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E-Mail-Geliebter

von Gabriele Bärtels

Nein, im Chatroom haben wir uns nicht kennengelernt, sondern in der Wirklichkeit. Er war auf Geschäftsreise, ich war auf Geschäftsreise, wir begegneten uns in einem Hotel und verbrachten nur eine Nacht zusammen. Am Morgen flog er zurück nach Österreich und ich heim nach Deutschland. Das hätte es eigentlich gewesen sein können.

Denn es lagen mehr als tausend Kilometer zwischen uns und er war verheiratet. Ich verschwendete keinen Hoffnungsschimmer an seine Scheidung, wollte auch nicht seine Geliebte werden. Das schrieb ich ihm das per E-Mail und wünschte ihm alles Gute. Er schrieb zurück. Dass er mich verstehe, dass er es schade finde, dass er gern wissen möchte, wie es mir in Zukunft ginge. Liebe Grüße.

Ich antwortete. Er antwortete. Und so fort. Nun sind es schon zwei Jahre und wir antworten einander immer noch und immer wieder. Jeden Tag, außer am Wochenende und wenn einer von uns verreist ist. Es hat ganz vorsichtig angefangen. Mit kleinen Erzählungen vom täglichen Wohl und Wehe. Mit Fragen danach. Mit Aufmunterungen und einer Zärtlichkeit im Betreff. Und jeden Tag, wenn ich seinen Namen in der Liste der eingegangenen Mails las, lächelte ich. Inzwischen haben wir hunderte von Briefen ausgetauscht, die ich nicht mehr Mails nennen mag, denn sie unterliegen - trotz ihrer hohen Kadenz - nicht den Gesetzen ihrer Schnelllebigkeit. Unsere Briefe sind lang - meine länger als seine, sie haben immer eine Anrede und eine Grußformel. Sie beziehen sich aufeinander. Ich lösche sie nicht und drucke sie alle aus. Und manchmal lese ich einen Teil hintereinander und dann sieht es aus wie ein endloses Gespräch und ein Tagebuch von uns beiden.

Ich habe zwar seine Adresse und alle Telefonnummern, aber bis heute keine Vorstellung davon, in welcher Umgebung er lebt und arbeitet. Ich kenne seine Freunde nicht und nur wenige seiner Gewohnheiten. Aber ich weiß von seinen Sorgen und was er in seiner Ehe vermisst. Ich kenne seinen Wunsch, gelobt zu werden. Er schickt mir Reden, die er vorbereiten muss und wenn er traurig ist, verschweigt er es lange, aber ich lese es zwischen allen Zeilen. Wir philosophieren über Götter und Götzen und die Juden. Ich erzähle von meiner Kindheit, dem Unfall, den ich gestern mitansehen musste, der Suche nach meiner beruflichen Zukunft, und als meine Mutter starb, war er meine größte Hilfe.

 Manchmal hatte ich so schlechte Laune, dass ich lieber nichts schreiben wollte und überwand mich dann trotzdem. Manchmal waren seine Briefe kurze, gedankenlose Zweizeiler und ich kämpfte mit dem Ärger darüber. Manchmal schrieb er mir von Konzerten, Partys, Preisen und ich neidete es ihm. Manchmal mögen ihn meine Ergüsse furchtbar angeödet haben oder entsetzt oder erheitert. Manchmal stritten wir uns. Wir hatten Krisen. Aber die Funkstille währte nie länger als ein paar Tage und danach sprachen wir offen über die Auseinandersetzung. Dann nannte ich ihn wieder "Meinen virtueller Geliebter" und er schrieb mir, dass eine Frau in seiner Firma mir sehr ähnlich sehe, aber ich sei viel hübscher. Ich schickte ihm Bücher, er mir CDs, und irgendwann fiel mir auf, dass er in Wirklichkeit unmöglich so wunderbar sein konnte, wie ich ihn mir per Mail gemacht hatte. Ich bestand auf ein Treffen.

Und als wir uns nach einem Jahr auf die Reise zueinander machten, fürchtete ich, einem völlig Fremden gegenüberzustehen, der meine unaussprechlichsten Geheimnisse kannte.  Aber wir fügten uns nahtlos aneinander, blieben so einen Tag und eine Nacht. Liebten uns schamlos, redeten über alles, gingen schwimmen und essen und spazieren und schauten uns von außen an. Danach flogen wir zurück in unsere verschiedenen Leben. Keine Frage nach einem Wiedersehen, aber auch kein Nein.

Uns beiden ist klar, dass uns etwas Wesentliches im Leben fehlt. Wir ersetzen es einander durch eine E-Mail am Tag und manchmal, wenn es wichtig ist, auch durch einen Anruf. Uns beiden ist auch klar, dass das nicht reicht, aber trotzdem weitreichende Folgen hat. Wir sind einander ein kleines, unsichtbares Taschengeheimnis, ein Stück Rebellion gegen unsere jeweiligen Wirklichkeiten, aufrichtige Kritiker, Klagemauern. Ich sage ihm, dass er schön ist, wenn ich fühle, dass er es braucht. Wir lernen viel über die Liebe.

Vielleicht wird sich in diesem Jahr ein Grund ergeben, der uns wieder für einen Tag zusammenbringt. Vielleicht auch nicht. Irgendwann wird er die Kraft finden, sich aus seiner Ehe zu lösen. Und wenn er eine neue Verbindung eingeht, wird sie mich ausschließen, schon weil ich ihm wünsche, dass er mich dann nicht mehr braucht. Und ich habe in der vergangenen Zeit nicht aufgehört zu flirten und rechne fest damit, dass mir mein Traummann noch in die Hände fällt. Wir haben darüber gesprochen. Etwas wird sich dann ändern. Aber nicht alles.

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