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Faszination und Abscheu
Ambivalenz einer DSDS-Zuschauerin
von Gabriele Bärtels
Dass ich sämtliche Folgen der aktuellen Superstar-Staffel gesehen habe, erzähle ich nur engsten Freunden, denn es ist ehrenrührig, auch wenn ich gern mal – wie früher am Morgen nach Dallas – mit jemandem tratschen möchte, der es auch geguckt hat. „Ist Bohlen nicht der Superarsch?“, würde ich fragen und in ein Lamento ausbrechen über den Proletenprotz, mit dem ich leider gemeinsam habe, von Anfang an in Mark Medlock, einen der Top-Ten-Kandidaten, verliebt gewesen zu sein. Aber das ist kein Gesprächsthema unter intelligenten Leuten, und deshalb trage ich dieses dunkle Geheimnis allein mit mir herum.
Das Deutschland, das bei RTL einen Superstar sucht, ist eine Kitschnation, mit sauber verteilten Gut/Böse-Rollen und massenhaft Statisten aus den schattigsten Ecken unserer Gesellschaft, welche kein Honorar bekommen, und die ein lächerliches Ziel vereint. Die besonders auffälligen unter ihnen - Zwerge, Autisten, Loser, Großäugige, Größenwahnsinnige und Talentierte wurden monatelang gnadenlos vorgeführt, bis schließlich zehn zu Kandidaten für die finalen Shows gekürt waren. Dazwischen machten sich die schlimmsten anderen als Kurzfilm in hundertfacher Wiederholung lächerlich.
Ich weiß genau, dass mein Schaudern über diesen Niedergang der Zivilisation ein Suhlen im Schweinestall anderer Leute ist. Der Grundkonsens zwischen mir als Zuschauerin und den Mitwirkenden besteht aber darin, dass dieses Ziel trotzdem das allerwichtigste ist, und die Jury eine Art Bundesgerichtshof darstellt. Wenn ich beides bezweifle, könnte ich auch gleich ausschalten.
Stattdessen machte ich wahrscheinlich fast alles so, wie RTL sich sein Publikum wünscht: Ich habe mich über Dummheit, Frechheit und Selbstüberschätzung zahlreicher Castingteilnehmer echauffiert und noch mehr über Dieter Bohlen, dessen Horizont unter der Gürtellinie beginnt und endet, und dessen Urteil mir trotzdem gelegentlich Respekt abnötigt. Eine Weile flirtete ich mit dem zweiten männlichen Jury-Mitglied, weil ich annahm, er könne es mit ihm aufnehmen, ihn gar für allemal mundtot machte. Leider sah ich Heinz Henns Souveränität bröckeln, und wie er seine Lippen von Sendung zu Sendung spitzer spitzte, bis sein ganzes Gesicht einen säuerlichen Ausdruck bekam, und seine Contenance nur noch gespielt war. Ich erkannte, dass er ein Wadenbeißer ist, und eigentlich dumm. Wäre er klug gewesen, hätte er vor Vertragsabschluss wissen müssen, dass das Format allein durch den Badboy steht und fällt, denn erst von so einem stechen die Braven und Unschuldigen richtig ab. Mir tut Bohlens Existenz insofern gut, als ich moralisch viel weiter oben angesiedelt bin, und wenn ich ihm nicht zuschauen würde, wüsste ich das ja gar nicht.
Weiterhin habe ich erwartungsgemäß funktioniert, was die Bindung an die Protagonisten angeht. Schon früh schälten sich meine Lieblinge heraus, das unsichere, ungewöhnliche Schneewittchen Lauren Talbot und natürlich der Straßenköter Mark Medlock, eleganter Held aller Verlierer, der seine verletzte Seele nackt und bloß ins Fernsehen trug, und mit seinen großen Augen das Kindchenschema bedient, auf das jeder Mensch reagiert, ob eine Mattscheibe dazwischen ist oder nicht. Ich kann doch so ein Schicksal dann nicht mehr allein in der Programmzeitschrift stehen lassen!
Einer Hälfte von mir ist klar, dass die Kandidaten nicht als größte Sänger in die Geschichte der Popmusik eingehen werden, dafür muss man nicht die Geschichten ihrer Vorgänger herunterbeten, sondern nur genau hinhören. Diese Seite von mir sieht auch, dass ich wahrlich besser einen Kuchen backen könnte, als mich weiter dem gebetsmühligenartigen „Ich muss sagen“, der Jury auszusetzen oder dem Grinsen des Moderatorenpaares, das ohne jeden Geistesblitz auskommt. Aber wenn die Kamera auf die blassen, gespannten, jungen Gesichter zoomt, die mit Votings, hohen Schuhen, Ohrstöpseln und Jury-Kommentaren gequält werden, bin ich zu nah dran, um Abstand zu gewinnen und lasse alles, was mir die Kameras zeigen, ungeprüft mein Bewusstsein passieren.
