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Das Single

von Gabriele Bärtels

Wenn das Single morgens seine Behausung verlässt, duftet es wie ein Blumengarten, lächelt wie ein Preisträger und spricht in ganzen Absätzen.

Folgen wir aber einem Single in sein Heim. Schon im Flur lässt es Haltung, Gesichtsausdruck und Hose fallen, stolpert ins Bad und streift sich den fleckigen Jogginganzug über, den es schon seit drei Wochen trägt. Dann geht es Gewohnheiten nach, deren Vorkommen man im Mittleren Europa für ausgestorben hielt: Es stellt sich vor den Spiegel und lobt sich lauthals ohne Grund. Es rülpst, schnauft und bohrt in der Nase. Kaltes Licht fällt auf sein Gesicht, wenn es vor dem offenen Kühlschrank kauert und mit bloßen Händen Joghurt, Salamischeiben und ein trockenes Brötchen in sich hineinstopft.

Der Herd dient als Abstellfläche für Trockenfutter. Für warme Mahlzeiten braucht das Tier nur einen Wasserkocher. In fünf Minuten sind Nudelterrinen aller Art zubereitet, auf ihrer Verpackung prangen appetitliche Namen: Napoli, Asia, Hühnerhof. Geschirr gibt es nicht abzuwaschen - die fertige Mahlzeit wird gleich aus der Verpackung gelöffelt und weil das Single immer das gleiche isst, lässt sie sich wunderbar stapeln.

Nachts schläft das Single mit einem Teddybären im Arm oder wickelt die Decke zu einer Rolle und schlingt die Beine darum. Es liegt entweder quer über dem breiten Bett oder in eine Ecke gedrückt. Dort hat sich die Matratze zu einer Kuhle vertieft.

Die Hauptbeschäftigung des Singles ist die Partnersuche. Mann sollte meinen, dass ihm das angesichts der Vielzahl der auftretenden Exemplare leicht glücken müsste. Aber das Finden ist in ihm nicht angelegt, sondern das Suchen. Weil das Single keines sein will, ist es sich über diese wichtigste Wesensart nicht klar. Es schwört auf die große Liebe und ihm fällt nie auf, dass es sie entweder schon hinter sich hat oder noch auf sie hofft.

Das Tier schürt seine Hoffnung mit Hilfe von Flirtshows oder Liebesfilmen. Selbst wenn sie melodramatisch enden, beweisen sie dem Single nur, dass das große Ziel verfehlt ist, nicht aber, dass es nicht existiert.

Zum Fernsehen setzt das Single eine Brille auf, denn es hat sich beim Kontaktanzeigenlesen die Augen verdorben. Es hat auch selbst schon welche aufgegeben und sich dabei in der Selbstbeschreibung so verfeinert, dass es mühelos in der Lage ist, sein Sein in zwei einspaltige Zeilen unterzubringen und sein Suchen auch. Inzwischen ist das Bild, das es von sich und seinem potentiellen Partner hat, so oft beschrieben, dass es ganz deutlich hervorgetreten ist, und das Single davon nicht mehr abrückt. So bricht es viele Begegnungen schon kurz nach dem Austauschen der Begrüßungsformel ab.

Das Single hat so viele Kriege mit sich selbst auszufechten, dass es keine Zeit hat, die Nachrichten zu sehen. Es liest bloß die Überschriften in der Zeitung, um einigermaßen in Zeit und Ort orientiert zu sein. Es kennt nur zwei Jahreszeiten: Verliebt und Nichtverliebt.

In der zweiten Jahreszeit gibt sich das Single alle Mühe, so zu tun, als wäre es in der ersten. Steht es in der Theaterkasse allein in einer Schlange, bestellt es laut zwei Karten. Später zerknüllt es die zweite und wirft sie weg. Im Supermarkt legt es seinen Mantel schützend über das halbe Brot und die Ein-Teller-Mahlzeit. Ein besonders einfallsreiches Exemplar ist neulich Arm in Arm mit einer Schaufensterpuppe auf den Wochenmarkt gesehen worden. Seinem zufriedenen Gesichtsausdruck konnte man entnehmen, dass es sich gut getarnt fühlte.

