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Zwei Singles planen per E-Mail ein Essen

Von Gabriele Bärtels + Theodor Bremer


 

Mittwoch 19:17 Uhr

Aufgekocht


Der Mann an sich, ein Heldenbild,
furchtlos, stark, ein bisschen wild,
wird auch mal schwach, Gott sei's geklagt,
wenn er die Frau ne Frage fragt.

Zum Beispiel diese, kurz und bündig,
denn emanzipiert und durchaus mündig,
fragt er an nach ihr'm Begehren:
Was magst denn allerliebst verzehren?

Ne Hax'n, knusprig braun und rund,
oder ist die ungesund?
Ein sattes Steak, ganz dünn gebraten,
ist auch davon abzuraten?
Vielleicht gar Schwäbisch, eben Spätzle,
oder schmeckt das nicht dem Schätzle?

Dann eben Grünzeug, ohne Sose,
und keinesfalls so runde Klose,
statt Champagner grünen Tee,
tut auch das dem Gaumen weh?

Der Mann an sich, sofern am Herd,
wird heutzutage oft begehrt,
doch nun hat er die Last der Bürde,
vor lauter möchte, könnte, würde.

Die Frau an sich hat's jetzt viel schöner,
sie sucht sich einen Koch-Verwöhner.
und darf in seinen Wunden rühren:
"Na ja, der gute Wille war zu spüren."

Gruß zum Abend, Theodor

 

Mittwoch 19:49 Uhr

Sehr geehrter Herr Bremer,

Frau Bärtels Sekretärin lässt Ihnen ausrichten, dass Frau Bärtels ein Allesesser ist, sofern kein Milchreis auf den Tisch kommt oder Vogelköpfe, an denen noch der Schnabel klebt. Gemüse lieber als Salat, dafür in rauen Mengen, Fleisch gern, schwere Sachen eher nicht, Champagner könnte Verschwendung sein, denn Frau Bärtels trinkt eher maßvoll, und hat am folgenden Tag einen komplizierten Schokoladenkuchen zu backen. (Fisch, wenn ich mir diese private Bemerkung erlauben darf, habe ich sie mehrfach mit Genuss essen sehen.)

Des Weiteren können wir Sie beruhigen. Frau Bärtels hält kochende Männer grundsätzlich für Helden und würde selbst dann noch wie ein gespickter Rehrücken lächeln, wenn ihr die angebrannten Gräten quer im Hals liegen.
Wir hoffen, Ihnen mit dieser Auskunft gedient zu haben und wünschen Ihnen einen schönen Abend.

Mit freundlichen Grüßen

I.A. Assistentin der Sekretärin

 

 

Donnerstag 10:07 Uhr

Verehrte Kollegin Assistentin,

Ihr Anschreiben bezüglich des Abendessen in unseren Räumen ist an unsere Protokollabteilung weitergeleitet worden und wird zur Zeit dem Anlass entsprechend bearbeitet. Das Department Food and Beverage ist bereits im Besitz einer Kopie Ihrer Nachricht. Auch das Event Management ist informiert.
Wir werden heute auf unserem Deputy Meeting die Angelegenheit besprechen, um die erforderlichen Massnahmen einzuleiten. Dabei wird auch zu diskutieren sein, wie unser Emergency Room zu besetzen ist, falls vor, während oder nach dem Dinner akute Magen- und Darmprobleme bei den handelnden Personen auftreten und haben deshalb die Intensivstation der Charité vorsorglich um ein stand by - team gebeten.
Was die Speisenfolge betrifft, so arbeitet seit 24 Stunden unser Expertenteam mit den Herren Witzigmann, Schubeck und Enten-Spezialist Hans-Peter Wodarz unter Berücksichtigung aller bundesamtlichen Richtlinien von Frau Ministerin Künast an einer Speisefolge, die unserem Freitagabend Gast munden soll.
Unser Problem - und ich vermute, es ist auch Ihres - ist unser Chef. Er ist weitgehend beratungsresistent und wir machen uns schon seit geraumen Zeit Sorgen um ihn, weil er seine Kochkünste weit überschätzt, was bis hin zur Klage wegen Körperverletzung führte. Vorsorglich haben wir deshalb Michael Friedmann um ein Rechtsgutachten gebeten, um präventiv vorgehen zu können. Ein entsprechendes Schriftstück wird dem Gast beim Betreten des Speisezimmers zur Unterschrift vorgelegt, um etwaige Rechtsansprüche Ihrerseits zu verhindern.

Sollten Sie hierzu irgendwelche Anmerkungen haben, dann scheuen Sie sich nicht, uns zu kontaktieren.

Wir hoffen, dass das Date am Freitag ein voller Erfolg wird. Wenn das wider Erwarten nicht der Fall sein sollte, dann würden wir die Bitte äußern, dass Sie uns (under cover natürlich) das Schokoladenkuchen-Rezept zuspielen und sind zu hierfür notwendigen konspirativen Treffen allzeit bereit.

