Sie ist ein Jahr jünger als ich, jetzt 45. Als kleines Mädchen war sie das „Hausmütterchen“, also überaus brav und anstellig, während man mich faul und verträumt nannte. In der Pubertät bäumte sie sich auf, hatte einen heimlichen Freund und die erste Abtreibung, als ich an Sex noch nicht einmal zu denken wagte. Wir teilten solche Geheimnisse nicht. Ich sah nur zu, wie meine Mutter in Schubladen keifend nach der Pille suchte, die sich meine Schwester mit einem entwendeten Krankenschein verschafft hatte, und wie mein Vater Ohrfeigen verteilte.

“Ich dachte, ich wäre das schwärzeste Schaf der Familie”

Meine Schwester ging ein Jahr ins Ausland, studierte und heiratete später ordentlich, arbeitete lange in einer Abteilungsleitung, zahlte eine Eigentumswohnung ab, während ich das Studium abbrach, keine zwei Jahre bei einem Job blieb. In meinen Zwanzigern taumelte ich von Selbstmordversuch zu Selbstmordversuch, von Therapie zu Therapie, kannte mich nur ängstlich und schwankend. Ich dachte, ich wäre der Versager der Familie, ihr schwärzestes Schaf.

Wenn wir Weihnachten zusammentrafen, hatten alle anderen ihr Examen oder schon das erste Kind, und meine Schwester saß wie eine Anstandsdame auf dem Familiensofa. Ich konnte sie nicht angucken, so sehr war ich gegen sie und ihre huldvolle, besserwisserische Betulichkeit. Sie schien selbst die Fliegen unter Kontrolle zu haben und auch wenn sie schwieg, gingen Säuerlichkeit und Missbilligung von ihr aus. Sie kleidete sich hübsch, harmlos, in Pastellfarben und Blümchen, darunter ihr verdrahteter Körper, den sie eisern trainierte. Sie wollte mir erzählen, wie ich mein Leben begradigen konnte. Ich brauste auf und verschwand noch vor dem ersten Weihnachtstag.

“Über irgendwelche Schreckgespenster unserer Kindheit wollte keiner mehr reden.”

In meinen Dreißigern verweigerte ich mich den Jobs und Therapien schließlich ganz, brach mit sämtlichen psychologischen Diagnosen, schlug mich mit wechselndem Erfolg freiberuflich durch, selten mehr als die fällige Monatsmiete auf dem Konto, doch meine Arbeit brachte wachsende Anerkennung. Ich begann, Menschen gerade in die Augen zu schauen und eine nicht gekannte Sicherheit zu entwickeln. Das Verhältnis zu meiner Familie ist gespannt geblieben, über irgendwelche Schreckgespenster unserer Kindheit wollte keiner mehr reden, ich fuhr nicht mehr oft heim.

Meine Schwester lebte in einer anderen Stadt. Im Elternhaus traf ich sie selten, hörte lediglich, dass sie mit Sekten Kontakt gehabt und sich nach ihrer Scheidung auf einen zunehmend dogmatischer klingenden, esoterischen Trip begeben hatte, von dem sie nicht abzubringen war. Ihr Gesicht wirkte disharmonisch, das glückliche Lächeln, das sie auf ihren Hochzeitsfotos zeigte, war schon damals, vor fünfzehn Jahren, sehr dünn gewesen. Ihre Augen waren meistens angstvoll aufgerissen, sie ging mit Strenge darüber hinweg, kontrollierte genau, was sie aß und wie viel, tanzte auf Parties zwar fast akrobatisch, doch ohne jede Weichheit, Lust, Sinnlichkeit, beinahe erbarmungswürdig in ihrem verkrampften Bemühen um Hochleistung.

“Warum macht Ihr dieses Machtspiel alle mit?”

Ich interessierte mich nicht im Mindesten für sie und war froh, wenn ich sie und ihre subtilen, mit leiser Stimme vorgetragenen Manipulationsversuche zuhause verpasste. Ich wollte nicht hinnehmen, dass sie – kaum angekommen, die ganze Familie beschäftigte, weil sie partout nicht in dem für sie vorgesehenen Zimmer schlafen wollte, es habe eine schlechte Aura. Schließlich wurden noch die Nachbarn involviert, die ihr dann ein Gästezimmer frei räumten, womit alle den Vormittag über beschäftigt waren. Und ich sagte laut: „Die spinnt doch. Weshalb macht Ihr dieses Machtspiel alle mit?“ Und schon war ich wieder das Ärgernis, das den Familienfrieden störte. Dann verging wieder lange Zeit ohne Kontakt mit ihr.

