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Die Haltung einer Dame
Wir versprachen, uns zum Kaffee zu treffen, wenn auch sie entlassen war. Geschichte einer Verleugnung.
von Eva-Maria Kuhnert
Mein unsicheres Freiberufler-Dasein zwingt mich manchmal dazu, ungeliebte Jobs anzunehmen. So arbeite ich seit zwei Wochen nachmittags und zähneknirschend in einem Büro für Stadtrundfahrten als Aushilfe, um wenigstens die Deckung meiner festen Kosten zu sichern.
Das Büro führt eine umfangreiche Kartei mit Reiseleitern, die in allen Sprachen die Stadt erklären. Wenn einer seinen Auftrag erledigt hat, kommt er ins Büro und lässt sich sein Honorar von der Sekretärin in bar auszahlen.
Als es klingelte, sagte die Sekretärin zu mir: „Jetzt lernen Sie mal unsere Dame kennen. Sie deckt alle romanischen Sprachen ab.“ Sie drückte auf den Türöffner und eine Frau trat ein, ihr Gesicht hatte die Form eines Herzens. Ich erkannte sie sofort.
Sie betrachtete mich nur flüchtig und reichte der Sekretärin ihre Rechnung. Die sagte: „Darf ich Ihnen unsere neue Aushilfe vorstellen? Sie ist ab jetzt immer nachmittags hier.“
Da drehte sich Doris nach mir um, ihr Gesicht war auf ein höfliches Lächeln vorbereitet. Ich sah ihr gerade in die Augen und begrüßte sie freundlich, aber scheinbar interesselos, senkte den Kopf sofort wieder über meine Schreibarbeit, aber ihren aufgeschreckten Blick bemerkte ich noch. Sie sprach mit hoher Stimme: „Ich freue mich, Sie kennenzulernen“, und auch daran erinnerte ich mich: Die letzten Worte ihrer Sätze flatterten damals schon.
Sie ließ sich von der Sekretärin ihr Geld auszahlen und setzte sich dabei nicht auf den angebotenen Stuhl. Ich hatte mich von ihr abgewandt, aber im Augenwinkel betrachtete ich sie, ihren schlichten, hoch geschlossenen Mantel, das modisch zurechtgemachte Haar, ihre schmalen, weißen Hände, ihr stetes, inneres, feines Vibrieren - die Unruhe einer Uhr, die beigefarbene Handtasche. Sie steckte hektisch die Scheine hinein und huschte aus dem Büro.
Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, sagte die Sekretärin: „Wir müssen ihr ein paar Führungen zuschanzen, es geht ihr wohl finanziell nicht gut. Das Geld, das sie sich abgeholt hat, ist schon für einen Auftrag in der nächsten Woche.“
Ich machte ein bedauerliches Gesicht, vertiefte mich in meine Listen und versuchte zu begreifen, dass ein Stück meiner Geschichte aus dem Großstadtmeer aufgetaucht war. Hatte Doris mich erkannt? Meine Haare waren nicht mehr lang und nicht mehr blond. Ich wollte es nicht wissen. Denn der Ort, an dem wir uns eine Nacht lang ein Zimmer teilten, ist keiner, von dem man gerne spricht.
Zu jener Zeit ging es mir sehr schlecht, ich wusste weder privat noch beruflich weiter, saß mit schweren Gliedern zu Hause und war fest davon überzeugt, ein Rohrkrepierer zu sein und zu bleiben. Ich sehnte mich nach einem Gespräch, aber mir fiel kein Mensch ein, mit dem ich es führen wollte.
Mein zerquälter Kopf erinnerte sich, dass das Krankenhaus in meiner Nähe ein Kriseninterventionszentrum unterhielt. Auf dieser Station können Menschen am Tiefpunkt ihre Masken fallen lassen, Menschen, die eine Trennung nicht überwinden können, einen Angstanfall haben, einem Selbstmord ausweichen wollen. Man muss nicht für ein warmes Essen sorgen, alle Wände der Gänge und Zimmer der Station stützen den Zusammengebrochenen, und sie stützten auch mich. Ich wollte nur ein Gespräch mit einem Psychologen, aber man überredete mich, über Nacht zu bleiben.
Ich starrte auf das zweite leere Bett in meinem Zimmer und erinnerte mich daran, dass ich zum Rauchen in den Aufenthaltsraum gehen musste, in dem die anderen vier Patienten um den runden Tisch saßen, genauso sprachlos und ratlos wie ich, mit heruntergerutschten Gesichtszügen und in dunklen, bequemen Klamotten.
Kurz bevor ich schlafen gehen wollte, kam die Fünfte an, Doris. Man wies ihr das leere Bett in meinem Zimmer zu. Als sie eintrat, fiel mir sofort auf, dass sie keinen Raum einnahm. Sie reichte mir eine schwache Hand und stellte sich vor. Sie packte ihre teure Tasche aus, und ich sagte: „Ich habe nicht einmal eine Zahnbürste mitgebracht.“
Sie trat an den Spiegel und puderte sich trotz der späten Stunde das Gesicht. Mit präzisen Bewegungen zog sie den schmalen Gürtel über ihrer faltenlosen Bluse zurecht und tupfte sich einen Tropfen Parfum hinter die Ohrläppchen. Ich hätte sie gern gefragt, warum sie sich hatte einweisen lassen, denn sie wirkte nicht zusammengebrochen und auch nicht verzweifelt.
