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Porzellan mit Poesie
& Schokolade aus Liebe
Die Designfirma Raumgestalt und ihre Gründerin Jutta Rothe

 

„Es war ein Montagmorgen um 11 Uhr. Ich trug Jeans, eine Perlenkette und eine Tasche, als ich mein altes Leben verließ.“

 

Portrait und Fotos von Gabriele Bärtels

7-raumgestalt (16)Diese Geschichte möchte man wie ein Märchen erzählen, denn sie spielt in einem Dorf im Schwarzwald, das mehr als 1000 m über dem Meeresspiegel in einem Hochtal liegt, von Fichtenwaldschluchten umgeben. Angesichts der windschiefen, urigen Bauernhäuser inmitten blühender Bergwiesen meint man, sich weit aus der Moderne entfernt zu haben, jedenfalls, bis man die Skilifte und Wanderwege entdeckt hat, die Bernau ein bescheidenes touristisches Aufkommen bescheren.

Dass aus einem verwinkelten Anwesen in diesem 2000-Seelen-Ort eine Frau von sechzig Jahren mit ihren Wohn- und Lebens-Accessoires die Design-Welt bereichert, passt nicht so recht zu Vorstellungen von durchgestylten Zeitgeistjüngern, die in verglasten Metropolen-Dachgeschossen althergebrachte Wohnstuben auf Zukunft trimmen wollen.

7-raumgestalt (12)Hier oben ist das dörfliche Leben noch weitgehend intakt, der Bürgermeister lässt sich auf ein Schwätzchen blicken, die Kinder spielen auf der Straße, und wenn nicht gerade eine Kreissäge läuft, ist das lauteste Geräusch das Muhen einer Kuh. Unter Schindeldachvorsprüngen hängen Spinnweben, an denen die Spinnen seit Jahrhunderten zu arbeiten scheinen.

Jutta Rothe hat den Ort im Alter von 45 kennengelernt, und sie selbst beginnt die Geschichte, die sie hierher führte, eher wie einen Abenteuerroman: „Es war ein Montagmorgen um 11 Uhr. Ich trug Jeans, eine Perlenkette und eine Tasche, als ich mein altes Leben verließ.“

Von einem Tag auf den anderen trennte sich die Rheinländerin damals von ihrer Ehe, der Marketing-Firma, die sie mit ihrem Gatten führte, ihrem Haus, dem Freundeskreis.

Radikale Schnitte entlasten, doch entziehen auch dem Ich den Boden, auf dem es fest zu stehen glaubte. Zuerst bügelte Jutta Rothe bei ihrer Schwester tagelang Hemden, denn wohin sie ihr Schiffchen von nun an steuern sollte, wusste sie nicht. Um zur Ruhe zu kommen, zog sie sich für einige Wochen in ein Therapiezentrum mit Zen-buddhistischem Hintergrund zurück, weit weg, hoch droben im Schwarzwald. Auch das konnte nur eine Durchgangsstation sein. Im Prinzip hätte ihr die Welt offen gestanden, doch sie wollte vor allem wieder irgendwo ankommen.

7-raumgestalt (23)Jutta Rothe ist eine große, kräftige Frau, und während sie sich zurückerinnert, umfassen ihre Hände einen schlichten, weißen Kaffeebecher ohne Henkel. Ihre Finger streichen über die glatte, warme Oberfläche, ertasten eine Zeile mit Blindenschrift. Dies ist eines der Produkte ihrer Firma Raumgestalt, die sie seit 6 Jahren von dieser dörflichen Schaltstelle aus aufgebaut hat: Porzellan aus der Serie Fühlen und Sehen. Die Schrift bedeutet: Weicher, samtener Fluss, und wer das weiß, kann über seinem dampfenden Kaffee noch viel besser sinnieren.

Sie gewann also Geschmack an der Abgeschiedenheit und Einfachheit dieser Höhenlage und auch daran, wie die Jahreszeiten das Leben hier noch bestimmen, kaufte ein 300 Jahre altes Bauernhaus und machte sich daran, es zu renovieren. „Es wird sich schon zurechtlaufen“, dachte sie.