Vor etwa drei Jahren bekam ich einen Anruf: Meine Schwester – inzwischen geschieden - hatte sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen. Sie hatte – keiner ahnte etwas davon –sich, ihren Job, ihre Wohnung bereits monatelang völlig verwahrlosen lassen. Sie äußerte Selbstmordabsichten.

Die Nachricht traf mich wie eine Keule. Ich war doch die „Kranke“ unserer Familie gewesen, diejenige, die jeden Versuch aufgegeben hatte, „normal“ zu sein und von den Geschwistern eher mitleidig betrachtet wurde. Stattdessen sackte nun die gesamte adrette Fassade meiner Schwester so schnell in sich zusammen wie ein gesprengtes Hochhaus.

“Ein förmlich lächelndes Knochengerüst”

Ich hatte sie vor fünf Jahren das letzte Mal gesehen, als ein Familienereignis alle zusammenrief, da war sie mir grauhaarig und dürr mit ihren aufgerissenen Augen entgegen getreten, und ich war zurückgewichen, so sehr hatte ihr Anblick mich erschreckt. Ich sagte: „Die ist magersüchtig“, doch niemand stimmte mir zu, dabei sah sie jämmerlich aus, ein förmlich lächelndes Knochengerüst. In den beschwingtesten Momenten blieb sie starr und hart, wollte sich ihren Nichten spielerisch nähern, aber die Kinder fanden höfliche Gründe, raus in den Garten zu rennen. Bei allem Abstand, den ich selbst zur Familie hatte, war es mir da noch ein beinahe grimmiger Genuss gewesen, dies zu beobachten.

Sie bildete sich ein, eine Heilerin zu sein, doch ihre Rosenquarz- und Räucherstäbchen-Vorstellungen vom gesunden Leben wurden durch ihre altjüngferliche Erscheinung schrecklich konterkariert. Nicht einmal im Garten durfte ich in ihrer Nähe rauchen. „Würdest Du bitte woanders hingehen?“ fragte sie spitz. Ihre dreizehnten Monatsgehälter, ihre Sparverträge und ihre Empörung über süchtiges Verhalten waren politisch äußerst korrekt, während ich mit Ach und Krach meine Telefonrechnung bezahlen konnte, aber zwanzig Zigaretten pro Tag rauchte.

“Meine Schwester wurde zum Drehtür-Patient.”

Und nun die Psychiatrie. Meine Schwester wurde zum Drehtür-Patient. Ging noch einmal für mehrere Monate in die alte Firma zurück, scheiterte. Zog sich von ihren Freunden zurück und verlor bei einem irrsinnigen Hauskauf alle Ersparnisse. Wollte aus Scham nicht mehr in die Stadt zurück, in der sie gelebt hatte. Wieder Psychiatrie, wieder raus. Inzwischen eine zweifelhafte Diagnose: Manisch-depressiv. Es fehlten ausgeprägte manische Phasen.

Ich konnte mich nicht ernsthaft als Siegerin in einem albernen Schwestern-Konkurrenzkampf fühlen, sondern war tief erschrocken. Mit Sicherheit hatte die Persönlichkeitsstörung meiner Schwester denselben Ursprung wie meine Schwierigkeiten sie gehabt hatten. Wir waren doch als Kinder nicht Feinde, sondern eigentlich Leidensgenossen gewesen. Vielleicht würde es uns beiden gut tun, unsere Erinnerungen nebeneinander zu legen, ganz ohne Messer in der Handtasche. So unähnlich waren sich unsere Geschichten nicht, auch wenn sich unsere Lebensbühnen heute gewaltig unterschieden. Vielleicht war es ihr sogar hilfreich, dass ich schon mal selbst in der Psychiatrie gewesen war, wenn auch vor langer Zeit und nur zwei Wochen. Es war nicht ganz einfach, meine Haltung zu meiner Schwester umzustellen, nach über vierzig Jahren, doch ich wollte in der verrosteten Ablehnung nicht stecken bleiben.