In der ersten Jahreszeit verliebt sich das Single meistens auf den ersten Blick. Einen zweiten hat es nicht übrig, denn schon verdrehen sich die Augen. Es öffnet die Fenster seiner Höhle, wechselt die Bettwäsche, entfernt die Spinnweben zwischen den Beinen, schafft sich einen frischen Vorrat Kondome an, die es in einem kleinen Döschen neben dem Bett platziert, schiebt die Comichefte in eine Schublade und legt Spiegel und Zeit auf dem Wohnzimmertisch.

Es klingelt. Das Single hat eine JazzCD eingeschoben, die es seit Jahren nicht gehört hat. Jetzt drückt es auf die PlayTaste und eilt zur Tür.

Ein fremdes Single betritt die Wohnung und schaut sich neugierig um. Das Single hat gekocht, „selbstverständlich“, sagt es mit dem Kochlöffel in der Hand, „ich koche jeden Tag für mich.“ Die saubere Schürze und das Fehlen sämtlicher Gewürze außer Salz, Pfeffer und Basilikum straft das Single Lügen, aber das GastSingle ist so verschossen, dass es solche Schlüsse nicht ziehen kann. Es dauert nicht lange, da sinken sich beide ekstatisch in die Arme und schwören ewige Liebe und Lust. Bevor sie einander die ganze Nacht gut verhütet begatten, putzen sie sich die Zähne so gründlich, wie sie es lange nicht mehr getan haben.

Nach vielen Jahren der Partnersuche ist das Single geübt darin, in kürzester Zeit jede Distanz zu überwinden. Die beiden Singles telefonieren nun täglich zweimal und treffen sich jeden Abend. Sie halten sich so innig bei den Händen, dass davon keine mehr frei bleibt und schauen dem anderen so tief in die Augen, bis sie die Umrisse des Magens entdecken. Nicht lange, und sie stellen keine Fragen mehr. Beide vergessen das Zähneputzen am Abend, ziehen ihre ungewaschenen Jogginganzüge aus dem Wäschekorb, rülpsen im Duett.

Nach ein paar Wochen kann das Single nicht länger mit ansehen, wie das Geliebte sich gehen lässt und trennt sich auf kürzestem Wege. Am nächsten Tag hat es schon vergessen, mit wem es da gegründelt hat. Der Katzenjammer hält sich in Grenzen. Das Single hat Routine.

Es hockt sich wieder allein auf das Sofa, schneidet sich die Fußnägel am Küchentisch, schmiert Butter mit dem Zeigefinger auf ein abgerissenes Stück Brot und schiebt sich den Klumpen im ganzen in den Mund. Während die Krümel zu den Mundwinkeln herausquellen, kaut es schnaufend.

Als das Telefon klingelt, wischt es sich die Hände am Teppich ab. Zum Hörer greift es erst, nachdem der Anrufbeantworter angesprungen ist und die Stimme seines Busenfreundes ertönt. Das Single gibt sich redlich Mühe, ihm genau zu beschreiben, was das Liebesverhältnis in ihm ausgelöst hat. Es schreckt auch vor Ehrlichkeiten nicht zurück. Das muss sich doch wegtherapieren lassen, sagt es verzweifelt.

Dann träumt das Single bis in die tiefe Nacht von einer großen Wohngemeinschaft, am besten ein Haus. Jeder hätte seinen abgetrennten Wohnbereich, eine Datscha auf dem Land dazu, das ließe sich aushalten bis ins hohe Alter.

Je öfter das Single einen Fehlschlag erleidet, desto wilder beschließt es sich, seinem Zustand ein Ende zu machen. Es geht so weit, sich ein Schild mit Telefonnummer um den Hals hängt und sich auf eine Singleparty zu begeben, der Ähnlichkeit mit einem Sklavenmarkt hätte, wenn sich Käufer und Verkäufer nicht in der gleichen Notlage befänden. Nachdem es das Überangebot bis in den frühen Morgen geprüft hat und sich nicht entscheiden konnte, ein anderes Single anzusprechen, klagt es vor sich hin: „Keiner liebt mich.“ Die Frage: Wen liebst Du denn? stellt es sich nicht.

Eines Tages wird jedes Single mit jedem ein Date gehabt haben. Da es sich aber an Einzelheiten nicht erinnern kann, wird es niemanden wiedererkennen und wieder von vorn beginnen. Zur Fortpflanzung kommt es nicht.

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