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Offener Brief an den deutschen Mann von Gabriele Bärtels
(als Fußnote der trotzige Einspruch von Pierre Uhlen)
Sehr geehrter Herr,
Es kommt vor, dass sich Ehefrauen über Jahre mit der Frage quälen, ob sie Sie verlassen sollen, und Sie merken es nicht. Erst wenn die Trennung da ist, begreifen Sie, dass etwas nicht in Ordnung ist mit der Frau. Sie sagen dann, dass man diese Spezies halt nicht verstehen kann, verdrängen aufkeimende Selbstzweifel und suchen sich binnen vierundzwanzig Stunden eine neue, denn Sie können noch viel schlechter allein leben als wir. Im Alter sind Sie immer noch ein lausiger Liebhaber und werden nie erfahren, weshalb auch Ihre dritte Frau die Lippen aufeinander presst. Hatten Sie sich das nicht anders vorgestellt? Wir Frauen dachten eigentlich, dass es allen Menschen darum geht, ein bisschen glücklich zu werden.
Sie fühlen sich immer noch am Besten, wenn Sie Ihre Partnerin finanziell, intellektuell und altersmäßig überragen. In Zukunft könnte das ein Trauerspiel für Sie werden, denn allein leben wir immer noch besser als mit einem Holzbock, der unsere Tränen jahrelang nicht zur Kenntnis nimmt. Es steht nicht gut um Sie, mein Herr, und es kommt noch schlimmer.
Weil wir mit körperlicher Gewalt nicht weit kämen, arbeiten wir von alters her mit Intelligenz, Selbstironie und Mitgefühl. Wir fürchten, dass wir inzwischen einen Grad der Zivilisierung erreicht haben, an den Sie kaum mit den Fingerspitzen gelangen, denn allein gelassen und ohne Arbeit verwahrlosen Sie recht schnell, wie man an der Überzahl männlicher Stadtstreicher leicht erkennen kann. Gerichtsvollzieher nennen diese Herren „die Verschütteten der Stadt“. Es sind Männer, die nicht um Hilfe bitten, auch dann nicht, wenn ihre Wohnung geräumt wird. Und eher zerstören sie eine Telefonzelle, bevor sie über die grassierende Impotenz reden, von der zahlreiche Damen zu berichten wissen.
Das Schlimme ist: Wir dürfen es nicht aussprechen, weil Sie sonst beleidigt abrauschen und darauf verweisen, dass schließlich Sie die Führungskräfte dieses Landes bündeln. Wir dürfen Ihnen auch unsere Klitoris nicht zeigen, weil es Ihre Männlichkeit weiter zum Schrumpfen bringen würde, müssten Sie zugeben, dass Sie über deren Existenz, Lage und Funktion noch im dritten Jahrtausend nur ungefähr im Bilde sind. Ganz im Gegensatz zu Ihrem ehrenwerten primären Geschlechtsteil, das Frauen ausgiebig bewundern sollen, wünschenswerterweise mit offenem Mund dicht vor der Eichel.
Ist Ihnen eigentlich klar, dass mittlerweile Welten zwischen unseren Ansprüchen liegen und dem, was Sie zu bieten haben? Gucken Sie nur mal auf Ihre Zehen, die Sie uns sommers in Sandalen präsentieren! Sogar im fortschrittlichen Schweden stellen die Frauen fest, dass Sie in Ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind und haben eine Frauenpartei gegründet, die auf Anhieb starken Zuspruch hat. Hört das nie auf, dass wir uns gegen Sie organisieren müssen? Wie bedauerlich für uns: Wir brauchen Männer doch, unsere zärtlichsten Talente liegen brach. Brauchen Sie keine Frauen?
Sie tragen nicht die Schuld daran, dass über viele Jahrhunderte der Mann der Standardmensch war. Doch Sie haben es wahrscheinlich noch so vermittelt bekommen, in Ihrer Kindheit, im Vorbild Ihres Vaters, auf dem Weg hoch zur Karriere, aus allen Zeitungen. Es ist ja bis heute so, dass Titelseiten zu 80 Prozent über Männer berichten - das Mädchen von Seite Zwei ist nackt und lächelt zutraulich. Glauben Sie, dass das noch irgendeine Wirklichkeit abbildet?