Sie war Dolmetscherin, sagte sie, immerhin so erfolgreich, dass sie ihre Übersetzungen ausländischen Ministerpräsidenten ins Ohr flüsterte. Ich erzählte ihr, was ich beruflich machte. Ihr Handy klingelte, und sie sah mich entschuldigend an: „Ich weiß, wir dürfen hier keins haben.“ Darauf nahm sie den Anruf entgegen, und ich dachte beschämt: Die ist bestimmt nicht so einsam wie ich. Dann gingen wir noch einmal zusammen in den Aufenthaltsraum und schwiegen mit den Mitpatienten, nur dass Doris aufrecht da saß, während alle anderen sich von ihren Stühlen halten ließen. Sie sah sie so höflich an, als warte sie mit ihnen an einer Bushaltestelle.
Später kauerten wir auf unseren Betten, und sie begann zu reden. Sie sprach überdeutlich, zierlich, ohne Luft. Seit zwanzig Jahren war sie in einen verheirateten Mann verliebt, sehr viel älter als sie, ohne je ein Verhältnis mit ihm gehabt zu haben. Sie telefonierten nur oft miteinander. Aber der war nicht ihr Problem, meinte sie.
Sie zog ein Nachthemd aus der Tasche, es war gebügelt. Sie fragte mich höflich, ob ich zuerst ans Waschbecken wollte und legte sorgfältig ihre Hose über einen Stuhl. Ich betrachtete ihre schmale, weiße Gestalt. Sie stand nicht ganz aufrecht, zog das Becken zurück, die Brüste, hob die Arme kraftlos über den Kopf, als sie sich die Bluse auszog, und sie auf einen Bügel hängte. Von dort verströmte sie ihr Parfum. Doris kroch ins Bett zurück, ein schmales Mädchen mit einem schmalen Kinn. Sie war Ende dreißig.
Sie erzählte mir von einer Affäre und von Abtreibung. Sie musste alles allein durchmachen, der Mann hatte sich einfach nicht mehr gemeldet, nachdem sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie schwanger war. Erst drei Monate später war er wieder aufgetaucht und wollte das Verhältnis fortsetzen. Sie hatte ihn nicht hereingelassen, hatte weitergearbeitet und weiter, um die quälenden Gefühle zu betäuben, die sie nicht los wurde, obwohl sie sich zusammenriss. Aber seit ein paar Tagen konnte sie kein Messer mehr anfassen, ohne dass sie von dem kaum beherrschbaren Impuls überfallen wurde, sich in den Arm zu schneiden. Deswegen war sie hier.
„Meinst Du, ich tue mir was an,“ fragte sie mich mit aufgerissenen Augen und bebenden Lippen. Ihre blasse Haut schien bis auf die Knochen durch. Sie steckte die Hände unter die Decke, „meinst Du, ich tue mir was?“ Sie sah mich an, als wäre ich ein Haken, an den sie ihr flüchtiges Leben hängen konnte, und ich erkannte die vibrierende Schwingung unter ihren feinen Manieren.
„Bestimmt nicht“, versicherte ich ihr, obwohl ich es nicht wusste. Sie sollte treten, beißen, spucken, heulen, kratzen, dachte ich, die Haltung verlieren, diese bewundernswerte, damenhafte Haltung, aber ich sagte nur: „Hier geschieht Dir nichts.“
Sie wirkte nicht, als ob sie mir das glauben würde, aber sie nickte. Nur eine Nachttischlampe brannte. Ihr Haar saß noch immer perfekt. Wir zogen die Decken über unsere Körper, und ich dachte für einen Moment, ich wäre ein Kind und dies ein Ausflug ins Schullandheim. Ich horchte auf Doris Atemzüge, aber ich hörte sie nicht.
In der Frühe brauchte sie eine halbe Stunde, bis sie gefönt und angezogen war. Sie trug eine frische Bluse. „Gewöhnlich behalte ich das für mich“, sagte sie zu den beiden Psychologen in der morgendlichen Gruppensitzung, als man sie fragte, wie es ihr heute ginge, und hielt ihre Ellenbogen genau parallel zum Körper. Das Ringen, Stottern und Weinen der anderen verfolgte sie mit einem Ausdruck des Bedauerns. Sie saß weit weg vom Tisch.
Nach einem darauf folgenden Einzelgespräch beschloss ich, nach Hause zu gehen und meine Misere anzupacken. Doris begleitete mich zur Stationstür. Wir tauschten unsere Visitenkarten aus und versprachen, uns so bald wie möglich zum Kaffee zu treffen, wenn sie auch entlassen war. Wir umarmten uns, aber dann trat sie gleich einen Schritt zurück.
Obwohl ich ein schlechtes Gewissen hatte, rief ich sie nicht an. Ich wollte nicht an meine Krise erinnert werden, und alles, was damit zusammenhing, zurücklassen. Als ich ein Jahr später zufällig ihre Visitenkarte in die Hand nahm, warf ich sie weg und vergaß Doris vollkommen.
In ein paar Tagen wird sie wieder im Büro vorbeikommen, um sich ihr Honorar abzuholen und neue Aufträge abzusprechen. Sie wird lächeln, auch wenn ihr nicht danach zumute ist, und wir werde uns siezen, als hätten wir uns nie zuvor gesehen.
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