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Jede Familie erweitert sich über die Zeit um neue Freunde, angeheiratete Ehegatten. Nicht immer fügen sie sich brav in das Sippschafts-Gefüge ein. Auf beiden Seiten ist Fingerspitzengefühl gefragt, und doch ist mancher Eklat nicht zu verhindern.
von Camilla Ritter
Eine Familie mit sechs Kindern ist ein lauter und wie geschmiert funktionierender Organismus, fast eine überlebensgroße Persönlichkeit mit einiger Präsenz. Schon früher, als wir noch zur Schule gingen, fiel es nicht weiter auf, wenn zum Abendessen ein Klassenkamerad einen neunten Teller aufgetischt bekam. Er hockte dann irgendwo dazwischen und bemühte sich, so schnell zu essen wie wir, deren gezückte Gabeln über den Frikadellen schwebten, um die größte zu ergattern oder gleich zwei. Konnte der kleine Gast nicht mithalten, so ging er leer aus, bekam zum Trost von unserem Vater ein Spiegelei angeboten, serviert mit rauem Spott über seine Zurückhaltung.
Eine eigene Persönlichkeit konnte das Gast-Kind so schnell nicht entwickeln, wir waren zu viele und bestens geübt darin, wild durcheinander zu reden, aber wir freuten uns über jeden neuen Spielkameraden und tobten alle zusammen durch den Wald.
Und dann kamen wir ins Teenager-Alter und knüpften die ersten Bande mit dem jeweils anderen Geschlecht. So saßen an unserer Tafel hochrote Mädchen und picklige Jungen, die der älteste Bruder, die zweitälteste Schwester angeschleppt hatten. Sie sprachen unsere Eltern mit „Sie“ an und wurden zurückgeduzt. Der eine, die andere tauchte häufiger auf und durfte dann auch mal übernachten. War ein Langschläfer dabei, wurde er scherzhaft aufgezogen, denn unser Jüngster war auch so einer.
Wir waren zwar eine lärmende Familie, aber tolerant und ließen keinen spüren, wenn er so ganz und gar nicht zu uns passte. Zueinander sagten wir jedoch: „So was Lahmes.“ „Die hat ja Angst vor unserem Hund.“ Das ging natürlich nicht: Unser Familienhund war allgegenwärtig, und wir brachen gern zu langen Wanderungen auf. Gezierte Stadtmädels, die kreischten, wenn er sie ansprang, und auf hohen Hacken durch den Wald wackelten, verloren ganz schnell die aufkeimende Liebe meiner Brüder. Von uns Schwestern schlug ihnen förmliches Desinteresse entgegen, meine Mutter war nett, mein Vater charmant, aber denken taten sie etwas anderes. Langhaarige Kerle in schmuddeligen Parkas wurden von meinen Eltern zwar eingelassen, wenn sie klingelten und nach ihren Töchtern verlangten, doch mit praktisch gar keiner Aufmerksamkeit bedacht.
Erschien dann allerdings ein frischer, junger Mann, der sich nicht scheute, die Hand meiner Schwester loszulassen und meinem Vater zu helfen, das Zwischenteil des Esstisches aus dem Keller zu holen, mit dem dieser auf zwölf Plätze verlängert werden konnte, durfte er sicher sein, dass er in alles eingebunden wurde, inklusive der offen ausgetragenen Familienstreitigkeiten. Einer dieser Männer heiratete meine Schwester, und das sommerliche Fest fand auf unserem Rasen statt.
Wir Kinder lebten ja nun alle nicht mehr zuhause, trafen dort jedoch häufig zusammen, und der Mann meiner Schwester machte alles richtig: Drängte sich nicht in den Vordergrund, packte mit an, mochte Hunde und lange Spaziergänge, akzeptierte den Kommandoton meines Vaters, regte sich nicht über meine Mutter auf, brachte seine eigene Familie nach der Hochzeit nie mehr ins Spiel, hatte keine extremen politischen Ansichten, übernahm unsere Osterfest-Rituale, wurde von uns Geschwistern ohne Weiteres als Bruder adoptiert und mit gleichen Rechten ausgestattet, gefiel uns gelegentlich besser als seine Frau.
Und dann brachte unser Jüngster eine an, die machte den Mund nicht auf und hing an ihm, als könnte sie ohne Rettungsring nicht leben und floh in den Garten, wenn er allein zur Toilette ging. In unserer Familie sagte man zu so was direkt nichts, betrachtete es jedoch mit Missbilligung. Unser Jüngster erkannte dies dann auch bald, denn seine Schwestern waren alle starke Frauen. Monate später konnte sich keiner mehr an ihren Namen erinnern.
