FRIDA 4
Frida kostet nichts,


















aber das ist nicht wahr ...
Mail an FRIDA

<<< Zurück zur neuesten Frida

 

Möchten Sie wissen, wann die nächste Frida erscheint? Frido apportiert mit Vorliebe den Newsletter.

Welten

 

Überlebenshilfe Glamour

 

1. Der eiserne Schleier

 

2. Interview Seyran Ates

 

Perle des Alltags: Umzug

 

Zeugungsangst

 

Herzen

 

Das Gerücht

 

Woran zerbrechen Frauenfreundschaften?

Brauchen Sie Familie?

 

Manager sucht Gattin

 

Liebesgeschichte

 

Körper

 

Geburts-Tag

 

String-Emil & Konsorten

 

Im Bett mit Bussi-Bär

 

Die “völlig neue Freiheit

 

Implanon

 

Nordic Walking

 

Künste

 

Die doppelte Alice

 

Portrait: Dorothy Parker

 

Lyrik: Komma

 

Story: Auf den Dächern

 

Interview: Ingrid Noll

 

Wirtschaften

Perle d. Alltags: Kopierer

 

Mann am Rockzipfel?

 

Marktmacht Frauen

Kunst, Leute zu verar...

 

 

Das letzte Rätsel

Intern

Presse + MEDIENPREIS

Impressum

Spenden

Leserbriefe

Frida kostet nichts, aber das ist nicht wahr

Die doppelte Alice
Bildbetrachtung von Silke-Andrea Schuemmer

Im traumähnlichen Gemälde “Freundinnen” von Hermann Albert findet die Autorin Spuren ihrer eigenen Pubertät

 

Hermann Albert: Freundinnen (1983). Tempera auf Leinwand, 189 x 214 cm. Raab Galerie, Berlin

 

Zwei nackte Mädchen in einem Zimmer. Das könnte eine typische Männerphantasie sein. Lesbische Duos sind Standard seit Filmen wie „Bilities“ oder „Emmanuelle“. Manche mögen so etwas: Kindliche Brüste wie aus Sandkuchenformen, knochige Hüften, verschämte Blicke, und dann ganz plötzlich routinierte Handgriffe, als wären die Protagonistinnen seit Jahren im horizontalen Gewerbe.

Aber hier ist es anders.

Die „Freundinnen“ haben zwar alles, was so eine Szene üblicherweise braucht: Junge Körper, ein phallusähnliches Accessoire, eine Umgebung, in der nichts vom Wesentlichen ablenkt. Und sogar die obligatorische Katze liegt dabei, die nicht nur wegen der Doppelbedeutung des Wortes „Muschi“ seit jeher in der Kunst zu finden ist, wenn es zur Sache geht. Ob bei chinesischen Kopfkissenbüchern, mit denen die höheren Töchter des Kaiserlichen Chinas aufgeklärt wurden oder in zeitgenössischen europäischen Werken: Das kleine, weiche, haarige Tier provoziert offenbar erotische Assoziationen.

Und trotzdem schwillt und regt sich bei mir nichts. Ich fühle eher Irritation statt Erregung. Aber wieso?

Zunächst einmal räkelt sich das Mädchen auf dem Bett nicht sehnsüchtig, sondern liegt da wie aufgebahrt oder als erwarte sie eine unangenehme Untersuchung. Ihr Oberkörper und vor allem ihr Kopf wird vom Paravant abgeschirmt. Diese Gesichtslosigkeit und ihre passive Körperhaltung machen sie zur Unperson, zur Sache, und Sachen kann man zwar benutzen, von sich aus erregen können sie aber nicht.

So geht es offenbar auch der „Freundin“. Der Kleiderbügel in ihrer Hand ähnelt in Krümmung und Platzierung einem erigierten Penis, aber ihr trauriger, müder Gesichtsausdruck macht nicht den Eindruck, als warte hier eine heiße Herrin der Lüste auf ihren Einsatz. Hilflosigkeit statt sexuelle Macht.

Ist das Gemälde des Berliner Realisten Hermann Albert (*1937) wirklich ein lesbisches Intermezzo zweier pubertierender Mädchen? Sieht man genau hin, erscheint mir das trotz des Bildtitels immer unwahrscheinlicher. Denn da ist keine Lust im Bild, nicht einmal eine verschämte, keine Spannung, keine Aggressivität, keine Neugier. Die eingefrorene, melancholische Szene hat mit kichernden Doktorspielen nichts zu tun.

Aber in der Kindheit bin ich vielleicht trotzdem gar nicht so verkehrt.

Könnte man dieses Bild zum Leben erwecken, in das Motelzimmer hineinsteigen und den Paravant wegrücken, ich könnte wetten, dass es ein und dasselbe Mädchen ist. Wie bei „Alice im Wunderland“, die durch den Spiegel gehen muss, um sich selbst kennen zu lernen, sehe ich in Alberts Gemälde eine erotische Fata Morgana. Und tatsächlich ähneln sich die Füße der beiden Alicen bis auf den kleinen Zeh und stehen sich wie bei einem Spiegelbild genau gegenüber.

Auch der Raum, der auf den ersten Blick aussieht wie ein abgedunkeltes Motelzimmer, entpuppt sich als irreal, denn über das Fenster oder die Nische im Hintergrund fällt ein Schatten, den es nicht geben kann. Dazu kommt das Blau als Farbe der Melancholie und des Traums, das das ganze Bild überschwemmt und einfriert. Dies alles deutet auf einen innerpsychischen Raum hin. In selbstreferentiellen Träumen kann ich alles und jedes sein. Und manchmal stehe ich mir dann selbst gegenüber und bin mir so fremd, wie ich es mir im Wachen nie eingestehen würde. Das Erkennen der eigenen Fremdheit macht Angst und verunsichert. Genauso sind für mich hier in diesem Bild nicht zwei „Freundinnen“ bei schwülen Schulmädchen-Orgien zu sehen, sondern eine einsame Alice, die gerade dabei ist, durch einen sehr beunruhigenden Spiegel zu gehen: Frühlings Erwachen mit Bodenfrost.

In dieser neuen Welt probiert sie wie ein gedankliches Rollenspiel die beiden extremsten Positionen, die es nur geben kann: die passive, auf ihr Geschlecht reduzierte Empfängerin, und die aggressive, handelnde männliche. Dazwischen ist nichts. Und ich erinnere mich: Genauso war das – damals. Nicht Fisch und nicht Fleisch, das große Elend der Pubertät. Und plötzlich wird mir die Melancholie in diesem Bild ganz vertraut.

 

 

Silke Andrea Schuemmer: Schriftstellerin und Kunsthistorikerin. Aktueller Roman: Remas Haus, Berlin: Kookbooks 2004nach oben

© FRIDA 2005

<<< zurück zur neuesten FRIDA