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Kleine Fahrradgeschichte
von Juliane Zucker
Neuerdings schnaubt mein Fahrrad leise, schüttelt den Lenker, steigt vorn hoch, wiehert und rollt dann zum Fahrradladen, auch wenn ich ganz woandershin will. Hätte es einen Gepäckträger, würde es womöglich noch damit wedeln, bevor es die schmale Rampe hinauffährt und sich zu den anderen Rädern in der Werkstatt gesellt wie zu seiner Herde.
Eigentlich ist mein Fahrrad ein Außenseiter, Freibeuter, hässliches Entlein. Als ich es vor fünfzehn Jahren in einem Schaufenster entdeckte, war ich sofort verliebt. Es ist ein schwarzes, schlankes, schlichtes Herrenrennrad ohne jegliches Chichi, hat keine Handbremse, kein Licht, keine Gänge, und der Lenker ist gerade wie ein Strich. Schon als Kind war ich ohne Gänge gefahren und verstehe bis heute nicht, wozu man siebzehn brauchte. Davon abgesehen dachte ich praktisch: „Was nicht dran ist, kann nicht kaputtgehen.“
In meinen Augen war es eine geometrische Schönheit. Und es erinnerte mich an Fury, einen schwarzen Hengst aus einer Kinderbuchreihe, der schwer zu zähmen war. Ich konnte mit diesem wilden Rad sehr schnell werden, minimalste Richtungsänderungen mit leisesten Hüftbewegungen auslösen, fast im Stehen freihändig balancieren. Passanten schwenkten empört ihre Regenschirme, wenn sie erkannten, dass meinem Fahrrad grundlegende Dinge fehlen, um der Straßenverkehrsordnung zu genügen. Im tolerantesten Falle sagten sie: „Komisches Ding.“ Wie ich der Polizei bis heute entwischt bin, weiß ich nicht.
Obwohl mein ungezügelter Hengst einmal 1000 Mark gekostet hatte, wurde er nicht geklaut, denn zur Auswahl standen immer auch welche mit Gangschaltung und Handbremse, die den Dieben wertvoller erschienen. Ich ließ ihn nie draußen übernachten, denn er war so leicht, dass ich ihn auf der Schulter in den 3. Stock hochtragen konnte. Weil ich von Reifenflickzeug abgesehen nur einmal eine neue Klingel brauchte, zogen sämtliche technischen Weiterentwicklungen an mir vorbei.
Nach der langen Zeit waren die Hartgummigriffe am Lenker fast zerbröselt, also suchte ich kürzlich nach Ersatz. Zufällig fuhr ich an einem dieser neumodischen Fahrradgeschäfte vorbei, die wie Boutiquen aussehen, in denen Hightech-Fahrgeräte gehandelt werden, welche beinahe so viel kosten wie ein Auto. Ich schob meinen alten, schon etwas klapprigen Gaul schüchtern heran.
„Guck Dir das an“, sagte der Chef zu seinem Mitarbeiter. Beide legten ihr Werkzeug aus der Hand und umfassten mein Rad mit sehr fachmännischen Blicken, in die sich bemerkenswertes Funkeln mischte. „Wo hast Du das denn her?“ Die Frage klang etwas streng.
Während Fury friedlich zwischen uns stand, erzählte ich stotternd, woher ich es hatte.
„Das ist genau die seltene Art von Rädern, die wir hier lieben“, sagte der Mitarbeiter.
Es traten noch andere Leute hinzu, niemand erwähnte mit einer Silbe die Straßenverkehrsuntauglichkeit, alle sprachen über Schönheit, einer schwärmte gar von Bauhaus und wollte auf der Stelle genauso eins, koste es, was es wolle. Mir schien es fast, als würde mein Rad, dessen Hinterreifen leicht eierte, sich unmerklich entspannen, während es unter aller Augen an meiner Hüfte lehnte. Ich spürte seine Muskeln unter dem Rahmen und dass ich es unbesorgt für eine Nacht und einen Gesundheits-Check hier lassen konnte.
Als ich es mit neuem Hinterreifen ausgestattet wieder abholte, klapperte und eierte es nicht mehr, sondern bockte unter mir wie ein Einjähriger, der noch nie einen Sattel gesehen hatte, verfiel dann in einen rasenden Galopp durch die Seitenstraßen. Ich saß einfach drauf und ließ mich tragen, bis es von selbst anhielt, was eine Weile dauerte. Dann trottete es zu dem Laden zurück und schnupperte an den Handwerkern, während ich eine lächerliche Summe zahlte.
Seitdem fahre ich also mit einem edlen Ross umher, das in den Adelsstand erhoben ist. Wir kurven immer mal wieder ins Geschäft, und zwar schwungvoll die Rampe hinauf direkt in den Laden. Wenn sie meinem Rad den Lenker getätschelt haben, radeln wir durch die Großstadt in den Sonnenuntergang.
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