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Fotoshooting mit prominenter Dame

von Gabriele Bärtels

 

 

Es gibt Begriffe in der Modewelt, die sind so abgelutscht wie Hustenbonbons, doch außerhalb davon entfalten sie jedes Mal auf´s Neue ihre Wirkung. Sagt man zum Beispiel morgens im Zigarettenladen: „Ich gehe zu einem Fotoshooting der Zeitschrift Y mit Frau X“, dann beginnen die Augen der Inhaberin zu glänzen, und sie legt ihre Ellenbogen auf den Tageszeitungsstapel, weil sie mehr erfahren will. Sie glaubt, dadurch würde sie ein Zipfelchen einer glamourösen Wunderwelt erwischen, deren genaue Umrisse ihr ewig unscharf bleiben.

fotoshootingDoch Mode-Fotoshootings mit Fernsehmoderatorinnen, Schauspielerinnen oder Popstars sind das Irdischte, was es gibt. Den meisten Stress machen die Manager, die im Vorfeld dreimal täglich in der Redaktion anrufen und darauf bestehen, dass zum fitting ein Schminkspiegel, ein Ganzkörperspiegel und vernünftiges Licht herangeschafft wird, ihr Star ordentlich zu Essen bekommt, ein eigenes outfit mitbringen kann, den eigenen Visagisten sowieso, natürlich Evian bereitgestellt wird und KEIN anderes Wasser. Auch auf die locations wollen sie Einfluss nehmen.

Die Redakteurin macht einen Spagat zwischen zuckersüßen Zugeständnissen und schmalem Produktionsbudget, bestellt massenhaft teure Musterkleider in den richtigen Maßen, die nahezu unversehrt an die Firmen zurückgegeben werden müssen, schickt einen Karton nach dem anderen per Kurier in das Großstadthotel, in dem sie für drei Nächte hausen wird, mit ihr eine Flut von Handtaschen. Schuhe und Schmuck wird sie vor Ort in den umliegenden Luxusgeschäften entleihen.

Sie bucht eine Stylistin und fleht gleich ins Telefon: „Hoffentlich geht das gut. Die Managerin der Frau X macht nur Probleme!“ Die Stylistin antwortet: „Vor einem Shooting mit Prominenten darf mich mein Freund nicht ansprechen. Ich habe sämtliche Outfits im Kopf, Fehler dürfen nicht passieren.“ Die Redakteurin nickt heftig, weil sie sich verstanden fühlt.

Zwei Stunden, bevor die Prominente X eintreffen soll, breiten beide im Hotelzimmer, das aus Kostengründen dasselbe ist, in dem die Redakteurin übernachtet hat, eine ganze Boutique aus. Outfits für Frühlingsgelegenheiten. Handtaschen für dreitausend Euro, schwindelerrregend hohe Schuhe, genug für einen Tausendfüßler. Alles wird auf Listen abgehakt. Drei Kombinationen auszuwählen, die Prominente zu schminken und zu frisieren, wird den ganzen Vormittag dauern, erst danach fährt die Gruppe zur Location. Hier im Zimmer reicht das Licht nicht, sie fummeln vergeblich an den Lampenschirmen über dem Hotelbett herum, an der Rezeption kann keine zusätzliche Lampe ausgeliehen werden, das Handy klingelt pausenlos, die Redakteurin würde rasend gerne eine rauchen.

fotoshootingSollte jemand meinen, einer der Beteiligten glaube an die Glitzerszene, die er hier produziert, irrt er. Das trifft bestenfalls auf den Visagisten der Prominenten zu, aber dazu später. Alle anderen sehen nicht aus wie fashion victims und benehmen sich auch nicht so. Die Stylistin trägt unauffällig graue Klamotten und eine wenig kleidsame Weste, fast wie ein Angler, mit großen Taschen überall für Scheren, Klebeband, Stecknadeln und Klammern. Dass sie privat gern in Asien unterwegs ist, spielt hier keine Rolle. Sie macht sich nahezu unsichtbar, ist aber sofort zur Stelle, wenn jemand einen Schal in der Hand hat und nicht weiß, wohin damit, oder eine Schuhsohle abgeklebt werden muss, damit sie später noch wie neu aussieht. Das Zugeständnis der Redakteurin an Glamour sind krokodilgrüne, spitze Stiefel, ansonsten schwitzt und schuftet sie bis zweiundzwanzig Uhr im gleichen, dunken Anzug.

