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Frida kostet nichts, aber das ist nicht wahr

Portrait: Dorothy Parker
von Matthias Penzel

Im New York der Zwanziger war sie eine Berühmheit. Einen Roman hat sie nie geschrieben. Davon abgesehen hat sie fast alles gemacht, wovon Schriftsteller nur träumen. Ihre spitzen Bemerkungen klingen immer noch taufrisch.

 

Aus einer Kritik über die













Inszenierung von













The Lake, 1933:













"Katherine Hepburn zog













wieder alle Register ihrer













Ausdruckskraft. Von A bis B."In den zwanziger Jahren brummte es in allen Ecken, besonders in Manhattan. Dann Jazz, Cocktails, der Tonfilm und mit ihm Champagner und für Kreative eine Neue Economy (sprich: Verdienstmöglichkeiten)... Von hier ein Katzensprung zu F. Scott Fitzgeralds großen Gatsby-Get-togethers, Oscar-Nominierungen, Picasso an der Wand, mit Harpo Marx bei Radioshows, Scripts mit D.W. Griffith. Immer dabei: Dorothy Parker, die das alles kannte, das alles hatte – und hinter sich ließ.

Seit »Mrs Parker und ihr lasterhafter Kreis« auch im deutschen Hinterland über via Fernsehbildschirme flimmerte, hat fast jeder von „Dottie“ gehört. Doch ein „vicious circle“ ist weniger ein lasterhafter als ein Teufelskreis, und der runde Tisch, an dem sie im Algonquin Hotel zeitweilig fast residierte, zumeist witzelte und oft soff, der legendäre Round Table im Algonquin Hotel war im Leben der Dorothy Parker lediglich ein Aspekt, der mit Abstand am häufigsten kolportierte.

Zu den anderen, vielsagend unbekannten Aktivitäten ihres Lebens zählt die Gründung der Anti-Nazi League in Hollywood; Demonstration gegen die Hinrichtung der Anarchisten Sacco und Vanzetti in Boston, ihr Engagement für die Republik im spanischen Bürgerkrieg. Was brachte das? In Hollywood, McCarthy-Ära, kam sie auf die Schwarze Liste, von den Abenteurern der Internationalen wurde sie in Spanien als Hemingway-Anhängsel abgetan, kaum mehr als ein Abenteuer, und in Boston kam sie ins Gefängnis.

"Als das Telefon nicht klingelte,













wusste ich, dass du es warst."













(New Yorker Geschichten)Dorothy Parker: hierzulande nicht nur übersehen, sondern geradezu beschämend unbekannt. Statt nun zu sagen, Mrs. Parker hätte auch in der Öffentlichkeit die Hosen angehabt, übersetzen wir – dem bisherigen Umgang entsprechend – einfach faul und ad verbatim aus dem Englischen: Sie hatte die Stiefel an. Und ihre Stiefel, die hatten Absätze, die sich ins Bewusstsein bohrten. Dorothy Parker war Feministin. „Zu einer Zeit, als New York noch fast von Büffeln bedroht wurde, kämpfte ich für Gleichberechtigung“, erklärte sie 1955 der Paris Review. Gleichzeitig verehrte sie Hemingway. Leicht machte sie es keinem. Am wenigsten sich selbst.

"Das Honorar muss nicht













diskutiert werden: Ich will













genug, um Körper und Geist 













auseinanderzuhalten."Dorothy Parker (1893-1967), textend in fast jedem Genre aktiv, eigen und nie artig, politisch engagiert, Dottie Parker schrieb, lebte und handelte wie jemand, der seiner inneren Stimme vertraut. Als Romantiker mit Herz und Haaren hatte sie – konsequenterweise – einen Hang zum Zynischen, verlief ihre Karriere wie eine Fahrt auf der Achterbahn. Kurz: In ihrer Haltung wider Dogmen, in ihrer Positionierung zwischen den Stühlen, ihrem Interesse für die Underdogs ist sie auch heute von höchster Aktualität. Besonders deutlich wird das in ihren Shortstories, hierzulande veröffentlicht als »New Yorker Geschichten«. Schon innerhalb von wenigen Zeilen deckt sie auf, was sich unter Make-up und großmännischen Gesten verbirgt. Parker, geborene Rothschild, „ein Nachzügler in einer Familie ohne Liebe“, lernte früh, wie sich die Reichen und Selbstzufriedenen bei Laune halten. Nicht nur die Stadt, das rettende und verschlingende New York, prägte Parkers Charakter und trainierte Augen und Zunge.

"Ich verlange nur dreierlei von einem Mann.













Gutes Aussehen, Grausamkeit und Dummheit."Auch das Schicksal teilte schon früh ein paar Karten aus, die den meisten von uns zwar nicht erspart, aber erst Jahrzehnte später ausgehändigt werden: Als sie vier ist, stirbt ihre Mutter, die Stiefmutter nennt sie nur „Haushälterin“, sie wird auf Internate und Klosterschulen geschickt. Mit achtzehn zieht sie nach New York, um in einer Tanzschule als Pianistin zu jobben, im Jahr darauf stirbt ihr Bruder auf der Titanic, ihr Vater ein Jahr später.

Und was assoziiert man mit Dorothy Parker?, ah ja, den lasterhaften Kreis, Saufgelage und Winseln gegenüber Machomännern.

