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Voller Einsatz zur Ehrenrettung eines Mannes
Perlen des Alltags von Gabriele Bärtels
Fragen Sie mich nicht, wie es geschehen konnte, dass ich zur Jahresversammlung eines internationalen Leadership-Verbandes eingeladen war. (Die Branche tut hier nichts zur Sache.) Jedenfalls fand die Begegnung im Dachgeschoss eines Luxushotels statt, von dem aus man auf historische Gebäude herabsehen konnte. Meine Freundin und ich waren entsprechend schick angezogen und fuhren im Aufzug hoch.
Mit uns benutzten zwei Vertreter globaler Führungskraft den Fahrstuhl, beide männlich. Dem einen, einem kräftigen Herrn mit ungetrübtem Selbstbewusstsein im Blick und um das Kinn herum, stand der Reißverschluss seiner Hose offen, und ich nahm nicht an, dass dies zu seinen Gepflogenheiten gehörte.
Damit er Abhilfe schaffen konnte, bevor die Tür auseinander glitt und wir uns zu der Versammlung gesellten, fühlte ich mich verpflichtet, ihm einen Hinweis zu geben. Aber im Aufzug herrschte höfliches Schweigen, ich kannte diesen Mann nicht, und da machte es auch schon „Kling“, wir waren oben angekommen. Ich stieß meine Freundin an, doch die begriff nichts.
Der Herr schenkte uns keine Beachtung, betrat noch vor uns die bis zum Boden verglasten, edlen Räumlichkeiten. Zehn Klafter tiefer eilten Fußgänger-Pünktchen hin und her. Hier, beinahe über den Wolken, wurde Wein und Champagner gereicht.
An die 150 Leadership-Ausgaben standen herum, höchstens fünf Prozent Frauen. Weiße Hemdaufschläge blitzten unter graugestreiften Maßanzugärmeln, hochaufgerichtete Herren schüttelten einander würdevoll die Hand - alles Alphatiere, gewohnt, die Welt von oben zu betrachten, in Milliardenbeträgen zu denken, und dass eine Sekretärin zu Hand war.
Derjenige welcher tauchte zwischen ihnen unter, und das exzellente Steh-Buffet wurde eröffnet. Meine Freundin und ich delektierten uns an den Köstlichkeiten, von fragenden Blicken begleitet. Wir fielen auf, weil wir nicht nach Leadership aussahen und mein Namensschild verkehrt herumhing.
Ich erzählte meiner Freundin, was ich gesehen hatte. Sie grinste: „Irgendwer wird es ihm schon sagen.“ Mit einem Glas Rotwein spazierten wir durch den Raum. Die Unterhaltungen waren gedämpft, die rasierten Gesichter wirkten, als gingen die Gespräche ausnahmslos um Bedeutungsvolles.
Wir näherten uns einer Gruppe von Stehtischen, um die vereinzelte Verbandsmitglieder standen. Dazwischen entdeckte ich ihn – im Gespräch vertieft mit seinem etwas fülligeren Double, beide vollkommen absorbiert, frisch gewaschen, erfolgreich und wegweisend. Mein Seitenblick rutschte an seinem schwarzen Anzug herab. Es war eine halbe Stunde vergangen, und sein Reißverschluss stand immer noch offen, darunter leuchtete es weiß.
„Irgendwer muss es ihm sagen“, flüsterte ich meiner Freundin zu, und mir zitterten die Knie, denn ich fühlte, dass ich die Verantwortung nicht länger abwälzen konnte.
„Mach Du es“, sagte sie, doch sie hatte gut reden.
Wir standen nur noch drei Meter entfernt, dieser Mann hatte mich noch nie gesehen, und nahm auch jetzt keine Kenntnis. Ich wisperte: „Oh Gott, ich trau mich nicht“, und nahm einen kräftigen Schluck Rotwein.
Mir war nicht bekannt, was Knigge in solchen Fällen vorsah, probte in Gedanken mehrere Ansprachen, die alle falsch klangen, durchdachte die vielfältigen Möglichkeiten seiner Reaktion, spürte meine Knie zittrig werden und meinen Kreislauf davonjagen.
Bevor mich noch ein Kollaps ereilen konnte, griff ich dem internationalen Leader forsch um die Schulter. Er wirkte über die plötzliche weibliche Präsenz ähnlich irritiert wie sein Gesprächspartner, wollte mir nicht folgen. Damit er sich zur Seite führen ließ, war ich gezwungen zu drängen: „Ich muss Ihnen wirklich etwas Wichtiges sagen!“ Ungebührlich nah stellte ich mich zu ihm hin, und meine Botschaft stürzte unter einer Flut von Entschuldigungen von meinen Lippen.
Alles Weitere überließ ich ihm, wollte keinen Dank, nichts, nur weg, riss meine Freundin mit, strebte ganz an das andere Ende des erfreulich großen Raumes, und weil die Reden so langweilig waren, gingen wir dann auch bald.

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