Auf einmal steht die Prominente in der Lobby, ihren Visagisten im Schlepptau, welcher wiederum einen großen Koffer hinter sich herrollt. Sie fällt nicht weiter auf, denn sie ist ungeschminkt und trägt Jeans wie jede andere. Schon hundertmal hat sie ähnliche Termine über sich ergehen lassen müssen und gelernt, dass das am einfachsten ist, wenn man sich nicht groß anstellt. Narzistische Zustände haben im Showgeschäft nur Persönlichkeitsgestörte und Anfänger.

fotoshoot4Denno ch ist die Stimm ung sehr gefälli g, für den Weg in den ersten Stock holt man der Prominenten den Aufzug. „Wo möchten Sie sitzen?“, „Darf die Stylistin im Zimmer bleiben?“, „Wenn Sie hier einmal schauen mögen.“ „Diese Jacke auf keinen Fall? Ich packe sie ganz schnell weg.“ Die Redakteurin ist nicht unterwürfig, sondern hat sich im Umgang mit Prominenz nur einen ehrerbietigen Ausdruck zugelegt, der ähnlich wie der Anzug spätabends von ihr abfällt. „Ich arbeite an einer Scheinwelt, die es nicht gibt. Es ist nur ein Job, aber den mache ich gut.“ Sie weiß am Allerbesten, wie unspektakulär eine abgeschminkte Prominente ist, vor allem eine der B- und C-Klasse.

Zur allgemeinen Erleichterung ist die Managerin verhindert.

„Hier sind ja nur Mädchen“, sagt die Prominente in das mit Menschen, Klamotten und Schminkkoffern verstopfte Zimmer und bezieht ihren Visagisten mit ein. Sie ignoriert den von ihrer Managerin geforderten Paravent, dessen Beschaffung echte Schwierigkeiten gemacht hatte, sondern streift umstandlos die Jeans ab und entblößt einen halben Po in alltäglichster Unterwäsche. Ist das jetzt die Szene, auf die alle gewartet haben? Wegen der Gefahr von Handy-Fotos aus dem Haus gegenüber bleiben die Vorhänge geschlossen, obwohl das noch mehr Licht schluckt.

Der Visagist redet die ganze Zeit über mit niemandem, außer mit der Prominenten, der er so nah zu stehen scheint, dass kleinste Verständigungszeichen genügen. Er ist noch dabei, seine Tuschkästen, Pinselschwärme und Stiftesammlungen auszubreiten. Der weiße Rand seines Schlüpfers ragt fünf Zentimeter über den Hosenbund. Das ist kein Zufall, sondern Design, ebenso wie der Gürtel, auf dem hinten VINTAGE eingenietet ist, als wäre dies ein Glaubensbekenntnis und nicht nur ein Modewort. Die Reglosigkeit seiner Gesichtszüge lässt leisen Botox-Verdacht aufkommen, die Regelmäßigkeit seiner Augenbrauen eine Tätowiervermutung. An seinem ganzen Körper sitzt kein Härchen krumm oder hat die falsche Farbe.

fotoshootingDie Redakteurin hat die Frühjahrsmode natürlich so ausgewählt, dass sie das öffentliche Image der Prominenten unterstreicht. „Das passt ja alles!“, sagt die Prominente und die Redakteurin wird rot, denn sie hatte nicht gehofft, dass die Prominente dies überhaupt bemerken würde. Die steigt widerspruchslos in zwei Nummern zu kleine Schuhe, schlüpft von Röhrenhosen in Korsagenkleider, dreht sich in großer Galarobe prüfend vor dem Spiegel, nickt recht gleichgültig, denn sie hat sich schon in abertausend Outfits gesehen. Alle sagen wie auf Kommando: „Das isses“, und zaubern einen beglückten Schein auf ihre Gesichter, denn die Prominente soll die Kleidchen schließlich mit ihrer Ausstrahlung verzaubern und umgekehrt, und das kann sie nur, wenn sie selbst an ihre Herrlichkeit glaubt.

