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Die schwankenden Fassaden eines ehrwürdigen Ehepaares
von Elisabeth Ligensa
Seit zehn Jahren kenne ich eine Frau, die vielleicht meine Freundin ist, vielleicht nicht. Wir begegneten uns bei gemeinsamen Bekannten, sahen uns später nur in großen Abständen.
Christine führt mit ihrem Mann Rudolf eine ehrwürdige Firma an einem ehrwürdigen Ort. Sie gehen in farblich zurückhaltender, bester Kleidung gesellschaftlichen Verpflichtungen nach, in ihrer Wohnung hängen ehrwürdige Olgemälde, und um die Firma voranzubringen, die zwanzig Mitarbeiter und zahlreiche Geschäftskunden hat, gönnen sie sich kaum einen Urlaubstag. Rudolf hat das große Büro am Ende des Ganges und Christine das kleine davor. So ist sie außerdem sein Empfangskomitee und verkörpert dies in charmanter Weise.
Einmal hat sie mir erstaunlich grob klargemacht, dass sie meiner ewigen Finanznot ohne Mitleid gegenüberstehe, denn ich zöge es schließlich vor, ein loses Freiberuflerleben zu führen, während sie von Kopf bis Fuß aus Pflichterfüllung bestand. Sie schminkte sich nicht, trug Grau und Beige und flache Schuhe, erledigte die privaten Einkäufe samstags im Eilschritt, ging danach wieder ins Büro, sprach von Rudolf bewundernd. Als sie durchblicken ließ, dass sie ihm auch die Anzüge bügelte, sah ich sie irritiert an. „Er ist nicht zufrieden, wie sie aus der Reinigung kommen!“ verteidigte sie sich. Rudolf mochte auch keinen Lippenstift.
Kinder hatten die beiden nicht, und es schien nicht so, als könnte man nach dem Grund fragen. Stattdessen luden sie gern Gäste ein, dann wurden ausgesuchte Alkoholika aufgetischt, Champagner-Cocktail, Wein, Grappa. Christine war eine perfektfreundliche Gastgeberin, die Menschen leicht in Unterhaltungen zog, und immer wieder aufsprang, um etwas Köstliches zu holen und anzubieten.
Ihr Mann hatte eine gewisse Fülle, bewegte sich langsam, rauchte Zigarre, sprach nicht viel, schaute über seine Lesebrille, blieb freundlich, dahinter distanziert. Eigentlich habe ich nie erfahren, wer er eigentlich war, was er dachte, was er mochte, wen nicht. Dazu hatte ich das merkwürdige Gefühl, dass er für meine Weiblichkeit taub war, beides zusammen verunsicherte mich. Mit seiner Frau ging er nett und ruhig um, legte ihr gelegentlich die Hand auf den Arm, ließ sich aus ihrer Büroschublade Süßigkeiten geben, die sie ihm mit mahnendem Blick auf seinen Bauchumfang reichte. Ihre Geste hatte aber auch etwas Triumphierendes. Christine sagte, dass Rudolf sehr gebildet sei.
Wenn sie das Korsett ihres Geschäftslebens einmal lockerten, ließen beide eine künstliche Albernheit aufblitzen, als fühlten sie sich ohne ungeschickt. Es gab mehr von dieser übertriebenen Albernheit, je höher der Alkoholspiegel im Blut der geselligen Runde stieg.
Manchmal dachte ich, dass ich auch gern Teil eines solchen gesellschaftlich anerkannten, gastfreundlichen Paares wäre, mit einem gemeinsamen Ziel und nie allein. Allerdings wirkte das Leben dieser beiden seltsam flach auf mich und eingezwängt in sehr viel Pflicht und Ordnung.
Als Christine eines Mittags anrief, und ich ins Telefon keuchte, „ich habe gerade getanzt“, spürte ich, dass sie sticheln wollte, dass es kein Wunder sei, wenn ich die Miete nicht bezahlen könne. Da war sie wieder, diese leise Verachtung meines losen Lebenswandels.