Man sagt, dass Menschen an Schwierigkeiten wachsen. Nun, Frauen hatten eine Menge davon. Viele unserer Biografien weisen Brüche, Knicke und Falten auf. Wir haben gearbeitet und nebenbei Kinder groß gezogen oder umgekehrt, mussten mit deutlich weniger Geld auskommen und viel mehr improvisieren als Sie, kaum eine von uns ist je von einem Chauffeur ins Büro gefahren worden. Ohne Gewitztheit und virtuoses Zeitmanagement war das nicht zu machen. Nun sind wir längst soweit, dass wir uns nicht mehr alles bieten lassen müssen, denn wir sind wahlberechtigt, steuerzahlungspflichtig, in der Lage, eine Bohrmaschine zu bedienen, können allein in den Urlaub fahren oder mit Freundinnen, was sehr lustig ist.
Sie dagegen sahen keinen Anlass, Ihre Persönlichkeit selbstkritisch zu hinterfragen, Ihnen fehlte der Widerstand. Wer kaum kämpfen und um sich werben muss, kann Entwicklungen schon mal verschlafen. Jetzt hinken Sie hinterher, denn leider kommt es heutzutage auf Muskulatur nur noch an, wenn Sie den Beruf eines Unterwäschemodels anstreben.
Ansonsten werden Sie sich mit einer steigenden Zahl starker Frauen auseinandersetzen müssen. Die Universitäten sind voll davon, während die Jungen schon in der Schule nur mühsam mitkommen und sich zu Rüpeln mausern, deren Sprache körperliche Gewalt ist. Man hält kaum für möglich, dass ausgerechnet im Iran über 60 Prozent der Studienanfänger im Ingenieurswesen Frauen sind, doch es ist wahr. Eine Perserin: „Wir mussten Jahrhunderte lang überlegen, wie wir ungesehen über die Straße kamen, während ein Mann sie einfach überquerte.“ 2005 hat eine Frau die zweite Deutsche Meisterschaft im Luftgitarre-Spielen gewonnen. Kommentar des Vorjahressiegers: „Die letzte Männerdomäne ist gefallen. Bleibt bloß noch das Schnarchen.“
Sie wissen, dass es wahr ist, mein Herr. Sie haben nur die Augen noch nicht richtig offen.
Wissen Sie ferner, dass wir über engmaschige Netzwerke verfügen, nur dass wir unsere inoffiziellen Pläuschchen nie zu Seilschaften hochspielten? Die Beziehungspflege wurde traditionell zu 90 Prozent durch uns betrieben, und wir können auch anderswo ganz gut kommunizieren. Und wir sind keineswegs Hyänen, sondern zuallererst Freundinnen, während man Ihnen eher den lonesome cowboy zuordnet. Keine schöne Position in einer Welt, die sich vom harten Sattel weg zur weichen Kommunikation ausgestaltet, weshalb Ihnen ja auch ein Heer von Management-Trainern weibliche Tugenden eintrichtern soll. Warum dann nicht gleich Frauen nehmen?, fragen sich die Unternehmen immer öfter. Wenn Sie nicht etwas geschmeidiger werden, wird man Sie bald nur noch für den Straßenbau heranziehen.
Bis hierhin klingt alles beinahe wie eine Drohung, aber die Wendung kommt sofort.
Was wir nicht begreifen können ist dies: Warum lieben Sie uns nicht einfach? Das wäre uns doch auch sehr recht, und wir haben es durch alle Zeiten gewollt. Wir vermissen Sie nämlich. Zwar verfügen wir über Vibratoren mit allen technischen Finessen, doch die brechen leider nicht in Ekstase aus, und die totale Selbstbefriedigung hat die Natur auch nicht vorgesehen.
Liebe ist eine ernsthafte Sache, und sie fängt damit an, dass Sie sich uns mit gewaschenen Händen und mal wieder einem Blumenstrauß in der Hand nähern, Ihre Gefühle offenbaren, unsere Meinung erfragen, unsere Klitoris studieren. Sie setzt sich darin fort, dass Sie uns entzücken wollen, damit wir Sie wiederlieben. Zum Beispiel mit Ihrer Höflichkeit, Ihrer Fantasie, Ihrer Zuverlässigkeit, Ihrer Gesprächsfähigkeit. Wir schätzen es zum Beispiel, mitten im Alltag eine Postkarte mit einem zärtlichen Gruß von Ihnen vorzufinden - wir würden sie sogar sammeln. Schwärmten Sie nicht immer von schönen Frauen? Die beste Schönheitspflege ist ein männliches Kompliment. Wir werden strahlend flüstern: „Du bist mein Held“, Ihren Kopf in unseren Schoß legen, Sie mit Trauben füttern, und uns für Sie aufbrezeln, so gut wir können. Es wäre lächerlich einfach. Dazu müssten Sie aber langsam die Richtung wechseln, sonst sterben wir alle miteinander aus.