Mit freundlichen Grüßen verbleibt,
Rürupp (Leiter der Bärtels Kommission)

 

 

Donnerstag 14:39 Uhr

Allerwertester Herr Magister Rürupp,


mit Anzeichen der Empörung möchte ich Ihre Zudringlichkeit zurückweisen, die mir meine Assistentin eben vorgelegt hat. Konspirative Treffen zum Zwecke der Übergabe komplizierter Schokoladenkuchen-Rezepte oder Übermittlung anderer Interna des Hauses Bärtels sind vollkommen ausgeschlossen. Ich erwäge zur Zeit, Mitteilung nach oben zu machen. Es könnte sein, dass daraufhin das Gipfeltreffen wegen atmosphärischer Verunreinigungen abgesagt wird, den Schaden hat dann Ihre Seite. Man kann nur hoffen, dass Sie das beruflich überleben, denn einen zweiten Termin könnte ich Ihnen vor Anfang nächsten Jahres nicht freimachen.

Nun zu den Protokollfragen, die Sie leider nicht angesprochen haben. Frau Bärtels wünscht, schon im Erdgeschoss empfangen zu werden, und zwar nicht etwa von einem schwitzenden Herrn in Plastikschürze und Puschen. Dieser Herr, also Ihre Führungsebene, hat sich während der Dauer des Aufenthaltes von Frau Bärtels auf Armeslänge entfernt zu halten, wobei sein Blick stets geradeaus zu richten ist und niemals in andere Regionen auszuschweifen hat. Lediglich während der Begrüßung ist ein Nähertreten erlaubt, sogar geboten. Mehr als gespitzte Wangen möchte Frau Bärtels auf ihrer (linken) Wange, die Sie Ihnen hinhalten wird, nicht spüren. Die Geste sollte binnen einer Sekunde ausgeführt sein.

Weitere Punkte:

- Rotes und schummriges Licht wird nicht geduldet, mindestens zwei Sechzig-Watt-Lampen pro Zimmer sind angebracht.

 - Nach dem Kaffee ist ein Wechsel vom Esstisch zum Sofa nicht vorgesehen.

- Das Eventmanagement hatten Sie schon angesprochen. Frau Bärtels wird nichts dagegen haben, wenn im Hintergrund eine argentinische Tango-Band spielt, was Ihren Chef aber nicht zu irgendwelchen irrigen, leidenschaftlichen Annahmen verleiten sollte. Wie Ihnen sicher klar ist, ist der Anlass der Besprechung heikel genug.

- Um den Abwasch hat sich unsere Seite nicht zu kümmern. Tatsächlich möchten wir nicht, dass dies überhaupt noch einmal zur Sprache kommt.

- Sie werden bestimmt auch daran gedacht haben, wie Frau Bärtels wieder nach Hause kommt. Eine U-Bahnfahrt zu später Stunde ist ihr in ihrem Aufzug und mit vollem Magen nicht zuzumuten, dazu kommt noch ihr überaus empfindsames Gemüt, das man nicht mit den Nachtgestalten der Berliner Unterwelt konfrontieren kann. Uns wäre es lieb, wenn Ihre Fahrbereitschaft zur Verfügung stünde. Selbstverständlich hält sich Ihr Chef aufrecht und ohne zu schwanken am Rand des roten Teppich, um Frau Bärtels zu verabschieden. Er tut dies ohne Fahne.

Die Beratungsresistenz Ihres Chefs hatten Sie bereits erwähnt. Wir machen darauf aufmerksam, dass Frau Bärtels bei Verstößen gegen das Protokoll mit Fluchtartigkeit reagieren wird, notfalls durchs Fenster.

Da wir Zugang zu allerhöchsten Stellen haben, wäre Ihre Seite am folgenden Tag gesellschaftlich tot und erledigt. (Das gleiche gilt auch, wenn bei Frau Bärtels am Morgen danach kein Blumenstrauß eingeht (Regenschirmgröße und keinesfalls aus roten Rosen). Dabei liegt eine handgeschriebene (Tinte, schwarz) Dankeskarte. Wir trauen Ihrem Chef zu, dass er sich die richtigen Worte allein einfallen lässt.

Sonst noch was?

Mit zuckersüßen Grüßen, Margaret Thatcher

(PS: Mit dem Herrn Friedman möchte Frau Bärtels nicht einmal indirekt in Verbindung gebracht werden. Sollten Sie auf den erwähnten Vertrag bestehen, könnte noch alles scheitern.)

