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An keine einzige Minute unserer Kindertage kann ich mich erinnern, in der wir Spaß miteinander gehabt hätten, an viele aber, in denen Mordlust aufblitzte, in Deinen und meinen Augen. Du hast alles besser gewusst und auch für alle anderen die Lösungen bestimmt, hast schon in früher Jugend mit einem esoterischen Vokabular jongliert, als hättest Du die Weisheit und die Güte natürlich auch. Du warst die brave, fleißige, überangepasste, sportliche, die mit den guten Noten. Ich habe Dir misstraut. Ich misstraue Dir heute noch. Denn unter all der Heiligkeit wacht eine unversöhnliche Starre und der Drang, zu manipulieren, zu beherrschen, zu kontrollieren. Seit mehr als zwanzig Jahren leben wir nicht mehr in derselben Stadt. Ich kenne Dich gar nicht. Habe ich Dich je gekannt?
Jetzt sehe Dir zu, wie Du morgens in den Wald rennst, es ist kühl und feucht. Leise kommst Du wieder, leise setzt Du Dich an den Frühstückstisch, andächtig verzehrst Du ein halbes Brötchen, die halbe Melone hebst Du Dir für später auf, trinkst Tee aus dem Bioladen, sendest jedem einen bitterbösen Blick, der in Deiner Nähe eine Zigarette anzündet, beziehst schweigend das Bett für Deinen Bruder, weil ich mich geweigert habe, das zu tun, säuselst mit Deiner Betschwesterstimme Deine kleine Nichte voll, streichst ihr über das Haar. Sie duckt sich weg. Du hockst auf dem Sofa wie ein Drahtbügel. Trägst Steine mit Dir herum, die Mächte haben sollen, Quarz, Kristall, was weiß ich. Dein bisschen Gewicht nimmt kaum Raum ein und dennoch fühle ich mich in Deiner Nähe wie in unsichtbaren Beton gegossen. Unfrei, gefesselt. Wahrscheinlich wirst Du an diesem Tag noch zweimal in den Wald verschwinden. Leise, unauffällig, damit nur ja niemand weiss, wieviele Kalorien Du dort verbrennst im Kampf gegen Dich selber.
Was weiss ich von Dir? Nichts. Du warst zehn Jahre verheiratet. Nun lebst Du allein. Sieht keiner Deiner Freunde oder Arbeitskollegen Deinen hochleistungstrainierten, ausgezehrten, hungernden Körper, der noch gerade mal 48 Kilo wiegt? Du wirst lange brauchen, um zu genesen. "Ich gefalle mir so, wie ich bin", antwortest Du auf eine Bemerkung. Solange Du doch glaubst, nur nach dem Besten zu streben, wird Dir niemand helfen können.
Du sitzt so brav. Immer hochgeschlossen, die Knie hübsch beieinander. Du rauchst und trinkst nicht, lachst niemals dreckig. Bist bestimmt perfekt in Deinem Job und findest keine Ruhe, bevor nicht sämtliche Flecken auf Deiner Seele, Deiner Hose und den Psychen der Menschen in Deiner Umgebung entfernt sind. "Dreck ist in der Welt", hat eine alte Dame einmal zu mir gesagt. Damit kannst Du Dich nicht abfinden.
Ich sehe Dich tanzen. Es scheint ein ernstes Geschäft zu sein. Du wirfst die Arme hoch wie ein GoGoGirl, zuckst mit den Hüften wie eine Bauchtänzerin, betrachtest zufrieden Dein Spiegelbildgerippe in der Fensterscheibe, Du tanzt allein mit Dir und Deinem geschundenen Körper. Ohne Gnade. Ohne Pause. Ohne Sinnlichkeit drehst Du Dich um Dich selbst.
Ich bin Deine Schwester, und ich kann Dir nicht helfen. Jedes Wort, das ich zu Deinem Zustand sage, legst Du mir als Eingriff in Deine Persönlichkeitsrechte aus. Und wahrscheinlich hast Du sogar Recht. Denn ich kann keinen Anflug von Liebe in mir entdecken, nur Entsetzen und Abwehr. Ich weiche zurück, weil ich in Deinen Armen nicht gefangen sein möchte.
Das Einzige, das Dir aus der Zeit, als Du noch spielen konntest, geblieben ist, sind Deine schönen Augen. Manchmal leuchten sie auf. Dann möchte ich zurücklächeln. Aber ich traue Dir nicht.
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