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Ebay ich

von Gabriele Bärtels

Astrid hat in sieben Tagen fünf Teile ersteigert und Marion in vier Wochen zweiunddreißig. Sie überboten sich gegenseitig in der Begeisterung über die tadellose Beschaffenheit der günstig geschnappten Ware und die herzlichen E-Mail-Kontakte mit Verkäufern aus ganz Deutschland. Jetzt haben sie mich angefixt.

Ich brauchte nichts, hatte nur Langeweile, als ich im Internet die Eingangsseite des Auktionshauses Ebay betrat. Sie lässt die sich dahinter türmenden Warenmassen nicht vermuten, unterteilt in 30 Hauptkategorien, schätzungsweise 300 Unterkategorien und von da aus immer weiter verzweigt in alle möglichen Schuhgrößen, Kragenweiten, Jahreszahlen, Geschmacksrichtungen, Längen, Gewichte, Markennamen und Durchmesser. Ich lernte Begriffe wie: Sofortkauf, Verkäuferbewertung, Bieterschritte und stieß auf den Button Gemeinschaft. Hier erzählten die Begeisterten und Erfahrungsaustauscher einander ihre Ebay-Biografie und manche lasen sich wie Erweckungsgeschichten. Wie peinlich, dachte ich.

Aber wer schon einmal so weit vorgedrungen ist, der will etwas erwerben, auch wenn er eigentlich nichts braucht. Ich klickte mich in die Bekleidungs-Abteilung, von dort zu den Damen-Designermarken, weiter zu den Oberteilen Größe 40, durchforstete die Angebote (Wie neu! Kaum getragen! Superhübsch! Unbedingt ansehen!) und bekam einen Einblick in die Wohnungen der Verkäufer, denn wenn sie ein Foto ihrer Ware machen, nehmen sie meistens auch einen Ausschnitt davon auf. Hinter der Warenbeschreibung fand ich häufig die Worte Ebay ich und vermutete, dass das ein albernes Glaubensbekenntnis war.

In fünf Minuten lief die Auktionszeit eines rosa Carmen-T-Shirts ab, und das nahm ich auf´s Korn. Es kostete nur einen Euro und niemand hatte darauf geboten, obwohl es aus feiner Viskose sein sollte, und das Preisschild noch daran hing. Ich gab das Mindestgebot ab, es war ja nur ein Klick. Auf einmal bemerkte ich, dass mein Herz raste, obwohl ich vollkommen still saß. Ich starrte auf die Uhr, nur noch drei Minuten. Auf dem Monitor erschien die Meldung: Leider hat jemand Sie überboten. Meine Wangen wurden warm. Ich gab ein zweites Gebot ab, 2 Euro 50, und zuckte nervös mit dem Fuß. Nur noch zwei Minuten. Leider hat jemand Sie überboten. Nur noch eine Minute. Das Blut sauste im Kreis durch meinen Körper. Ich tippte hektisch 5 Euro ein. Weniger als eine Minute. Auf dem Bildschim stand: Herzlichen Glückwunsch! Ich war die Siegerin. Mein Herz trommelte einen langen, lauten Tusch und explodierte wie eine Silvesterrakete. Selige Schauer gingen auf mich nieder. Mit dem Ich-Hab´s-Blick betrachtet, war das rosa Carmen-T-Shirt noch einmal so schön.

Mit Versand kostete es dann doch 9 Euro, aber ich schrieb der Verkäuferin sofort eine überschäumend fröhliche E-Mail, fragte nach ihrer Kontonummer und nannte meine Postadresse. Um ehrlich zu sein, war ich ganz aus dem Häuschen und verbrachte den Rest des Abends damit, nach Schuhen in 42 zu forschen, nach einem Stringbody in 75B, einem Laserdrucker, einem Funktelefon, einer Mikrowelle, einem Füllfederhalter, einem Bestsellerroman, einem Last-Minute-Flugticket, einem Regenschirm, einem Salatbesteck. Beinahe überall lief gerade eine Auktion ab, beinahe überall war etwas für mich dabei, beinahe überall machte ich einfach Klick, und als ich nachts um drei die Verbindung trennte, hatte ich - Porto nicht mitgerechnet - alles in allem 80 Euro ausgegeben und war ein Insider geworden. Als ich Zähneputzen ging, war mein Badezimmer merkwürdig leer und still. Aber von morgen an würde ich nach und nach neunzehn schöne Päckchen erhalten, und weil ich prompt überweisen würde, auch noch neunzehn positive Bewertungen der Verkäufer.

Gestern traf ich mich mit Marion und Astrid. Ich wollte erzählen, dass Verkaufen genauso glücklich machte, und ich nun den Spieß umgedreht, die Fotos meiner gebrauchten Klamotten eingestellt und deren Beschaffenheit dichterisch gerühmt hatte. Ich wollte meine Gewinne nennen, meine ersteigerte Beute präsentieren, mit meinen positiven Bewertungen protzen, aber ich kam nicht dazu, denn Marion hatte einundfünfzig positive Bewertungen. Sie war von Kopf bis Fuß in Ebay gekleidet, Schuhe, Handtasche, Jeans, Jacke, Gürtel, Ring. „Nur zweiundzwanzig Euro!“ (Porto nicht mitgerechnet). Ich bemerkte, das die Jacke komische Nähte auf den Schultern hatte. Marion krauste die Stirn und fand das „absolut nicht“. Dann bedauerten wir beide Astrid, die schon zwei Fehlkäufe gemacht hatte: „Auf dem Bild sah es aus wie Leder!“ Sie hat eben keinen Blick.

“Ich habe da eine Kaffeemaschine unter Beobachtung ...“ „Kennst Du schon die Rubrik ...?“ „Ich habe Astrid den Link geschickt, damit sie es sich mal ansieht ...“ „Auf die Turnschuhe warte ich schon ewig.“ „Billiges Parfum aus dem Drogeriemarkt - und nun hat mir bei Ebay jemand sechs Euro dafür bezahlt, bloß weil ich den Duft so schön beschrieben habe!“ Unter Millionen Kunden gibt es eben immer einen Dummen. Wir strebten bald auseinander, heim an unsere Bildschirme.

Nun habe ich meinen Job gekündigt, weil einfach keine Zeit mehr dafür ist. Mit der Registerkarte Mein Ebay überwache ich mein Handeln sehr bequem. Ich erhalte täglich fünfzehn E-Mails, denn jede meiner Aktionen wird umgehend schriftlich bestätigt. Außerdem stehe ich mit Kaufinteressenten von überall in Kontakt und verlasse das Haus nur noch, wenn ich zur Post will, wo ich per Handschlag begrüßt werde. Dass manche Leute ihre Ware ungewaschen und ungeputzt versenden, dafür kann Ebay nichts, das habe ich denen geschrieben und gleich noch einen Verbesserungsvorschlag gemacht, den sie gelobt haben, worauf ich sehr stolz bin. Meinen Freundinnen begegne ich im Chat oder in einem der Foren. Wenn wir uns persönlich treffen, zeigen wir uns gegenseitig unsere schönen Sachen. Ich hege den Verdacht, dass Marion Powerseller werden will, was erst ab achtundneunzig positiven Bewertungen möglich ist. Aber ich werde diesen Ehrentitel als Erste erringen, und dann erzähle ich auf der Community-Seite, wie sich mein Leben verändert hat.

(Dass Ebay ich bedeutet, dass die Auktionsgebühr von mir übernommen wird, weiß doch jeder.) 

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