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Wir fahren in die Ferien und der Hund kann nicht mit

Geschichte über die einfachste Lösung

von Petra Weber

 

Als mein Freund Mickey nachts um eins mit dem Rad von der Arbeit kam, hörte er unter einer Brücke ein Winseln und Jaulen. Er stieg ab und leuchtete mit seiner Fahradlampe ins Dunkle. Er sah in die reflektierenden Augen eines großen Hundes und als er näherkam, beruhigend auf ihn einsprach, entdeckte er die Leine, mit der dieser an einem Baum festgebunden war.

dies ist kein DobermannEin junger, eleganter, freundlicher, wohlerzogener Dobermann, mit dem kupierten Schwanz wedelnd, die kupierten Ohren aufgestellt, freute sich seinem Finder entgegen.

"Felix", sagte Mickey. "Ich nenne Dich Felix, weil Du der Glückliche bist. Oder ich bin es."

Wir treffen uns auf der Straße vor unserem Haus. "Er kann doch höchstens ein Jahr alt sein", schätze ich. "Willst Du ihn ins Tierheim bringen?"

Felix drängt sich an Mickey, schaut an ihm hoch. Eine Nachbarin kommt herbei. Bald stehen vier Leute um ihn herum, Felix lässt sich von jedem streicheln, auf sein glänzendes Fell klopfen, tänzelt umher. "Ich weiß nicht, er ist so vertrauensvoll," sagt Mickey.

"Aber Du musst doch arbeiten. Was soll der riesige Hund in Deiner kleinen Wohnung machen?"

dies ist kein DobermannNiemand will ihn ins Tierheim bringen. Er muss zum Tierarzt. Geimpft werden. Was frisst der eigentlich und wieviel? Ist er nicht gefährlich? Nein, schau doch, wie er mit dem Kind umgeht. Er fühlt sich wohl unter Menschen. Aber er ist ein starker Hund und braucht klare Führung. Die Nachbarin bringt einen Gummiball und Hundekuchen.

Ich beschließe, ihn für eine Nacht aufzunehmen. Immerhin arbeite ich zuhause und hätte gern einen Hund, und dieser ist wirklich lieb. Mickey gibt ihn trotz aller Vernunft nur zweifelnd her. "Ich weiß nicht, ich weiß nicht."

Felix, der Name gefällt mir nicht. Ronco finde ich viel schöner. Ronco tappst neben mir die Treppe hinauf in den fünften Stock. Der riesige, schwarzbraune Fremdkörper füllt meine Wohnung ganz aus. Seufzend lässt er sich auf den Teppich fallen, liegt da wie eine Sphinx, ein schönes Tier, ein liebes Tier, wer hat Dich nur ausgesetzt? Ich rufe im Tierheim an. Nein, niemand hat sich nach Ronco erkundigt. Er legt seinen schweren Kopf auf meinen Oberschenkel.

dies ist kein dobermannRonco und ich spazieren. Er zieht, ich stemme mich dagegen. Was für eine Kraft. Liebend gern würde ich ihn laufen lassen, er braucht es, wäre in drei Sätzen am anderen Ende des Weges, aber hier spielen Kinder, dort laufen Jogger, feindselige Blicke treffen mich, wie kann man so einen Hund hier ... Ja, ja ich weiß, ich denke ja auch so. Wie soll ich erklären, dass er ganz freundlich ist, keinem etwas zuleide tut, nur spielen will, laufen, sich bewegen? Weiß ich das wirklich? Er macht Sitz, Platz, ist richtig gut erzogen. Meine Füße in den Turnschuhen haben Blasen vom Bremsen, meine Hände Schwielen vom Ziehen an der Leine. Ich traue diesem Hund noch nicht, und er mir wahrscheinlich auch nicht.

dies ist kein dobermannAm Abend in der Kneipe vor dem Haus erörtern wir den Fall. Ein Mensch, der einen Hund so gut erzogen hat, der hat doch eine Bindung zu ihm aufgebaut, der lässt ihn doch nicht einfach unter einer Straßenbrücke zurück, nur weil er in den Urlaub will und niemanden hat, der sich um ihn kümmert. Kann das sein? Ronco starrt unverwandt in die Ferne. Manchmal jault er, von tief innen heraus. Wenn er nur erzählen könnte, dieser Hund, dem wir einfach neue Namen geben. Aber er kann nicht, kann nur warten und jaulen und sich leise in sein Schicksal fügen, ist ja bloß ein Tier.

Nachts schläft er neben meinem Bett, den Kopf auf die Kante gelegt. Morgens begrüßt er mich stummelschwanzwedelnd, wir gehen raus, die Straßen sind leer, ich lasse ihn laufen, er kommt sofort, wenn ich ihn rufe, sehe ich einen anderen Hund, nehme ich ihn sofort an die Leine, er stürmt das Ufer entlang. Ich probiere den Befehl "Fuß" und siehe da, er folgt, wenn auch widerwillig. Zwischen ihm und mir könnte etwas wachsen. Wenn wir Straßen überqueren, muss er Sitz machen, und wir haben viele zu überqueren.

struppi (5)Als ich wieder nach Hause komme, weiß ich auf einmal, dass ich ihn nicht behalten kann. Der Tiger im Großstadtkäfig müsste täglich raus ins Grüne. Aber ohne Auto kann ich da nicht hin. Diese baumgesäumten Gassen und die ausgemergelten Rasenflächen sind nur ein billiger Ersatz für Felder und Wiesen. Die Menschen in der Stadt fürchten ihn, und sie haben Recht, denn sie können nicht einschätzen, ob er ihren Kindern etwas tut. Und ich letztendlich auch nicht.

Inzwischen haben sich schon zwei gefunden, die ihm ein Leben auf dem Land versprechen, aber auch Mickey hat die Sache überschlafen und kommt zu dem Schluss, dass er ihn behalten will. Also heißt er ab heute wieder Felix und hat ein neues Herrchen. Er wird zwar manchmal lange auf ihn warten müssen, aber ausgesetzt wird er nicht.

 

 

 

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