Die große Krise kam, als mein mittlerer, sehr gut aussehender Bruder heiraten wollte. Vorher hatte er eine Freundin gehabt, die wir alle mochten. Auf einmal saß er beim Sonntags-Braten mit dieser dicken, fetten Kuh, die redete wie ein Intercity. Sie hatte, man stelle sich vor, zur Begrüßung vor meiner Mutter geknickst, war aber alles andere als ein liebes, nettes Mädchen. Jeder von uns spürte, dass sie Theater spielte, nur mein verliebter Bruder merkte nichts. Er war schon immer ein stiller Junge gewesen, nun zog er sich komplett hinter sie zurück. Und sie machte sich auf unserem Familiensofa breit, fraß und fraß und erzählte und erzählte dummes Zeug. In die Küche zeigte meine Mutter mir einen Vogel und kicherte. Mein Vater sagte noch friedlich: „Ach lass mal, die ist doch ganz nett“, ging dann zurück ins Wohnzimmer und offerierte ihr eine Praline, die sie mit dämlichem Entzücken in ihren Schlund schob.
Die Verlobungsnachricht nahmen wir freundlich auf. Meine Mutter umarmte ihre potentielle Schwiegertochter, bot ihr das Du an, trat dann sofort zurück. Das Kredenzen einer eisgekühlten Champagnerflasche verschleierte das familiäre Unbehagen. Man muss sich abfinden, was soll man machen. Es wurde gelächelt, was das Zeug hielt.
Die uns bis dato unbekannten Eltern der Braut trafen am Morgen der Hochzeit ein und wurden sogleich auf die Terrasse geleitet. Der Mann war ein schmieriger, reicher Goldkettchenträger, und seine trutschige Frau mehr in meinen Bruder verschossen als die eigentliche Braut. Sie umarmte ihn entschieden ungebührlich und ließ nicht von ihm ab. Meine Eltern brachten den Brauteltern Erfrischungen und standen in der Sonne herum. Sofort wurde das Du und die Vornamen ausgetauscht, und die totale Fremdheit (von unserer Seite auch die totale Aversion) mit hysterischen Freudensbekundungen übertüncht. Dann kam der widerliche Brautvater auf mich zu, sein Blick rutschte wie Leim an meinem Körper herab und zurück auf meine Brust, er sagte schäkernd: „Und wer bist denn Du?“ (Ich war an die Dreißig und größer als er.)
Ich trat zurück und antwortete: „Herr Sowieso, mir wäre lieber, wir blieben vorerst beim Sie.“
Diese meine höchst berechtigte Antwort war schuld daran, dass ich in die Familiengeschichte als jene einging, die die Hochzeit ihres Bruders zerstört hatte und die eigentlich Verantwortliche für das andauernd schlechte Verhältnis war. Sowohl von meiner Schwägerin als auch von meinen Eltern wurde mir dies noch jahrelang zugeschoben, obwohl an die hundert Leute den ganzen Abend lachten und tanzten. Meine Schwägerin soll einen Weinkrampf gehabt haben, doch davon habe ich nichts gesehen. Tatsache war, dass niemand von uns (außer unserem bedauernswerten Bruder) niemand von der anderen Familie leiden konnte.
Zehn Jahre lang blieb diese Schwägerin ein Störfaktor. Ihre innere Hässlichkeit war noch größer als ihre äußere, sie gebar zwei Kinder und war regelmäßig schneller am Telefon als mein Bruder, so dass er hinter ihr vollkommen unsichtbar wurde. Das blieb auch so bis zur Scheidung.
Da Ehen bekanntlich nicht mehr für die Ewigkeit geschlossen werden, ist auch der Mann meiner Schwester nicht mehr Teil unserer Familie, was wir sehr bedauert haben. Er tauchte später noch zu einigen Festen auf und wurde herzlich begrüßt und könnte sogar jetzt noch, Jahre später, seinen angestammte n Platz an unserem Tisch einnehmen, ohne dass dies einer befremdlich finden würde, von uns aus auch mit seiner neuen Frau.
Am heutigen Tag besteht der Kern unserer Familie nicht mehr aus acht, sondern aus fünfzehn Leuten. Geprägt oder verändert haben diese Zugelaufenen uns eigentlich nie. Sie alle machen gern ausgedehnte Spaziergänge mit Hund, reden wild durcheinander, bescheren Heiligabend ihre Liebsten nach dem Essen und nicht davor, würden sich nie auf den Platz unseres Vaters setzen, und können in Minutenschnelle fünfzehn Gedecke abräumen und in die Spülmaschine stellen.

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