|
Für Noa Jordan, die nach der 9. Klasse die Schule verließ, war Kunst nie etwas, das sich außerhalb der Gesellschaft abzuspielen hatte, womöglich noch brotlos. Deshalb gründete sie zuerst einen erfolgreichen Musikclub und ließ Kunst wohldosiert einfließen. Jetzt startet sie mit schwäbischer Zielstrebigkeit in die nächste Lebensphase.
Portrait und Fotos von Gabriele Bärtels
Noa Jordan, 41, ist eine unbekannte Künstlerin aus Schwaben. Vor anderthalb Jahren kam sie nach Berlin wie viele aus der Provinz, die weniger Anpassung, mehr Chancen, neue Anstöße, harte Gegensätze, Weite-Welt-Gerüche, den großen Erfolg suchen.
Nicht, dass sie es nötig gehabt hätte – sie war schon erfolgreich, allerdings in einer anderen Branche. Ihren weithin bekannten Musikclub Waldhaus bei Ludwigsburg hat sie vor zwei Jahren verkauft.
Nun steht sie am nächsten Punkt ihres Lebensplans, der bei aller Unüblichkeit in seiner Effizienz und Zielgerichtetheit durchaus schwäbische Merkmale hat. Der Verkaufserlös der Diskothek dient dazu, ihr den Start in das reine Künstler-Dasein zu finanzieren, das sie in unreiner Form eigentlich schon immer führt. Jetzt will sie mit ihrer Arbeit berühmt werden.
Das kann natürlich jeder sagen, bei Noa Jordan wäre es immerhin möglich. Sie ist alt genug, zu wissen, welche Anziehung sie ausübt, nicht nur wegen ihrer auffälligen Begabung, sondern auch, weil sie eine natürliche, frische Schönheit ist, die beneidenswert frei denkt, frei spricht, frei handelt.
Zurück hinter den Anfang dieser Geschichte: Noa Jordans Eltern sind Aussiedler – die Mutter kommt aus Bessarabien, der Vater aus der Tschechoslowakei. Kleine, brave Leute, die sich im kleinen Ort Marbach am Neckar niederließen, dem Geburtsort Schillers. Der Vater war Schreiner, die Mutter Sekretärin. Ihre Erstgeborene tauften sie „Karin“.
„Der Name war ein Reißnagel in meinem Ohr“, sagt Noa Jordan, die mit 33 eine offizielle Namensänderung vornehmen ließ. Es ist wahr: „Karin“ passt nicht zu der wilden Locken-Frau im Kraftpaket-Körper, die in Höchstgeschwindigkeit redet und um sich guckt, und deren Präsenz die Wände höflich zur Seite rücken lassen. Sie wollte immer malen, und die Schule war ihr von Anfang an zu eng. „Allein dieses Stillsitzen!“
Ihre Mutter wäre gern Ärztin geworden, doch man hatte sie in ihrer eigenen Kindheit nichts lernen lassen, „weil sie ja doch heiratet“. So war es ihr vor allem um eins zu tun und ihrem Mann auch: Dass aus der Tochter etwas Anständiges, womöglich Besseres, allgemein Anerkanntes wurde. Mit solchen Wünschen befanden sie sich in der schwäbischen Kleinstadt eindeutig in der Mehrheit. Die ungewöhnliche Fantasiebegabung der Tochter, die in jedem banalen Teller eine Wunderwelt entdeckte, und ihr Temperament wurden nicht gewürdigt, gefördert oder begrüßt, sondern eingedämmt, so gut es ging. Doch statt zu verkümmern, brach sich Noa Jordan seitwärts Bahn.
Die Welt der Jungen gefiel ihr besser als die angepassten Schulkameradinnen, also setzte sie sich an die Spitze ihrer Indianer-, Reit- und Schießspiele, wurde die rebellische Regisseurin wilder Geschichten. Zwanzig Jungs schossen nachmittags kreuz und quer durch Marbach, angeführt von Karin, die sich am nächsten Morgen wieder in den Unterricht quälte. Trotz des Gewimmels, das sie um sich herum veranstalten konnte, war sie ein tief einsames Kind ohne beste Freundin. „Mich hat niemand verstanden. Ich konnte zwar Regisseur sein, doch innerlich wurde ich nicht begleitet.“
Nach der 9. Klasse ging sie gegen den Willen der Eltern von der Schule. Ihre Mutter hatte die Familie verlassen, als ihre Tochter 12 war, also lebte Noa mit ihrem jüngeren Bruder eine Weile beim Vater, zog dann aber mit 16 aus in eine frühe Freiheit.
