|
Wer ins Krankenhaus muss, ist nicht mehr von dieser Welt, selbst wenn sein Zuhause gleich um die Ecke liegt.
von Sybille Schröter
Lass alles zu Hause, die Gewohnheiten, das Mobiltelefon. Leg alles ab – den Schmuck, die Uhr. Du brauchst keine Jacke, nur einen Bademantel. Und wenn die Krankenschwester Dir Dein Zimmer gezeigt hat, hast Du eine neue Adresse: Station 23, Zimmer 2147.
Obwohl Du Dich noch in der gleichen Stadt befindest, ist nichts mehr, wie es war. Deine Privatsphäre beschränkt sich auf einen Nachttisch mit Rollen und den Stuhl, über den Du Deine Hose gelegt hast. Dein Heim ist ein schmales Bett, das quietscht und eine dünne Decke. Du wendest den Kopf und stellst Dich bei Deinem Nachbarn vor, der in Kürze wissen wird, wie schnell Dein Herz schlägt und ob Dein Stuhlgang regelmäßig ist. Und Du wirst seine nackte Kehrseite kennenlernen, die hinten aus dem OP-Hemd lugt und bald sicher sein, dass er schnarcht. Noch bevor die erste Nacht anbricht, ist er Dein engster Leidensgenosse und Dein Gegenüber ist es auch, selbst wenn Dich andernorts Welten von ihm trennen.
Du hast Glück, Du liegst am Fenster, das auf einen Park hinausgeht, durch den eine schwarze Katze schleicht. Dein Nachbar liegt neben dem Waschbecken. Ihr stellt fest, dass Ihr Euch jeden Abend über das Fernsehprogramm einigen müsst und dass Dein Gegenüber reichlich viel und laut telefoniert. Du packst Deine Tasche aus, Jogginghose, Nachtwäsche und alle Bücher, die Du schon lange lesen wolltest. Der Schrank für Deine Habe ist vierzig Zentimeter breit.
Ab jetzt bist Du Patient. Das heißt, das Du den Menschen nicht mehr auf Augenhöhe begegnest - Du schaust aus dem Liegen zu ihnen hoch. Du wartest auf die Visite, und als sie sich verspätet, wird das für Euch drei zum zentralen Ereignis. Du wartest vor dem Röntgenraum auf die Schwester, die Dein Krankenblatt in der Hand trägt, Du wartest auf Mittag, Kaffee, Abendbrot und auf die Zeit, die hinter Dir herschleicht wie ein fauler Hund.
Und am nächsten Morgen wartest Du auf Deinen OP - wenn es sein muss, bis in den Nachmittag. Du wartest ohne Wasser, Brot und Zigaretten. Du schaust Du, wie Dein Bettnachbar abgeholt wird, er hat sich das bunt gepunktete OP-Hemd selbst anziehen müssen und die Thrombosestrümpfe auch. Nun ist sein Lächeln etwas schief, als er sich an seine Decke klammert und die Schwestern sein Bett zur Tür hinausschieben. Du siehst ihn ein letztes Mal winken, während Du versuchst zu lesen - zwei Stunden lang immer den gleichen Satz. Dann wird Dein Nachbar hereingeschoben, ein schlaffes Bündel. Er stöhnt, ohne es zu wissen, über ihm baumelt ein Tropf, schärfer als je zuvor erkennst Du den Ernst der Lage.
Alles tritt zurück. Freundesgesichter, Lieblingsmusik, Arbeitsweg, Deine Geschichte. Denn jetzt wirst Du durch die Gänge gefahren, die Schwestern plaudern mit Dir, und die Deckenlichter sind blendfrei. Im Aufzug nach oben bist Du der aufgebahrte Mittelpunkt, Menschen mit Blumensträußen pressen sich an die Wand, sie versuchen, Dich nicht anzusehen und gleichzeitig doch. Du schaust zu den Schwestern hoch und erblickst zwei Schutzengel.
Aber sie verlassen Dich im OP-Trakt. Dort sind alle Gesichter maskiert. Du fühlst, das die „Scheiß-egal-Tablette“ überhaupt nicht wirkt, Du wiederholst das mehrmals, aber es scheint niemanden zu interessieren. Jemand sticht Dir in die Hand und spricht dabei freundlich. Der Anästhesist hat gestern gesagt, dass Deine Gesundheit nirgends besser überwacht wird als in einem OP. Ist dieser Jemand der Anästhesist? Du bist ihm ausgeliefert. Du willst flüchten. Deine Hand wird merkwürdig warm.
Sendepause.
Etwas ist mit Dir geschehen und es wird noch Stunden dauern, bis Dein Geist sich so weit vom Boden erhebt, dass Du es begreifst. Die meiste Zeit schläfst Du und als Du einigermaßen wach wirst, bist Du total abhängig. Dein Darm liegt still und alle Deine Glieder. Dein Urin fließt in einen Beutel und Du bekommst nur durch die Braunüle in der Hand etwas zu trinken. Du bist dankbar, dass Du gleich weiterdämmerst, bis der nächste Tag anbricht. Wahrscheinlich hast Du Besuch gehabt, Du kannst Dich nicht erinnern. Am nächsten Tag erschrickst Du beim Anblick eines Freundes aus Deinem alten Leben. Sein Gesicht ist hier fremd, und er trägt Schuhe.
Als Du das erste Mal Deinen eigenen Schlafanzug anziehen darfst, ist schon viel gewonnen. Der erste Schluck Fenchel-Tee lässt noch einen Tag auf sich warten und der erste Bissen Weißbrot ist ein kulinarischer Höhepunkt. Du bist zerstochen von den Spritzen, die die Schwestern mit den fröhlichen Gesichtern aufziehen, Heparin morgens und abends, Schmerzmittel. Die schwarze Katze im Park hat sich nicht wieder blicken lassen. Du kannst Dir die Lebensgeschichte Deines Gegenübers aus seinen Telefongesprächen, seiner Nachtwäsche, seinen Familienfotos zusammensetzen. Er hat mehr Besucher als Du. Aber Du darfst schon eine halbe Stunde am Tisch sitzen. Er hat auch noch nicht abgeführt. Dagegen sind die Fernsehnachrichten nur ein flimmerndes Rechteck.
Noch ein paar Tage, und Du gewinnst die Freiheit, den Gang im Schlurfschritt entlang zu spazieren. Du gehst wie ein Stock, immer an der Wand lang. Dir kommt ein Bademantelmensch auf Latschen entgegen. Ihr braucht ewig, bis Ihr Euch begegnet. Die Bademantelmenschen gehen wie Du, oder haben Verbände um die Hände. Ihnen hängen Schläuche aus der Kleidung oder sie atmen durch ein Rohr im Hals. Sie schieben Gehhilfen vor sich her, oder ihre Stirn ist blutverkrustet. „Sieben Stiche. Kein Fieber. Wieder Stuhlgang. Noch nicht Duschen. Blutbild nicht in Ordnung. Die Krankengymnastin war da. Jede Schwester sagt etwas anderes.“ Dir fällt ein, dass Du noch eine Wohnung hast, gar nicht weit von hier.
An dem Morgen, an dem Du entlassen wirst, ziehst Du Straßenkleidung an, und in dem Moment, als Du in Deine Schuhe steigst, tut sich zwischen Dir und Deinen Zimmergenossen ein Abgrund auf. Du überbrückst ihn durch gute Wünsche und verabschiedest Dich hastig.

|