Zu einer anderen Gelegenheit zeigte sie mir eine Leopardenjacke, die ihr eine Großtante vererbt hatte. Das mondäne Kleidungsstück stand ihr überraschend gut, sie genoss meine Begeisterung. „Rudolf will nicht, dass ich damit auf die Straße gehe. Sie ist wirklich sehr auffällig, und politisch sowieso nicht korrekt.“
„Ich würde sie sofort anziehen!“ sagte ich begeistert.
„In einer Partnerschaft muss man Kompromisse machen“, antwortete sie schnippisch, und trug noch zwei traumschöne Kleider herbei, die ebenfalls nur im Schrank hingen.
Es war ja richtig, dass ich keine Ahnung hatte, wie man zwanzig Jahre lang ein gutes Eheleben führte, doch dass man dafür seine Weiblichkeit in die Abstellkammer schieben musste, fand ich nun nicht.
Von Sex war bei ihr nie die Rede. Ihre Themen waren die Firmen-Sorgen, die sie in diesen Zeiten hatten, dass Rudolf eine depressive Phase durchmache, sie ihn stützen müsse, jeden Morgen wollten die Mitarbeiter freundlich begrüßt werden, und am Wochenende nähme die Arbeit kein Ende. „Wir könnten irgendwo im Süden ein ruhiges Leben führen. Für wen reiben wir uns eigentlich so auf?“ fragte sie einmal. Über ihr feines Gesicht fuhr ein harter Zug.
„Lass doch mal locker“, wollte ich gern sagen, doch ihre Pflichten waren so erdrückend bedeutsam, und angesichts ihrer soliden Ausstrahlung, ihrem Fleiß und der Höhe ihres Jahresumsatzes fühlte ich mich stets etwas windig. Wir fanden keinen echt herzlichen, scherzhaften Umgang miteinander, sie lag immer auf der Lauer. Ich glaube, ich war doch nicht ihre Freundin, eine andere, engere Vertraute hatte sie ebenfalls nicht, sie hielt zu ihrem Mann und zu sonst keinem. Sah ich sie nach einem Jahr mal wieder, schien sich nie etwas Wesentliches geändert zu haben.
An einem Feiertag im Frühling rief sie plötzlich an: „Du, ich habe Lust, draußen Kaffee zu trinken, die Sonne scheint so schön. Ich hole Dich ab, wenn Du willst, am besten gleich.“
Zwanzig Minuten später stand ihr Auto vor der Tür.
Schon während sie den ersten Gang einlegte, platzte sie heraus, ihr Körper, ihr Gesicht eine Hochspannungsleitung: „Rudolf will sich scheiden lassen!“ Noch bevor wir einen Parkplatz vor dem Café gefunden hatten, erfuhr ich das Schlimmere, das ihr erst nach und nach über die Lippen stolperte, hastig, stotternd, weinend, mit geballten Fäusten und fahrigen Bewegungen.
Rudolf war in der Nacht zuvor von einer Sauftour zurückgekommen, hatte sie aus dem Bett gerissen, geschlagen und an den Haaren durch die Wohnung gezerrt, weil sie sich geweigert hatte, ihm nach Mitternacht sein vergessenes Portemonnaie in die Bar zu bringen, in der er regelmäßig ein Vermögen vertrank. Er bezichtigte sie, das Portemonnaie aus seiner Jacke genommen zu haben, um ihn in der Bar zu blamieren.
„Er ist viel stärker, als man denkt“, sagte Christine mit zitterndem Kinn, zitternden Händen, zitternden Haaren. Ihr Körper wurde von Schluchzern erschüttert, die sie unterdrücken wollte. Wie eine Dialeinwand entrollte sie in der nächsten Stunde das ganze Bild: Dass ihr Mann seit Jahren schwerer Alkoholiker war, ähnliche Szenen alle vier Wochen vorkamen, er drei Tage brauchte, um seinen Rausch auszuschlafen, danach das sanfteste Schaf war, und von beiden Seiten nicht mehr über die Sache geredet wurde. Seit langem schleppe er sich nur noch in die Firma - sie war es, die dringende Vorgänge bearbeitete und am Telefon Geschäftspartnern gegenüber zwitschernde Ausreden erfand.