Irgendwelchen Jugendbewegungen schloss sie sich nicht an. „Die Punks, die die Anarchie feierten, waren doch nur egozentrische Spießer. Echte Anarchie bedeutet etwas anderes und achtet immer auch die Freiheit des anderen.“ Sie führte eine Motorradgang, faszinierte die Jungs, war selbst fasziniert von der „funktionalen Arbeitsmuskulatur“ eines großen, starken Glockengießers. Ihre große Jugendliebe war ein schwerst-Heroinabhängiger Dachdecker. „Der hat mich verstanden. Zum ersten Mal war mir jemand begegnet, der so weit raus konnte wie ich.“ Mit dürren Kopfmännern hatte sie weniger zu tun: Auch die folgenden Geliebten waren Handwerker: Schlosser und Zimmermann. Nebenbei absolvierte sie als Beste ihres Jahrgangs eine Porzellanmaler-Lehre und quälte sich auch wieder nur – mit winzigen Mustern, kleinteiliger Detailarbeit. Aber die Ausbildung ermöglichte ihr, schlussendlich doch noch Kunst zu studieren.
Mit 21 brachte sie ihre Tochter zur Welt, wurde nach dem Examen noch auf der Kunstakademie angenommen, und als sie 25 war, war der pragmatischen Hälfte ihres Ichs klar, dass sie auf Dauer Geld für zwei verdienen musste, denn auf einen Mann wollte sie sich nicht stützen. Wie brotlos ein freies Künstlerleben war, hatte sie allerdings abei Studienkollegen erlebt: „Sie bekommen Frau und Kinder und malen nur noch Sofa-Bilder, um alles zu finanzieren oder werden zu frustrierten Außenseitern.“
„Ich dachte, so mach ich das nicht.“ Sie wollte ein Atelier, echte Unabhängigkeit, und ein Teil der Gesellschaft sein. „Was wir Künstler haben, muss man einspeisen, es bleibt sonst Onanie.“
Mit zwei Freunden baute sie einen türkischen Gemüseladen in eine Kneipe um, tobte sich sowohl in der Gestaltung des Gastraumes als auch in ihrem Hinterzimmer-Atelier aus. Die Künstler-geführte, kleine Wirtschaft fiel auf und war von Anfang an voll.
Mit dieser stärkenden Erfahrung im Rücken beschloss Noa Jordan, einen Underground-Club im Waldhaus zu eröffnen, einem verfallenen Altbau am Rande Ludwigsburgs. Sie überredete ihren Vater, mit Geld zu helfen, trommelte Handwerker- und Künstlerfreunde zusammen und baute das Haus zu einer Diskothek, Konzertbühne und einem Biergarten aus. Der Mann, mit dem sie zusammenlebte, übernahm die kaufmännische Leitung, während sie ihre Ideen über 3600 qm ergoss. „Er war nach außen der König des Geschehens, und ich habe die Fäden gezogen.“
Regelmäßig dekorierte sie den kompletten Laden um, der quasi ein öffentliches Atelier war. Unter Konzepten wie „Buddhismus“ oder „Im Auge des Drachen“ lud sie auch andere Künstler ein, riesige Schneckenobjekte zu bauen oder ihre Kreativität an den großzügigen Wänden auszulassen, errichtete Installationen, riss nach zwei Jahren alles wieder ab. Die Bühne wurde zum Forum für Newcomer-Bands, sie veranstaltete Kurzfilm-Festivals. All das und ihre quirlige, mitreißende Anwesenheit bescherte ihr interessante Gäste, die wiederum andere nachzogen. Als sie den Laden nach zehn Jahren verkaufte, hatte sie 52 Mitarbeiter, und das Waldhaus brummte wie geschmiert.