Tatsache ist, wenn Mark Medlock singt, krieche ich auf allen Vieren zum Bildschirm, mache noch lauter und bewege mich kaum, bis es vorbei ist. Ich fange seinen Blick auf und registriere die kleinste Regung, die über sein Gesicht zittert, auch dieses süße, fast unsichtbare Augenzwinkern. Mich treibt die Sorge um, dass seine zarte Seele durch einen Nervenzusammenbruch beschädigt wird. Ängstlich pickte ich im Internet Nachrichten seiner Kehlkopfentzündung auf und von Sauerstoff-Flaschen, die er benötigte. Es ist mir peinlich, dass man in Blogbeiträgen lesen kann, wie viele ihn ebenfalls „Liebling““ nennen.
Die Superstar-suchende Nation schwappt in die Wirklichkeit. Kandidaten auf Heimatausflug werden von örtlichen Würdenträgern empfangen. Berlins Bürgermeister Wowerweit schüttelte Max Buskohl die Hand, der zu diesem Zeitpunkt doch nichts als ein schlaksiger Rebell in einer Fernseh-Soap war, bis er kürzlich aus seinem Vertrag ausstieg und damit aus Kitsch-Deutschland.
Als ich die Meldung im Internet las, machte mein Herz trotzdem einen Satz. Gleichzeitig kann ich dem Jungen nur beipflichten, denn alle anderen Kandidaten faseln für meinen Geschmack zuviel von „Leistung“, lassen sich, Mark Medlock inklusive, vom RTL-Management wie Lemminge durch das Programm scheuchen, und machen auf Kommando Purzelbäume, was ich im wahren Leben verabscheuungswürdig finde. Am meisten nerven diese Fotos, auf denen sie mit nach vorn gestrecktem Arm in die Kamera zeigen. Ich habe nie verstanden, was das für eine Geste sein soll. Grimmig registrierte ich, dass der unangepasste Max fortan bei RTL eine sehr schlechte Presse hatte.
Wenn der Showdown-Samstag naht, an dem ich hoffe, dass Mark Medlock gewinnt und von da an ein glückliches Leben führt, bis er gestorben ist, (was natürlich nicht der Fall sein wird, denn man kann ja in allen Zeitungen lesen, wie sein Vertrag ihn dann knebelt), werde ich keine Verabredung haben außer dieser um zwanzig Uhr fünfzehn, werde im Jogginganzug vor dem Fernseher liegen, gleichgültig, wie lau die Mai-Nacht ist, von Weintrauben und anderen Leckereien umringt. Ein letztes Mal werde ich mich in die Schaumwelt sinken lassen, auf meinen Liebling warten und jeden Blick zu erhaschen suchen, den er mir zuwirft, mich über die Jury erregen, die armen Kandidaten-Eltern bedauern, die so oft von unten gefilmt werden, und den Ton abdrehen, wenn das Hab-die-Haare-schön-Pummel Johanna aus der ersten Folge auftauchen sollte, das meiner Laien-Ferndiagnose nach schon als kleines Mädchen schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht haben muss und auf dieser Entwicklungsstufe stehenblieb. Wie zynisch kann man sein, sie hier vorzuführen?
Ich werde diese Frage genauso verdrängen wie die Schlammschlachten hinter Kulissen und in der Öffentlichkeit. Ob nun wirklich die Zuschauer den Sieger küren oder der RTL-Notar auch nur ein Laiendarsteller ist, ist mir herzlich egal, denn ich war ja nie so blöd, anzurufen. Es gibt ohnehin einen Fehler im System, eine geschlechtliche Benachteiligung, die man offenbar dem Publikum anlasten muss: Dass ein Mädchen Superstar wird, ist extrem unwahrscheinlich, mag sie auch jodeln wie Whitney Houston. Es rufen einfach nicht genug Leute für Mädchen an.
Nur während der Werbepausen werde ich pinkeln gehen, und dieses eine Mal bis zur Entscheidung - also eine Stunde länger – aufbleiben, die ich sonst immer für Sonntag auf Video aufgenommen hatte. Und wenn Mark Medlock nicht gewinnt, sondern der Durchschnitts-Martin-Stosch, der schon selbst weiß, dass ihn nur die pubertierenden Teenies vor der Mattscheibe nach oben gehievt haben, werde ich entsetzt sein. Vollgefressen und gefühlsbeduselt gehe ich dann ins Bett. Möglich, dass ich mir am Sonntag noch bei RTL-Exklusiv das Nachspiel anschaue.
Jedenfalls stehen mit dem Tag der Entscheidung meine Samstagabende wieder zur Disposition, und Mark Medlock werde ich binnen Wochen komplett vergessen haben. Dieter Bohlen aber nicht, und darum wohl ist er der Einzige, dessen Teilnahme an der nächsten Staffel bereits gesichert ist.
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