Weit weg vom Smalltalk am Round Table zollten ihr W. Somerset Maugham und Ernest Hemingway tiefsten Respekt für diese Haltung wider Dogmen, das Interesse für die kleinen und verstrickten Probleme der kleinen und einfachen Leute. Das Misstrauen gegenüber den Selbstsicheren. Kollegen schätzten sie allerdings auch für das Handwerk, mit dem sie das Gift aus ihrer Feder fließen ließ. Nicht unwesentlich: Wenn sie jemandem an die Gurgel ging, dann nicht den einfachen Angestellten und kleinen Leuten, die ihre Geschichten bevölkern, nicht den Sekretärinnen und hoffnungslos blonden Jungfern voller Hoffnung und Illusion, sondern denen, in deren Adern blaues Blut oder kühles Kalkül tickt.

"Wer wissen will,













was Gott von Geld hält,













muss sich nur ansehen,













wem er es gegeben hat."Eins hat sie nie gemacht – einen Roman geschrieben. Stattdessen drei Theaterstücke, an die vierzig Gedichte zwischen 1915 und 1945, primär über die Schattenseiten der Selbstentfaltung, Liebe und Lust. Rhythmisch sicher, zunächst fast sentimental, in der letzten Zeile mit einem Fallbeil, das alles Sanfte vernichtet. Abtreibungen, Fehlgeburten und Selbstmordversuche sind eben nicht so wegzuwischen wie die Asche einer Montecristo vom Jackett. Vielsagend auch die Veröffentlichungsstatistik: Nach 1937 nur noch drei Gedichte, darunter im Jahr 1944 »War Song«. In Kolumnen und Rezensionen der tonangebenden, neuen Magazine ging sie kompromisslos ins Gericht – „Diesen Roman sollte man nicht einfach so weglegen, man sollte ihn voller Hingabe in die Ecke feuern.“

Wenn jemand so Tacheles redet – und auch schreibt –, dann hat das Konsequenzen. Als mit Witz und Worten jonglierender Star wurde sie von Vanity Fair gefeiert, 27-jährig schon wieder gefeuert, als sie die Gattin eines Anzeigenkunden vergrämte. Beim New Yorker war sie ab der Nullnummer mit von der Partie, kurz darauf mit Texten für Life, auch Cosmopolitan, bis zu ihrem Tod für Esquire. Besonders ihre Literatur- und Theaterkritiken, gepfeffert mit radikaler Ehrlichkeit und auf den Kopf gedrehten Bonmots, machen sie noch heute zu einer der am häufigsten zitierten Stimmen im angloamerikanischen Feuilleton. Dem geradezu diametral gegenüber verlaufen die Spuren, die sie in Hollywood hinterlassen hat. Zwar hat sie hier „genug verdient, um Körper und Seele auseinander zu halten“, doch an die wenigsten der drei Dutzend Filme, bei denen sie mitwirkte, erinnert man sich – »Saboteure« von Hitchcock, vielleicht noch die Oscar-Nominierungen für »A Star Is Born« und »Smash-Up«, doch Otto Premingers »The Fan« wurde nie synchronisiert, »The Good Soup« mit Marilyn Monroe nie verwirklicht.

Als sie vom Tod des Präsidenten













Coolidge erfuhr: "Wie sie das wohl













feststellen konnten? Ich wusste gar













nicht, dass der je am Leben war."Die »New Yorker Geschichten« fallen genau dazwischen: Weniger die spitze Zunge als die gespitzten Ohren sind die Grundlage für einen akrobatischen Umgang mit Worten, Lichtjahre vor politically correct Selbstzensur. Solange Menschen mit gespaltenen Zungen sprechen, solange sich Menschen ihrer Verlogenheit so unbewusst sind wie ihrer Illusionen, bleiben »Arrangement in Schwarz und Weiß« und »Der Lebensstandard« relevant, »So kleide die Nackten« und »Eine starke Blondine« Meisterwerke. Was Parker schon 1927 in U-Haft beförderte, in der McCarthy-Ära auf die Schwarze Liste von Hollywood, ist der rote Faden ihrer Prosa: der Kampf gegen Ungerechtigkeit, zu ihrer Zeit vor allem Antisemitismus, offener wie verdeckter Rassismus, Egoismus, aber eben auch die Tücken der Moderne – freie Liebe und unfreie Lust, Kriege als Abart der Außenpolitik, Treue und Betrug (an Vaterland oder Freundschaft), Telefone, die nicht klingeln...

„Sie entzieht sich jeder Kategorisierung“, sagt Fritz Senn, 1985 Herausgeber des Readers, noch heute. „Weil auch die Kritiken und Essays immer noch so lesbar sind, gibt es die Überlegung, sie hierzulande noch zu veröffentlichen.“

Clare Boothe Luce (1932-34 Chefredakteurin bei Vanity Fair)













sagte einst zu Dorothy Parker: "Alter vor Schönheit", und hielt













ihr die Tür auf. Parker darauf: "Perlen vor Säuen."













Bei einer anderen Gelegenheit, als jemand erzählte, Luce sei













umgänglich mit Leuten, die ihr unterlegen sind, fragte Parker:













"Und wo findet sie die?"

 

 

Matthias Penzel, Journalist und Schriftsteller, 10 Jahre Chefredaktion von Musikzeitschriften in London, schreibt unter anderem für "Frankfurter Rundschau" und "Rolling Stone". Bücher: Die hochgelobte Jörg-Fauser-Biografie Rebell im Cola-Hinterland (mit Ambros Waibel), Edition Tiamat 2004, und der Roman Traumhaft, Schwartzkopff Buchwerke 2004nach oben

© FRIDA 2005

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