Ihre Tochter war jetzt 17, sie selbst 39. Der Club wurde Noa Jordan zu eng, sie fühlte, dass diese Aufgabe für sie erledigt war. Das Geld aus dem Verkauf würde reichen, um die nächsten Jahre zu überleben. Der beste Nährboden, für das, was sie nun vorhatte, nämlich konsequent ihre künstlerische Arbeit voranzutreiben, um schließlich davon zu leben, schien ihr Berlin zu sein.
Das ist da, wo wir jetzt sind, in einer geräumigen Altbauwohnung im Prenzlauer Berg, die Noa Jordan mit ihrem Lebensgefährten, einem KFZ-Mechaniker, bewohnt. Zwei hohe Räume bilden das Atelier, in dem sie großformatige Collagen herstellt. Die Rosen an den Badezimmerwänden – früher zentimetergroß auf Porzellan gepinselt – haben einen Durchmesser von einem Meter. Der lange Flur, die Küche – alles ist mit kräftigen Figuren, Farben, Formen bedeckt, die die Frisch-Berlinerin weit überragen. Sie trägt eine weiße, farbbefleckte Hose, ist barfuß und ungeschminkt, führt durch die Räume, erklärt plastisch die Projekte, in denen sie sich zur Zeit ausprobiert. Wieder zieht sie Menschen an, genauer gesagt, aus: „Die Kunst ist eines der letzten Terrains, in denen man sich frei bewegen kann. Ich möchte eine Türklinke sein, die ihnen ermöglicht, Einblick in diesen unglaublichen Freiraum zu nehmen.“
An einem Nachmittag im Atelier lädt sie den Neugierigen ein, einen Regenschirm nachzuzeichnen, was die meisten so exakt wie möglich tun. Dann öffnet sie das Bewusstsein des Probanden. Er soll sich vorstellen, wie er den Schirm aufklappt, die Bespannung spüren, den Schutz, dass er kreiseln kann und wie Wasser an ihm abperlt. „Nun kommen ganz andere Bilder zustande, zehntausend Mal schirmiger.“ Später bittet sie den Menschen, sich auszuziehen und auf die Leinwand zu legen. Mit weißer Kreide auf weißem Grund soll er seinen Körperumriss nachzeichnen. Die Form bestäubt sie mit neongelben Farbpigmenten, ölt den Menschen ein. Nun soll er sich auf seiner ideellen Silhouette niederlassen. Der Abdruck seines echten Körpers verschwimmt mit der darunter liegenden Zeichnung zu einem wirklich-unwirklichen, lebensgroßen Portrait.
Eine Ausstellung hat Noa Jordan in der Hauptstadt noch nicht gehabt, aber in der Neuköllner Oper wurde ihr Leben auf der Bühne nachgespielt. Unter dem Titel Create your life! hatte das Musiktheater nach vier Lebensgeschichten gesucht, diese vertont und in Szene gesetzt. „Sie wollten dasselbe wie ich, suchten den interaktiven Prozess“, glaubte Noa Jordan zu erkennen, meldete sich und wurde unter Tausenden ausgewählt.
Den Eindruck, es ginge ihr um reine Selbstdarstellung, will sie vermeiden. Kunst soll sich selbst tragen, findet sie. „Gesetzt den Fall, ich hätte einen Namen, dann wäre es kein Problem, Sponsoren zu finden.“ Für eine Rauminstallation, die ihr zum Beispiel vorschwebt, braucht sie 30.000 Euro. Und der Sponsor, den sie ins Auge gefasst hat, ist nicht von ungefähr ein Schraubenhersteller. Er sollte sich schon mal warm anziehen, denn Noa Jordan kann in glühenden Farben beschreiben, was sie selbst und ihr Schaffen mit Werkstätten und Schraubenschachtel-Etiketten verbindet.
Und was ist aus der Einsamkeit geworden?
Noa Jordan stutzt. „Erstens“, sagt sie dann, „ist sie mir inzwischen egal, und ich weiß, dass ich viel Zeit für mich brauche. Zweitens habe ich in Berlin eine beste Freundin gefunden, mit der ich mich wirklich verstehe.“
Wir beenden die Geschichte in schwäbischer Kürze: „Wird schon“, sagt Noa Jordan, und es erscheint einem nicht abwegig.

|