Nach einem halben Jahr wurde ihr klar, dass ihr ohne Berufstätigkeit etwas fehlte. In Bernau gibt es verschiedene holzverarbeitende Betriebe, der Nachbar hatte eine Drechslerei. „Dem habe ich zuerst das Büro aufgeräumt und Aufträge herangeschafft“. Aus dem Holz, das im Überfluss herumlag, gestaltete sie zusammen mit einer Designerin ihr erstes Produkt, einen Pfeffer- und Salzbehälter mit Glasschalen, aus dem man die passenden Mengen mit den Fingern entnehmen kann. Dieser Behälter ist bei Raumgestalt schon heute ein Klassiker und im Wesentlichen unverändert geblieben. Es enthielt schon die ganze Idee, von der Jutta Rothe erst ein Teil bewusst war: Klarheit, Ruhe, Wohlgeformtheit, Verständnis für die Sinnlichkeit des Würzens mit den Fingerspitzen.

7-raumgestalt (14)Weil Frau Rothe keine Lust auf Selbstständigkeit hatte, blieb sie der Drechslerei zunächst treu. „Ich bin kein Einzelgänger, sondern Teamarbeiter.“ Doch sie spürte in diesen Jahren auch, dass ihr Anpassungswille geringer wurde, andere Vorstellungen von Holz-Produkten in ihr herumspukten, die über die schlichte Sache hinausreichten, fühlte, dass sie noch immer nicht ganz vorgedrungen war zu ihrer eigenen Person.

An ihrem 54. Geburtstag sprach sie zu sich: „Jetzt muss ich!“, sprang ein zweites Mal aus den Schienen, kündigte beim Nachbar, gründete die Firma Raumgestalt und tat fortan nur noch, was sie für richtig hielt. „Man muss ja nicht machen, was alle machen. Ich habe im Laufe des Lebens festgestellt, dass ich anders bin, also lag es nahe, dass meine Produkte auch anders wurden.“

7-raumgestalt (9)Wenn Frau Rothe erzählt, zeichnet sie das Gesagte mit den Händen in die Luft. „Design ist kein Selbstzweck. Ein Gegenstand, mit dem Menschen umgehen sollen, muss eine Seele haben, Emotionen auslösen. Es ist nicht unwichtig, wer damit umgegangen ist, und auch die Verpackung gehört dazu. Das Wort darauf wird verschenkt, und mit dem Wort das dahinter stehende Gefühl.“

Diese Rede wäre sehr schön mit der Serie Sinnvolle Schokolade zu illustrieren, von der es verschiedene Sorten gibt: Glück (Zimt-Kardamon-Vollmilch), Wahnsinn (Pfeffer-Vollmilch), Erfolg (Rosinen-Nuss), Lust, Gnade, Unschuld, Liebe und so fort. Zu dieser Reihe gehört außerdem ein aufwändig gestaltetes Büchlein mit Tafelreden, kleinen Geschichten und Aphorismen. Jede Ware wird von Hand verpackt, in purem, gebrochenem Weiß. Nichts lenkt vom Zweck ab und nichts von den Gedanken, die sich in der Unaufdringlichkeit dieser Dinge entspinnen, womit wir dem Zen-Buddhismus wieder näher rücken.

Spulen wir noch mal weit zurück: Als Jutta Rothe 16 wurde, hatte der Vater ihr und ihrer Schwester je 1500 Mark gegeben, um ihre Zimmer neu einzurichten. Während ihre Schwester durch Möbelhäuser streifte, verwendete Jutta Rothe das Geld dazu, jedes Teil in ihrem Jugendzimmer selbst zu entwerfen. „Gestalten war immer mein Thema, ich hätte gern Innenarchitektur studiert.“

7-raumgestalt (24)Doch ihre Eltern – der Vater war Spielwarenfabrikant – hätten sie nicht ziehen lassen. So war das noch vor vierzig Jahren: „Die Ehe war für Frauen das Ventil, um aus der engen Elternwelt herauszukommen.“ Sie heiratete mit 20, gebar zwei Kinder, zog mit ihrem Mann die Firma hoch, die am Ende 40 Mitarbeiter hatte, war einerseits von den 68ern beeinflusst, andererseits weiterhin in alten Erziehungsansichten verhaftet. „Das führt dazu, dass man sein Ziel über Umwege erreicht.“

Das Ziel „Raumgestalt“ - mit 54 Jahren endlich erkannt - war wieder nur ein Anfang. Jutta Rothe suchte Produkt-Designer, denn sie wollte nicht alles selbst entwerfen, sondern viele Ideen unter einer großen versammeln.