 

 

Donnerstag 15.23 Uhr

Special Agent Rürupp an die Vasallen von Frau Bärtels

Verehrteste Bedauernswerte,
was Sie von von Ihrer Brötchengeberin an Anmerkungen aufgetragen bekamen, kann nicht unbeantwortet bleiben. Also zur Sache Schätzchen:

1. Werksspionage gehört zu unserem täglichen Brot. Mehr kann ich aus Geheimhaltungsgründen und aus Loyalität nicht preisgeben.

2. Sollten Sie eine Absage in Betracht ziehen, so weisse ich darauf hin, dass wir vorzügliche Kontakte zur russischen Unterwelt haben. Widerspenstigkeit wird nach alter KGB-Manier mit unseren Mitteln gebrochen. Drohungen empfinden meine Freunde als Provokatije.

3. Sie klingen bitte bei Bremer. Daraufhin wird Ihnen aufgetan. Der Gang zum Aufzug, das Drücken auf den Knopf 6 wird als erster Test selbständigen Handels Ihrer Person gewertet. Das Komitee wird Sie dann am Aufzug empfangen und in die Gemächer geleiten.

4. Das Begrüßungs-Zeremoniell geschieht nach Art des Hauses, das auf eine jahrzehntealte Tradition zurückblickt. Dem Chef ist die linke (Herzseite) und danach die rechte (Verstandeszentrum) Wange darzubieten. Dies gilt als weiterer Test, ja nach dem welche Seite unser Boss als beeindruckender empfindet.

5. Ihre Musikwünsche haben wir registriert. Die Tango-Band ist gewohnt, bei Treffen dieser Art mit schwarzen Augenbinden zu spielen. Irgendwelche allzu persönlichen, gar erotischen oder human basic - actions behält sich unser Chef stets vor, berücksichtigt aber dabei durchaus die Interessenslage seiner Gäste und legt Wert darauf zu betonen, dass er in solider christlicher Grundhaltung wohl erzogen worden ist.

6. Die vorgesehenen Beleuchtungseffekte werden ebenfalls nach Stil des Hauses arrangiert. Ich kann Ihnen aber unverbindlich zusichern, dass während des Dinners insgesamt vier Lampen für die entsprechende Illumination sorgen. Kerzenlicht ist lediglich zum Temperieren des Raumes vorgesehen.

7. Der Abwasch wird bei uns maschinell erledigt.

8. Der Wechsel vom Tisch zum Sofa ist nicht beabsichtigt. Für den Fall, dass dies angebracht erscheint, stehen zwei sich gegenüberstehende Sitzflächen sowie ein Sessel zur Verfügung.

9. Ob Sie hochstpersönlich an die Wagentür begleitet oder auf andere Weise entsorgt werden, hängt nicht zuletzt von Ihrem Urteil über die Qualität des Dinner ab. Sie haben also die Wahl.

10. Sollte Ihre Frau Chefin spontan andere als die dafür vorgesehen Ausgänge bevorzugen, so sind wir beim Abseilen auf der Rückseite des Gebäudes gerne behilflich. Hierfür werden in Vorbereitung des Abends entsprechende Leintücher geknüpft, die aber wieder zurückerstattet werden müssen falls es der Dame gelingt, je wieder festen Boden unter die - zugegeben attraktiven - Beine zu bekommen.

Wir sind nun überzeugt, dass hiermit nun alle Klarheiten ausgeräumt sind und erwarten den geschätzten Besuch zur vereinbarten Zeit.

In allerhöchstem Auftrag, Knecht Rürupp

 

 

Freitag 11:14 Uhr

Lieber Theodor,

meine Sekretärin hat mich darüber informiert, dass auf Arbeitsebene alles reibungslos gelaufen ist. Gestern Abend gab es wohl noch eine hastig zusammengerufene Telefonkonferenz mit meinen Beratern (Zeus, G tt, Adorno), aber sie hat nichts Neues gebracht.

Also freue ich mich vollkommen unbeschwert auf unser Essen und werde Deine Kochkünste garantiert in den Himmel loben, weil ich in jedem Fall noch viel schlechter kochen kann.

Liebe Grüße, Gabriele

 

 

Samstag, 03:21 Uhr

An den Nacht-Butler:

Bitte nehmen Sie beigefügten virtuellen Rosenstrauß für Frau Bärtels entgegen und tragen Sie Sorge, dass derselbige umgehend ins Schlafgemach an prominenter Stelle und unübersehbar seinen angemessenen Platz findet.

Richten Sie Ihrer gnädigen Frau meine herzlichsten Grüße aus - verbunden mit einem aufrichtigen Dank für ihren Besuch, ihren Appetit und ihre generöse Geduld bezüglich meiner bescheidenen Kochkünste. Ihre Anwesenheit aber war mir Lohn genug.

Allerherzlichste Gutenachtgrüße von Haus zu Haus,

Theodor

 

Graffiti am Hamburger Rathausmarkt

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