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Über Knutschflecke und andere peinliche Verletzungen
Glosse von Gabriele Bärtels
Mit fünfzehn waren Knutschflecken am Hals eine Trophäe, die man stolz in die Schule trug: Seht her, ich habe Geschlechtsverkehr. Kichernde Mädchen zeigten darauf, verlegene Jungs machten forsche Bemerkungen – das scherte einen nicht, denn sie waren alle nur neidisch. Wünschenswerterweise stellten sie sich sonstwas vor, was man getrieben hatte, selbst wenn die schmale Wahrheit hieß, dass weiter unten am Leib gar nichts geschehen war, oder man sich die schattenblauen Zeichen der Lust gar selbst beigebracht hatte.
Dringt man ins Erwachsenenleben vor, so entdeckt man nur noch sehr selten Liebesmale an irgendwelchen Hälsen, sondern ist eher an einer respekteinflößende n Fassade interessiert. Während gewisser Betätigungen flüstert man schon rein vorsorglich: „Mach mir ja keinen Knutschfleck!“, und wenn die Leidenschaft in eine Ehe gemündet ist, tut er es schon von selbst nicht mehr, und man sieht den Rest des Lebens anständig aus.
Man soll ja als Journalist das Wort „ich“ aus seinen Texten heraushalten, doch ich bin schon etwas älter und frisch verliebt. Der dazugehörige Mann hat einen kräftigen Bartwuchs. Obwohl er sich wirklich gut rasiert, kam es zu längeren Reibereien mit meinem Kinn, die ich im Überschwang viel zu spät bemerkte, genauer gesagt: Gar nicht, was man nicht unbedingt negativ bewerten muss. Jedenfalls sah ich am Morgen danach aus, als ob ich gegen einen Schrank gerannt wäre – eine Zwei-Euro-große, leicht blutende Wunde zierte mein zartes Kinn.
Ich legte mir Erklärungen für die Öffentlichkeit zurecht. Die eine lautete, ich hätte mich unachtsam über meinen Gasherd gebeugt, mich an der Flamme verbrannt, die fand ich relativ unglaubwürdig. Die andere brauchte mehr Fantasie: Ich hätte meinen Müll in den Hof getragen, dort habe der Hausmeister eine Schaufel liegen gelassen, auf deren Blatt ich trat, weil ich zu faul gewesen war, meine Brille aufzusetzen. Die Schaufel sei hochgeschnellt, der Holzgriff hätte mich am Kinn getroffen, und ausgerechnet in dieser Höhe hätte der Hausmeister ein grobes Seil daran befestigt, mit der er die Schaufel normalerweise an der Kellerwand aufhängt, das hatte mich dann so schlimm verkratzt.
Derart gewappnet trat ich in den nächsten Tagen der Welt entgegen, von der mir - während die leuchtendrote Wunde langsam und schön verschorfte – nur eine einzige Frage entgegenschallte: „Was haben Sie denn gemacht?“
Funktioniert haben beide Ausreden nicht richtig, jedenfalls blickte ich häufig in Gesichter, deren Ausdruck mich vermuten ließ, dass sich der Mensch dahinter amüsierte. Spüren ließen sie mich das selbstverständlich nicht, doch ein Lügner fühlt sich eben nie ganz sicher. Einer wagte allerdings zum Abschied zu sagen: „Schöne Grüße an den Kratzebart!“, da wurde der Rest meines Kopfes auch noch leuchtendrot.
Meiner mir sehr vertrauten, bodenständigen Kiosk-Frau, die ebenfalls o.g. Frage über den Tresen warf, deutete ich die Wahrheit an, verschämt und entzückt zugleich. Wir unterhielten uns darüber, ob man mit oder ohne Pflaster auf so einer Wunde besser bedient ist. Während sie mir meine Rosinenschnecken einpackte, steuerte sie in schwesterlicher Verbundenheit folgende peinliche Geschichte bei:
„War eines Abends von einer Feier gekommen, hatte drei Schnäpse getrunken, können auch mehr gewesen sein, ick sach ma so drei. Wie icke zuhause bin, wird mir schlecht, und ich habe ein teures Villeroy&Boch-Klo, richtig massiv und schwer, musstich aber nich selbst bezahlen, war der Vermieter. Na und wie ich mich über die Schüssel knie, weil ich kotzen muss, klappt mir der Deckel genau auf diese Stelle.“ Sie zeigt zwischen beide Augen. „Am nächsten Morgen sah icke aus, als hätte icke eine venezianische Maske auf, konntich leider nicht absetzen. Bin extrem geschminkt zur Arbeit.“
Wir grölten noch, als der nächste Kunde eintrat, verrieten aber den Grund dafür nicht.

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