Wohnviertel nur selten.
Aber sie zog mit ihrer Herzlichkeit und Lachlust Gäste an, und so saß Maja fortan am Küchentisch, einen Kaffeebecher vor sich, erzählte von der großen Welt und genoss Ruths kleine, genoss auch das Kind, das ihr selbst fehlte, sah es vom Kindergarten in die Schule wechseln. Maja war weniger einsam, seit es Ruth gab, und akzeptierte, dass wesentliche Bereiche ihres Lebens ausgeklammert blieben, von denen sich Ruth keine Vorstellung machen konnte. Beide hatten noch eine andere, „beste“ Freundin, dennoch hielten sie beinahe täglich Kontakt und waren über jedes sich anbahnende geschlechtsübergreifende Verhältnis der anderen im Bilde, wie auch über dessen vorhersagbares Ende. Das war ihr Thema: Männer und Selbstbewusstsein. Sie wälzten es mit mehr oder weniger Vergnügen über Jahre hin und her, heulten mal, lachten sich dann wieder in Stücke. Keine von beiden ging in dieser Zeit eine ernsthafte Beziehung ein.
Maja war es, die ihre Freundin dann drängte, sich im Internet nach einem ganz anderen Mann umzusehen, der in Ruths kleiner Welt nicht vorkam. Sie sorgte für ein gutes Foto und empfahl ihr dringend, nicht jeden Satz in ihren E-Mails mit einem Ausrufezeichen zu beenden. Sämtliche Blinddates besprachen sie vor und nach. Ziemlich genau ein Jahr später blieb dann dieser Herr im Netz hängen: Ein herzlicher, kraftvoller, mittelständischer Unternehmer. Es geschah das Unfassbare: Er meinte es wirklich ernst. In zwei Monaten werden die beiden heiraten, zusammen gezogen sind sie schon, Ruth hat ihre begrenzte Welt ganz leicht verlassen, und dieser Mann ist zutiefst ihr Freund.
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“Wie konntest Du ihm das über mich erzählen?
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Und Maja? Wird bei der Hochzeit nicht dabei sein, denn als sie den Bräutigam kennenlernte, stellte sie schnell fest, dass sie sich über Ruths Kopf hinweg bestens mit ihm verstand, und Ruth stellte das auch fest. Und obwohl Maja weder an ihm, noch daran Interesse hatte, ihrer Freundin das Glück abspenstig zu machen, beging sie einen Fehler: Sie sprach mit ihm über Maja, teilte ihm Vertrauliches mit, meinte, es sei zu Ruths Bestem, begriff erst, wie sehr sie sich vergaloppiert hatte, als die aufgebrachte Ruth sich am Telefon nur noch mühsam zügelte: „Wie konntest Du ihm das über mich erzählen? Was mischt Du Dich da ein?“
Daran ging dann diese Frauenfreundschaft kaputt, dass die eine die andere bevormunden wollte, und an diesem Punkt vielleicht aufbrach, dass sie es von Anfang an getan hatte, dass auch dies eine Facette ihrer Freundschaft gewesen war, die nun jeder Grundlage entbehrte. Beinahe erschrocken zogen sich beide Frauen voneinander zurück, ohne böse Worte, im Gedenken an eine lange, geteilte Zeit, die vorbei war.
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