Eine Zusammenarbeit ergab sich nur, „wenn ich Spaß an dem Menschen hatte.“ Sie forschte nach interessanten Leuten, die schöne Dinge machten, und wenn kein Herz daran hing, ließ ein Produkt sie kalt. Sie fragte: Welcher Designer hat eine Affinität zu welchem Material? Auch war nicht jedes Produkt gleich zu Ende gedacht, sondern stand zum Beispiel als Milch&Zucker-Set eine Weile auf dem herrlich wurmstichigen Esstisch in Frau Rothes Kachelofen-Wohnraum, bis einer ausrief: „Mensch, der Löffel ist viel zu kurz!“

Auch Abnehmer mussten erst gewonnen werden. Die findet man am besten auf der Frankfurter Frühjahrs- und Herbstmesse, der größten Konsumgütermesse der Welt. Schon als Raumgestalt zum ersten Mal teilnahm, galt der Stand unter den Einkäufern als Geheimtipp.

Außerdem musste Jutta Rothe mit einem Rollköfferchen auf Reisen gehen, Kunden vor Ort besuchen. „Das war anfangs sehr frustrierend.“ Sie wurde abgewimmelt oder vertagt, rannte heulend aus wichtigen Meetings, bis sich aus diesen Versuchen und Irrtümern eine Klientel herausschälte, die Lust hatte, so individuell beraten zu werden, wie ihre Produkte es ja auch waren.

7-raumgestalt1Am Besten kam sie mit ihrem Angebot bei inhabergeführten Geschäften an. Die schätzten es, dass Jutta Rothe auch Sonderwünsche berücksichtigte, kleine Stückzahlen lieferte, die Räumlichkeiten des Kunden in ihre Beratung einbezog, sich vielfach flexibel zeigte. Bald wurde sie recht häufig erfreut begrüßt, denn das war ja nicht alles – in der Hauptsache verkauften sich ihre Sachen gut.

Spulen wir wieder vor bis Heute: Die Firma, in der sie jetzt mit ihrer ganzen Person steckt, beschäftigt im Dorf inzwischen 15 Leute, dazu 10 freiberufliche und seit Neuestem eine festangestellte Designerin, die 30-jährige Halbgriechin Alexia Vagias. Frau Rothes neuer Mann, ein ehemaliger Manager, den sie auf ihren Umwegen kennen lernte, hat den kaufmännischen Part übernommen und ist rein äußerlich von den Bauern im Dorf nur mehr schwer zu unterscheiden.

Raumgestalt arbeitet sowohl mit Porzellanmanufakturen, Glasbläsereien, als auch mit Edelstahl-, Konfektions- und natürlich holzverarbeitenden Betrieben, vorzugsweise aus der Region. Die Palette umfasst nun auch Möbel. Die Produktserien – von Nägeln mit blumenförmigen Köpfen bis zu 2000 Euro teuren Tischen - werden in Stückzahlen von 100 bis 30.000 pro Jahr angefertigt. In der gleichen Zeit erreichen acht neue Produkte Serienreife, denn ohne Neu! Neu! Neu! ist es im Handel nie gegangen, auch wenn die Erzeugnisse zeitlos sind.

7-raumgestalt-(10)Die Firma wächst, und die Lagerräume in dem alten Haus reichen nicht mehr. „Man muss aufpassen, dass sie nicht explodiert“, kommentiert die Chefin.

Nach dem Aufbau ist Konsolidierung die nächste Etappe. Mit der Designerin Alexia Vagias tritt dabei gleich die übernächste Generation ins Geschäft ein. Sie soll zwar im Geiste von Raumgestalt handeln, aber nicht die Handschrift der Gründerin übernehmen, die sagt: „Alles, was nach vorne geht, kann ich loslassen.“

Wenn Jutta Rothe zurückblickt, stellt sie fest, dass sie sich so weit von ihren Wurzeln nicht entfernt hat, denn schon ihr Vater hatte Designer beschäftigt, die Spielwaren für ihn entwarfen. Es überrascht folglich kaum noch, dass in den Raumgestalt-Werkstätten auch Spielzeug entsteht, von damals, zum Selber-Zusammenbauen.

So gehen Märchen und Abenteuerroman gleich aus: Nach allen überstandenen Gefahren ist die Protagonistin zu sich selbst zurückgekehrt, allerdings auf einer höheren Ebene, zum Beispiel im Schwarzwald.

 

www.raumgestalt.net

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