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Sie meinen, Sie strebten jeden Tag ein Stück vorwärts, hätten sich am Ende Ihres Daseins in allen Punkten sehr weit von Ihrer Geburt entfernt und eine höhere Stufe erreicht? Illusion, Illusion!
Glosse von Gabriele Bärtels
Die Wahrheit ist: Nicht mit Entwicklung, Wachstum und Fortschritt sind wir zeitlebens beschäftigt, sondern mit der Wiederherstellung eines Null-Zustandes, hinter den wir täglicher Bemühung zum Trotz zusehens zurückfallen.
Der Nullzustand ist das Neugeborene: Mit kurzen Haaren, kurzen Fingernägeln, gesundem Zahnfleisch und normalgewichtig kommt er zur Welt, liegt bald darauf lieblich duftend in einem blütenweißen Strampler, unschuldig, nagelneu. Schon Minuten später ist dieser Standard nicht mehr zu halten, und es geht gnadenlos bergab: Was immer wir uns später an Zielen und Sinnhaftigkeit zurechtlegen, Hauptaufgabe ist, den Stein wieder da hochzurollen, wo er kurz nach unserer Geburt gelegen hat.
Überlegen Sie doch: Acht Stunden pro Tag gehen dafür drauf, wieder so wach zu werden, wie Sie es gestern morgen schon mal waren. Rechnet man Zähneputzen, Duschen, Händewaschen, Rasieren, Nagelschneiden zusammen, brauchen Sie gut eine weitere Stunde, bis Sie ähnlich sauber sind. Und den Rest des Tages werden Sie wieder dreckig.
Nicht nur Sie, sondern auch Ihre Wohnung, Ihr Auto, Ihre Schuhe verschmutzen ohne Unterlass. Um diesen Verfall im Zaum zu halten und auch noch die Hosen aus der Reinigung zu holen, addieren wir eine weitere Durchschnittstunde. Und dann Ihr Kopf: Noch während Sie auf dem Friseurstuhl sitzen, fangen die Haare wieder an zu wachsen, und Sie wissen schon, dass Sie in vier Wochen den gleichen Termin haben werden, der Sie in keiner Weise voranbringt, sondern lediglich die Eskalation Ihrer Frisur verhindert. Und alle sechs Monate zum Zahnarzt, und jedes Jahr wochenlang Urlaub zur Regeneration. Im Sport dieselbe Misere: Sie können trainieren, so viel Sie wollen, eine Ebene von Fitness, die sich von alleine hält, erreichen Sie nie. Wieder dreißig Minuten futsch zur Herstellung eines oft und oft erreicht geglaubten Status Quo.
Wieviele leere Cremedosen und Shampooflaschen und Milchkartons und Spülmaschinensalz-Tüten und Druckerpatronen haben Sie über die Jahre in den Müll geworfen, um anderen Tags genau dasselbe Zeug wieder aus dem Supermarkt nach Hause zu schleppen? Wie oft getankt, neue Socken gekauft, Schnee geschippt, den Rasen gemäht, Guten Morgen gesagt, Ihren Personalausweis verlängern lassen, und geglaubt, mit dem neuen Computer hätten Sie nun endgültig genug Speicherplatz? Mal hat der aufpolierte Zustand eine Woche angedauert, dann ein Jahr – aber auf ein höheres Niveau, hinter das Sie nie mehr zurückfallen werden, hat Sie das nicht gebracht. Beim Essen ist es doch Mittag für Mittag genau dasselbe. Sie werden nie und niemals für immer satt, um sich dann endlich etwas Konstruktivem zu widmen.
Was also haben Sie am Ende Ihres Lebens erreicht? Ich sage es Ihnen: Sie werden ein letztes Mal frisch gewaschen, frisch geschminkt, und dann mit zusammengefalteten Händen zu Grabe getragen, aber noch unter der Erde wachsen Ihre Haare und Ihre Fingernägel ein paar Tage weiter. Dem Zerfall, der danach einsetzt, werden Sie nicht mehr Einhalt gebieten können, was beweist, dass Sie es vorher dauernd getan haben. Und dass es nichts genützt hat, beweist die Tatsache, dass Sie am Ende Ihres Lebens eindeutig schlechter aussehen als zu Beginn.
Das ist der Sinn unseres Daseins, der Rest ist marginal.

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