Bis es so weit ist, zieht sich die Zeit wie eine trostlose Rede. Die Prominente verfällt vor dem Schminkspiegel in eine puppenhafte Erstarrung. Jetzt ist der Visagist dran: Er turnt um den leblosen Körper, dreht ihm das Haar über riesige Wickler, bastelt noch künstliche Strähnen ein, tupft, pinselt, wischt, klebt, klopft, reibt, schmiert, fönt, sprüht, kämmt, zupft, toupiert geschlagene zwei Stunden lang, während Stylistin, Redakteurin, die inzwischen eingetroffene Fotografin und wiederum deren Assistent rhythmisch auf ihre Uhren gucken, in der letzten halben Stunde immer schneller. Daneben haben sie die ausgewählten Kombinationen zusammengepackt, eine tonnenschwere Fotoausrüstung und Schühchen in Säckchen. Die erste Location steht nur bis drei Uhr zur Verfügung, die zweite nur bis fünf. Beide Orte (Juwelier und Luxushotel) müssen später in den Bildunterschriften erwähnt werden. Ausweichmöglichkeiten gibt es immer, aber das würde komplexe Pläne umstoßen.

Sie halten ihre Sorgen unsichtbar und die Prominente mit oberflächlichen Fragen bei Laune. Die Fotografin hat vor Jahren schon mal mit ihr gearbeitet und spricht sie an wie eine sanfte, ältere Freundin, sie gurrt geradezu.

Der Visagist tritt zurück, hat aber die Hände noch erhoben, als könnte er von der Prominenten nicht lassen, die erhebt sich seufzend und verspannt vom Stuhl. Nun sieht sie oben schon aus wie im Fernsehen und unten noch wie ein normaler Mensch. Der mitgebrachte Hamburger in der Tüte, den sie eigentlich zum Frühstück essen wollte, ist kalt, und jetzt kann sie ihn ohnehin nicht mehr verspeisen, sonst wäre das Kunstwerk zerstört. Die kirschroten, goldglänzenden Lippen, die dichten, schwarzen, falschen Wimpern, der irritierende Ausdruck in den rosaumrandeten Augen, die hohen Rouge-Wangenknochen, der feuchte, sanfte, jugendliche Schimmer, die Flut der Haare – auf zwei Meter Entfernung sieht das täuschend echt aus.

fotoshootingNun wird noch Sonnenbräune auf die Beine gesprüht, mit spitzen Fingern das erste Kleid angehoben, die Prominente schlängelt sich hinein, wird hinten zugeknöpft, man wirft einen Mantel über ihre Blößen, sie trippelt auf hohen Schuhen zum Taxi, umringt von den Beteiligten. Anlehnen darf sie sich auf der kurzen Fahrt nicht.

In der Luxushotel-Kulisse hat die Fotografin schon ihre technische Insel geschaffen, steht auf einem Metallkoffer und späht durch das Objektiv. Der Scheinwerfer ist eingerichtet, der Assistent springt mit dem Beleuchtungsmesser hin und her, die Prominente stellt sich in Position – „bisschen mehr nach rechts bitte“ - zieht den Mantel aus, steht da wie ein Bild aus einem Hochglanzmagazin, hält still, als Visagist, Assistent, Stylistin, Redakteurin vor und zurückhüpfen und irgendetwas richten – eine Falte, eine Locke, einen Gürtel, die Lage ihrer Hand auf dem Knie. Fotografin und Redakteurin diskutieren leise über dem ersten Polaroid und werfen der Prominenten zwischendurch bewundernde Blicke zu. Die wenigen Zuschauer hier sind sich zu fein, um zu gaffen, und laufen außen vorbei. Vier Filme werden so verknippst, und es würde einen nicht wundern, wenn die Prominente darüber in Trance gefallen ist, denn sie soll sich nur nicht rühren und immer selig lächeln.

So geht das nun den ganzen Tag weiter. Es ist wirklich sehr langweilig, glauben Sie mir, und die drei Bilder haben Sie in der Frühjahrsausgabe des Frauenmagazins in zwei Minuten überblättert.

 

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