“Ich rief nun wöchentlich über das Patienten-Telefon an.”

Ich rief nun wöchentlich in der Klinik über das Patiententelefon an, anfangs mit deutlicher Unterkühlung in der Stimme, hörte stundenlang, dass sie sterben wollte, redete mir den Mund fusselig, dass es auch andere Auswege gäbe. Sagte ihr, dass ich aus Erfahrung wisse, dass ein Selbstmord so leicht nicht zu bewerkstelligen sei, und dass sie erst begreifen werde, wie sehr sie am Leben hänge, wenn sie echte Todesangst spüre. Erzählte ihr von meinem Alltag, meinen Sorgen, meinen Zielen, damit sie ein realistisches Jetzt-Bild von mir entwickeln konnte, nicht mehr das alte, feindselige.

Ein vernünftiger psychiatrischer Arzt würde empfehlen, dass die Familie sich heraushält, doch wer kann schon damit leben, einfach nichts zu tun, zu raten, zu helfen. Alle versuchten meine Schwester zu unterstützen, nicht nur ich. Unsere jüngste Schwester, Mutter von zwei Kindern, sagte, sie könne das Jammern nicht mehr hören, trotzdem holte sie sie am Wochenende aus der Klinik häufiger zu sich.

“Sie wünsche keine weiteren Anrufe von mir.”

Eines Tages teilte mir meine Schwester in steifem Ton mit – ihre Stimme ist seit langem eine kippelige Angelegenheit – dass sie keine weiteren Anrufe von mir wünsche, sie würde mir die Telefongebühren bis dahin aber gern erstatten. Da war mir klar, dass es kein Rankommen an sie gab, von mir jedenfalls nicht. Einerseits verletzte sie mich damit schwer, andererseits war ich erleichtert, nicht mehr regelmäßig in ihrer Schwärze herumzutappen, die von keinem Funken Lust erleuchtet wurde und sich immer nur um eines drehte: Um sie selbst. Auch ich hatte mich zeitweise zügeln müssen, um ihr nicht zu vorzuwerfen, dass sie schon früher auf diese subtile Weise geherrscht hatte, und dass sie sich doch eigentlich seit langem nur noch darauf beschränkte, sich zu schonen, versorgen und unterbringen zu lassen, während über allem stets die Selbstmorddrohung schwebte, die sie vor den Ärzten jedoch verbarg, damit die ihr nicht den Ausgang verboten.

“Sie selbst hatte keinen Karton ausgepackt.”

Mit Hilfe des Krankenhauses fand sie vor zwei Monaten eine Sozialwohnung in einer Kleinstadt, die sie sich ausgesucht hatte, die sie nur flüchtig kannte. Ich hörte, dass ihr die Geschwister beim Umzug und der Einrichtung halfen. Sie selbst hätte keinen Karton ausgepackt. Sie bezog nun eine soziale Unterstützung und ging in eine Tagesklinik, saß dort herum. Vielleicht würde sie eines Tages einen Mini-Job annehmen können, das sollte ihr Neustart in die Zukunft sein. Nicht sehr verführerische Aussichten, also hatte sie auf Türmen gestanden, ein Messer in der Hand gehabt, schließlich Tabletten gehortet, diese sonntags genommen, war montags gefunden worden, lag drei Tage auf der Intensivstation.

“Ich sagte ihr, es sei leichter zu leben als zu sterben.”

Jetzt sitzt sie zum x-ten Mal in der geschlossenen Psychiatrie, in diese Wohnung soll sie nicht zurück. Natürlich rief ich sie wieder an. Sie legte nicht auf, sondern erzählte, dass sie nicht hatte in Erfahrung bringen können, mit welchen Tabletten ein Selbstmord funktioniere, und dass ein Sprung vom Turm vielleicht nicht tödlich gewesen wäre. Und dass sie sich entsetzlich schäme. Vielleicht, hoffte ich, würde sie nun endlich die Entscheidung fällen, sich dem Leben wieder zuzuwenden, nachdem es mit dem Tod nicht geklappt hatte. Ich fand, dass ihr Versuch wenig konsequent gewesen war. Die Intelligenz meiner Schwester hätte weit genug gereicht, eine radikalere, sichere Lösung zu finden, wenn es ihr wirklich ernst gewesen wäre. Ich sagte ihr, es sei leichter zu leben als zu sterben.