Natürlich ist dieser Schritt ziemlich überfällig. Es scheint jedoch, als hätten Sie einen nie dagewesenen Grad der Verunsicherung erreicht, der Sie derart erschüttert, dass wahre Liebe vielleicht jetzt erst möglich wird. Einer Frau den Parkplatz wegzuschnappen, oder ihr zu erzählen, dass sie mit fünfzig eine alte Schachtel ist, während Sie Ihren Hängebauch auf der Straße spazieren führen, ließe sich damit nicht vereinbaren.
Es wäre keine Kapitulation - falls Sie uns missverstehen möchten - sondern wir können Ihnen in die Hand versprechen, dass Sie dadurch viel glücklicher werden und wir auch. So wie es heute ist: Kinderlosigkeit, null Sex, jeden Abend Tiefkühlpizza und Wochenend-Dates mit Fremden, gefällt es uns ja genauso wenig.
Wir haben gar keine Lust, Sie zu überflügeln, zu unterdrücken oder auszumerzen. Hatten wir nie, denn Sie haben ja unschätzbare positive Eigenschaften. Wir mögen Ihre Kraft, Ihren Tatendrang und Ihre breite Schulter. Einen schweren Koffer lassen wir uns weiterhin gern abnehmen, denn es ist ein lustvoller Moment im Alltag, eine herrliche Gelegenheit, sich spielerisch als schwaches Weib zu präsentieren, über die wir uns genauso freuen wie Sie, der Sie den Starken geben dürfen. Wäre nur nett, wenn Sie sich auch mal helfen lassen würden. Zum Beispiel beim Sex, dieser herrlichen Sache, von der Sie beschämend wenig wissen.
Die Sexual-Therapeutin Monika Häußermann warnt Frauen: „Sagen Sie ihm beim Sex nicht, was er falsch macht. Es kränkt seine Würde ungeheuer. Besser ist, es ihm zu zeigen.“ Mein Gott, ist das wahr? Sind Sie dermaßen empfindlich? Wir dachten, im Land der Mimosen hätten wir die Lufthoheit. Wo nehmen Sie Ihr Liebhaberwissen eigentlich her? Mit Ihrem besten Freund – falls Sie überhaupt einen haben - sprechen Sie darüber genauso wenig wie mit uns. Sie surfen im Internet nach willigen Professionellen und denken, es wäre alles in Ordnung, solange Sie zu einem Ergebnis gekommen sind.
Wir glauben aber, dass es Ihre ureigenste Aufgabe ist, eine Frau im Bett glücklich zu machen und nicht sich selbst. Sie haben wirklich keine Ahnung, wie wild Sex mit uns sein kann, wenn Sie uns zunächst erregt haben. Mit einer Prise des diesbezüglichen Wissens alter Kulturen (bitte lesen Sie doch einmal ein seriöses Ratgeber-Buch), hätten Sie die butterweichste, breitgrinsendste, zärtlichste und ergebendste Geliebte, die Ihnen alles erlaubt, Luftgitarrespielen oder Ihren ollen Pullover. Das stellen Sie sich doch sonst nur in Ihren kühnsten Träumen vor.
Eigentlich ist es banal: Für uns sind Selbstbewusstsein und holde Weiblichkeit keine Antipoden. Wir sehen keinen Gegensatz darin, genüsslich Ihren herben Schweiß zu schnuppern und am nächsten Tag viel Geld zu verdienen. Weshalb versuchen Sie nicht auch einmal mit etwas mehr Schwingungsfähigkeit? Am nächsten Morgen könnten wir dann gemeinsam die Zukunft gestalten.
Wenn Sie sich besonnen haben, zögern Sie bitte nicht, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Wir erwarten Sie freudig.
In Liebe, die Frauen.
| Und hier der trotzige Einspruch von Pierre Uhlen:BASTADer Mann an sich, er hat es satt, nur noch ein Wicht, ein Nimmersatt,an den Pranger, ab der Schwanz,was soll der ganze Mummenschanz? Der Mann an sich, bald abgeschafft,von Klageweibern hingerafft, wähnt er sich fast entsorgt,wird nur noch hie und da geborgt. Am Frauentag da muss er hören, er hätt versäumt sie zu betören, kein Blümchen, kein Liebkosen,ein Festtag voller toter Hosen. Der Mann an sich, in höchster Not, der stellt sich einfach mausetot, er sperrt die Ohren und auchs Geld,und träumt von einer heilen Welt. Da war er Held und wie ein Tiger, da knieten sie einst vor ihm nieder,ach Allerliebster, gibt mir Samen, so war es wirklich. Basta, Amen. Doch nun ist er ein grauer Schatten, nichts mehr was seinesgleichen hatten, die Konsequenz heißt: Penis ab, jetzt schaufelt Euch das eigne Grab! |
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