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Die ewige Jugend

Portrait von Gabriele Bärtels

 

ewige-jugend1Sie stieg in den Bus ein und schob sich auf eine leere Bank. Als der Bus losfuhr, war sie damit beschäftigt, ihre breiten, goldenen Armreifen gegeneinanderzuschieben, ihren vanilleweißen Rock faltenfrei zu drapieren, ihre dunkelgoldene Kettenhandtasche an sich zu ziehen. Sie klirrte.

Bis zu ihrem Ziel hörte sie nicht auf, an ihrem hellen Jäckchen zu zupfen, ihr Haar wegzustreichen, die Beine übereinanderzuschlagen, um sich in die perfekte Fahrgasthaltung zu bringen. Für sich genommen war jede Bewegung weiblich, zusammen wirkten sie grotesk, denn sie fand kein Ende und kam nicht dazu, aus dem Fenster oder im Wagen herum zu schauen, auch war alles nicht rund, sondern fahrig und eckig.

Sie wollte sein wie Doris Day, cremefarben, rosa, leichtfüßig, frisch, anständig und gut situiert. Bestimmt hätte sie gern gehabt, dass ihr Alter schwer zu schätzen war, aber sie war sicher um die fünfundsiebzig. Auf dem Kopf trug sie eine hellblonde Perücke, dermaßen schimmernd und dichtgewebt, dass sie wie die Requisite einer außerirdischen Comicfigur wirkte.

Jungbrunnen, Bodemuseum BerlinDer dicke Plastikpony wölbte sich über einem Gesicht, das nicht alt aussah, nicht jung, sondern die Konsistenz welliger Oberschenkel hatte, die nie ans Licht gekommen waren. Die Spuren ihres Lebens darin waren getilgt. Ihre Stirn rührte sich nicht, die trüben Augen waren seltsam aufgerissen, die Lippen geschwollen wie von einem frischen Wespenstich, die Wangen beulten und spannten, als sei sie gerade erst gegen eine Tür gelaufen. Über all dies hatte sie großzügig Makeup verteilt, Rouge, Wimperntusche, Lipgloss.

Riesige, goldene Ringe und rosa lackierte, lange, falsche Fingernägel lenkten von den Altersflecken auf ihren Händen ab. Es kostete sie Kraft, diese immer wieder zu heben, um ihre Erscheinung zu ordnen, die durch alle Tätigkeiten durcheinander geriet. Sie stierte dabei vor sich hin, vielleicht in einen imaginären Spiegel, dem sie jederzeit Rede und Antwort stehen musste. Sie lächelte nicht, sondern behielt einen stumpfen, abwesenden Ausdruck bei. Insgesamt machte sie den Eindruck großer Mühe. Unter all den anderen Alltagsmenschen saß sie wie eine getunte Mumie.

Als der Bus hielt, zog sie sich an einem Haltegriff hoch. Ihr glänzender, pinkfarbener Mund verzerrte sich. Sie stieg aus dem Bus und hatte keine Kraft mehr, den Rücken durchzudrücken. Ewige-Jugend2Draußen auf dem Bürgersteig entfernte sie sich sehr langsam. Sie trug Plateau-Stiefel mit ungefähr zwölf Zentimeter hohen Absätzen. Es machte den Anschein, als ob ein Autohupen genügen würde, sie zum Absturz zu bringen. Aber sie hatte keinen Gehstock bei sich.

 

 

 

 

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