Letzte Woche stieg ich in einen Zug und besuchte sie, saß ihr drei Stunden gegenüber, einer überaus intelligenten und eigentlich auch attraktiven Frau, die bei weitem nicht so alt ist wie sie sich fühlt. Sie schläft in einem Patientenbett, isst in einem Speisesaal, schlurft ungepflegt über den Linoleumboden, wird von einer Sozialarbeiterin betreut, findet nicht die Kraft, sich aufzurichten, sagt, sie habe sie nicht, wolle sie auch nicht, wüsste auch nicht wohin und wozu. Beim Sport macht sie nicht mit.

Demnächst soll sie in eine betreute Wohngemeinschaft ziehen. Sie redet viel, glasklar und differenziert davon, dass sie ein Versager ist, dass es bis heute keinen Tag in ihrem Leben gab, an dem sie sich sicher gefühlt hätte. Und dass sie absolut nicht tolerieren kann, wo sie jetzt angekommen ist. So wie sie spricht, war der Selbstmordversuch nicht der letzte.

“Ich kann mich gar nicht mehr aufmachen.”

„Früher“, sagt sie, „habe ich mich innerlich wie eine Faust zusammengekrampft. Ihr kriegt mich nicht klein, habe ich nur gedacht, wenn die Prügel auf mich niedersausten. Ich glaube, ich bin immer noch so eine Faust. Ich kann mich gar nicht aufmachen.“ Nach einer Pause: „Ich habe mir immer schwache Männer gesucht, damit gar nicht erst die Gefahr besteht, dass sie mich schlagen.“

 „Wir sind beide in Angst und Schrecken aufgewachsen“, sagte ich. „Ich hatte die gleiche Dauerangst wie Du. Auf sämtlichen Fotos von früher steht sie in meinem Gesicht. Ich wollte auch nicht mehr leben, jedenfalls nicht so, lieber immer nur schlafen. Mag sein, dass ich nicht viel erreicht habe seitdem, jedenfalls keine Eigentumswohnung, aber es geht, man kann ein eigenes Leben finden. Was Du brauchst, ist ein neues Ziel, nicht diese düsteren Aussichten.“ Der Unterschied zu früher ist, dass meine Schwester mir zuhört, auch wenn sie mir nicht glaubt.

“Sie verkümmert vor meinen Augen.”

Doch keiner kann ihr Lust und Kraft und Neugier über eine Infusion verabreichen. Alles, was ich sage, hilft nichts. Sie sitzt da, tut nichts, verkümmert vor meinen Augen. Und ich weinte: „Ich weiß nicht, wie ich glücklich sein soll, wenn ich weiß, Du liegst unter der Erde. Ist Dir das so egal?“ Sie sagt höflich, dass ihr das unangenehm wäre. Ich machte ihr den Vorschlag, doch einmal etwas gänzlich Verrücktes, Unerhörtes zu wagen, danach könne sie sich immer noch vor einen Zug werfen. Sie lächelt müde.

Auch dem Pflegepersonal in der Klinik ist es bisher nicht gelungen, sie zu knacken. Die Ärzte sagten schon vor einem Jahr, sie sei austherapiert. Ein Psychologe, den ich fragte, gab zur Antwort: “Man kann es nur ertragen.”

Draußen scheint die Sonne, und ich werde gleich einen ausgedehnten Spaziergang machen, während sie in einer Psychiatrie auf der geschlossenen Station 31 sitzt, durch die Fenster schaut und keinen Schritt vor die Tür macht, obwohl man es ihr nicht verboten hat. Ich frage mich, ob und wann ich einen Anruf kriege, dass sie tot ist oder lebt.

Die Selbstmord-Drohung meiner Schwester
 

“Dass ich meine Schwester früher geliebt hätte, kann ich nicht behaupten. Bei uns Zuhause hatte man es nicht so mit der Liebe, mehr mit elterlicher Gewalt. Genau genommen bestand unsere Familie aus lauter Einzelkämpfern. Ich kann mich noch an Szenen erinnern, als wir ein Kinderzimmer teilten, da hätte ich meine Schwester erstochen, wenn ich ein Messer gehabt hätte, weil sie nicht aufhören wollte, mir irgendwas einzureden.”

protokolliert von Elisabeth Liga

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