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Der lange Schatten. Spazierengehen in Bukarest
Die Schriftstellerin Tanja Dückers reiste durch viele osteuropäische Städte. Hier sind ihre Eindrücke aus Bukarest.
Auf der Calea Victoriei drehen und wenden wir uns, um die „Prachtstraße Bukarests“ zu entdecken, bis wir begreifen, dass wir uns schon längst auf ihr befinden. Auf dem zerlöcherten Asphalt brechen wir uns fast die Füße, die Boutiquen verstecken sich in rußgeschwärzten Neubauten, ungefilterte Abgase wehen uns an. Bukarest ist eine wilde, schmutzige, faszinierende und chaotische Stadt, in der man von EU-Normen noch nicht viel gehört hat.
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Möchten Sie life zusehen, wie in Bukarest der moderne Verkehr an alten Triumphbögen vorbeizieht? Die Webcam mit Panoramablick über den Platz der Freien Presse (Piata Presei Libere) zeigt einen schönen Kreisverkehr. |
Auch Gentrifizierung (Sozialer Umbau, Veredelung eines Stadtteils) ist hier ein absolutes Fremdwort. Die Fassaden der Häuser sehen aus wie die des Prenzlauer Bergs vor 1990, die Getränkekarten sind caffè-latte-frei, und die Frauen tragen noch blondierte Dauerwellen und Miniröckchen, dass Eva Herman ihre wahre Freude an ihnen hätte. Überall diese kleinen Lebensmittelläden, in denen die ondulierten Verkäuferinnen kaum von den feilgebotenen Gebäckformationen zu unterscheiden sind. In der alten „Schmuckpassage“, einer länglichen Glashalle, kann man alles außer Schmuck kaufen und dazu sehr günstig Kaffee trinken. Hin und wieder stößt man auf wohnzimmerhaft-düstere rumänisch-orthodoxe Kirchen, in denen alte Frauen in Blümchenkleidern und stoppelbärtige Männer in zerschlissenen Dreiteilern inbrünstig beten.
Für die Wildwuchsstadt Bukarest gibt es keinen verlässlichen Reiseführer, man muss selber die Augen offenhalten: Hinter verfallene Gründerzeit-Fassaden mit lädierten Steinfiguren über den Portalen verstecken sich traumhaft schöne Hinterhofcafés, bunte Märkte führen vor Augen, was für ein südliches Land Rumänien doch ist. Die Armseligkeit der Roma-Häuschen mitten in der Altstadt kontrastiert mit klotzigen Regierungsgebäuden, an denen Fans vom Palast der Republik sich nicht satt sehen können würden. Eine Mischung aus Warschau und Istanbul, war mein erster Gedanke.
Was megalomane (größenwahnsinnig) Architektur betrifft, stellt der Casa Poporului, Ceausescus „Haus des Volkes“, die Karl-Marx-Allee in Berlin oder den Kulturpalast in Warschau bei weitem in den Schatten. Er ist – nach dem Pentagon – das zweitgrößte Gebäude der Welt. In seinem Größenwahn hat Ceaușescu ein Fünftel der Altstadt abreißen lassen und – über einen Zeitraum von knapp zwölf Jahren – 17 % des Staatshaushalts für den Bau ausgegeben. Die gigantische Haupttreppe mußte dreimal neu konstruiert werden, denn die hohen Stufen waren für den Zwerg Ceaușescu nicht zu erklimmen. Ironie des Schicksals: Das Gebäude, für das man das Volk so sehr zum Aderlaß gebeten hat, wurde erst 1989 fertiggestellt. Nur ein einziges Mal hat Ceaușescu dort vom Balkon gewunken – und da schlug ihm schon Haß entgegen. Als wir uns auf der „Straße der Einheit“, einem von nordkoreanischer Bauweise inspirierten Boulevard, auf den „Volkspalast“ zu bewegen, kreist ein riesiger Schwarm Krähen unentwegt um das monströse Gebäude, als würden wir uns in einem Gruselfilm befinden. Und doch „ziert“ der Palast inzwischen Rumänien-Reiseführer und Broschüren. Wenn man es schon nicht abreißen kann, dann will man wenigstens stolz sein, auf das zweitgrößte Gebäude der Welt, versuchen uns Bekannte diese kollektive Trotzhaltung zu erklären.
Bukarest ist eine Stadt voller traurigschöner, widersprüchlicher und absurder Geschichten. In den Villenvierteln um den Herăstrău-Park leben mehr oder weniger die gleichen – wohlhabenden - Leute wie vor 1989. Früher Securitatemitarbeiter, jetzt om de afaceri (Geschäftsmann). In kaum einem anderen Ostblockland haben sich so viele Karrieren derart nahtlos fortsetzen können. In dem Haus, in dem ich eine Lesung habe, war vor 1989 eine staatliche Zensurbehörde untergebracht – die für Pressewesen und Bücher.
Was uns erstaunt, ist, wie gut man die rumänische Sprache verstehen kann, wenn man Kenntnisse anderer romanischer Sprachen hat. In solch einem kommunistisch geprägten Land eine Sprache, die wie Portugiesisch oder Italienisch klingt, zu hören, kann zunächst etwas irritieren. Keine romanische Sprache ist so nah am Lateinischen wie das Rumänische. Wenn man hier durch den schönen Stadtpark Cișmigiu läuft, rufen die Mütter ihre Kleinen nicht Leon oder Jonas, sondern Vergil und Ovidiu.
Manchmal hat man in Bukarest das Gefühl, eine Zeitreise in gleich mehrere Vergangenheiten gemacht zu haben.
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