Und sie weinte darüber, dass Rudolf nie Kinder gewollt habe, und es nun zu spät dafür sei, dass sie ihn nicht einfach verlassen könne, weil doch alles Geld in der Firma steckte, dass er sich rächen würde. Sie erinnerte sich an einen Urlaub vor zehn Jahren, die einzige Woche, die sie seit dem Studium ohne ihren Gatten verbracht hatte, sie war in einer Reisegruppe durch Kanadas Weite geritten, kein Gedanke an Frisur und Haltung, hatte sich ohne Ölgemälde, Havanna-Zigarren und beste Manieren befreit und glücklich gefühlt. Sie habe sich bereits Gedanken gemacht, wo sie vorerst unterkommen könne, wenn sie Robert verlassen würde, denn er würde es nicht tun, selbst wenn er damit drohte.
„Wie weit bist Du?“ fragte ich.
„Noch nicht so weit.“ Sie weinte nicht mehr. „Wenn ich nach Hause komme, wird er schlafen, alles vergessen haben, und dann ist erst mal wieder wochenlang Ruhe.“
„Lass nicht zu, dass er Dir Deine Würde herausprügelt“, sagte ich. „Du kannst jederzeit zu mir kommen.“
„Wenn er mit dem Trinken aufhören würde, könnten wir alles schaffen.“
„Du bist eindeutig die Falsche, um ihm dabei zu helfen, muss ich Dir leider sagen. Dir ist klar, dass Du kein unschuldiges Opfer bist?“
Christine nickte und setzte ihre Sonnenbrille auf, damit die Tischnachbarn nicht neugierig wurden. „Manchmal denke ich, ich könnte noch was ganz anderes machen als diese trockene Firma.“ Sie schaute in die Ferne. „Aber meine beste Zeit habe ich an ihn verschwendet.“ Wieder quollen Tränen. Sie putzte sich die Nase. Dann rief sie nach der Kellnerin, war die freundlich-bestimmte Geschäftsfrau, kontrollierte die Rechnung, bevor sie sie bezahlte und brachte mich nach Hause zurück.
Weil mich die schreckliche Nachricht nicht losließ, schrieb ich ihr am nächsten Tag eine Mail und bekräftigte meine Hilfsbereitschaft. Christine antwortete nicht. Eine Woche später rief ich in der Firma an und bat um ihren Rückruf. Der erfolgte nicht.
Vier Monate später lädt sie mich zu einem Umtrunk in die Firma ein. Als ich ankomme, schwenkt das sonst so seriöse Büro bereits Bierflaschen. Christine begrüßt mich fröhlich und gibt kein Zeichen, dass sie mit mir je über etwas Bedeutsameres geredet hat als über Wetter oder Wahlergebnisse. Luftschlangen und Tröten liegen herum. Sie bringt Wein, Schnaps und sorgt dafür, dass alle Gläser voll sind, stellt zwischendurch Neuangekommene vor. Ein junges Mädchen flüstert mir zu: „Die ist aber nett.“
Rudolf sitzt am Rand, Zigarre in der Hand, einen Wodka vor sich. Sein Mobiltelefon dudelt eine kindische Handymelodie ab, was in dem Trubel nicht weiter auffallen würde, wenn sich nicht Christine nach ihm umdrehen und scherzhaft sagen würde: „Ach, Rudolf!“ In gespielt hilfloser Empörung über ihren Mann schaut sie in die Runde.
Rudolf blickt auf wie ein kleiner Junge, dem ein alberner Streich gelungen ist. Ich erkenne, dass er ohne Christine vollkommen kontaktlos ist. Er ist bereits angeschickert, seine Frau auch, die ganze Gesellschaft. Ich soll mittrinken, aber ich kann irgendwie nicht. Christine lacht mir ins Gesicht, ich sei ein Spielverderber.
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