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Glosse: MutterglückA-lles nur ein Missverständnis
von Verena Schmitt-Roschmann
Jüngst hatte ich Anlass zu sinnieren, für welchen Fall der Verkehrs-Knigge eigentlich das Wort “Arschloch” bereit hält. Ich hatte nicht etwa den Alfa vom Nachbarn geschrammt und die Fahrerflucht ergriffen. Ich hatte auch nicht mit 130 einen SEL auf der linken Spur ausgebremst, oder eine handtaschenbeschwerte alte Dame beim Linksabbiegen geschnitten.
Es war einfach so: Der Typ, der mir auf dem Radweg entgegenkam, hatte am Tag vorher seine Frau verlassen, nachdem er kurz vor seinem 47. Geburtstag im Spiegel festgestellt hatte, dass sich auf Nabelhöhe etwas wölbte. Er hatte eine Rennmaschine für 3.423 Euro erworben und ein neonfarbenes Lance-Armstrong-Trikot. Das Lance-Amstrong-Trikot ließ ihn den Rettungsring nur umso deutlicher spüren. Es drückte und zwickte. Der Umzug musste auch noch organisiert werden und die Frau wollte Alimente. Auch war er sich nicht schlüssig, ob er Anspruch auf die Labrador-Hündin erheben sollte und trauerte den 10.000 Euro für die neue Küche nach, die er nun in der Wohnung in Lichterfelde-West zurücklassen musste.
Und da war ich.
In falscher Richtung auf einem einmeterfünfzig-breiten Fahrradweg.
Es war einfach zuviel.
“Arschloch.”
Ich war ehrlich empört über so viel Kleinmut, und den Rest des Heimwegs legte ich mir Ausreden zurecht, warum ich in falscher Richtung fahren musste, und böse Flüche – aber eben nicht ganz so böse – für den Fall, dass ich den Lebenskrisenbewälter am nächsten Abend wiedertreffen würde. Ich fahre nämlich immer in falscher Richtung. Allerdings immer mit dem Ausdruck größten Bedauerns und Zerknirschtheit für den Fall, dass mir ein Richtigfahrer entgegenkommen sollte, was aber wirklich vergleichsweise selten vorkommt, und die meisten sind ja auch sehr nett.
Die ganze Krisenbewältigung zwischen vierzig und fünfzig geht mir mächtig auf die Nerven, die Männer, die sich einbilden, mit jungen Frauen sind auch sie nur noch halb so schrumpelig oder die Frauen, die nach 13 Jahren zuhause mit den Kindern implodieren und ihren verdutzten Männern mit Hass entgegenschleudern, sie seien noch nie glücklich gewesen.
Zugegeben, das ist nicht originell, das ist ziemlich alt. Aber drei Monate vor dem Vierzigsten ist das echt ein Thema, ein Angstthema. Ich versuche jedenfalls, meinem Mann anzudeuten, dass Rettungsringe auch sehr sexy sein können, schon mal vorbeugend, denn sie sind wirklich sehr, sehr, sehr dezent. Aber er guckt schon immer mal so, wenn er sich im Spiegel sieht.
Trotzdem wäre dieses tiefgreifende Erlebnis vom Radweg vermutlich verblasst, hätte ich nicht vor ein paar Tagen das A-Wort wieder gehört. Diesmal kam es aus dem zarten Mündchen meiner liebreizenden dreieinhalbjährigen Tochter, und zwar hinter der angelehnten Tür aus dem Kinderzimmer, gepaart mit anderen geflüsterten Tabubrüchen wie „Kackwurst“ und „kickikacki“, gefolgt von hysterischem Gekicher. Ganz anders als bei dem alternden Radrambo fand ich das geradezu knuddelig, irgendwie süß und berechenbar, Anfangspunkt eines Reifeprozesses, der erst mit der midlife crisis endet. Selbstverständlich schritt ich mit Mahnungen ein. “Hallo, was war denn das? Das will ich aus deinem Mund nicht mehr hören, süße Maus.” Aber irgendwie war doch alles halb so schlimm.
Das dachte ich jedenfalls. Bis am Tag drauf, es war das übliche Zubettgehgezacker mit ewigem Umgeziehe und den stundenlangen Ermahnungen, die Zähne zu putzen und die ausgezogenen Kleider einigermaßen ordentlich hinzulegen und jetzt nicht mehr im Kinderzimmer Fußball zu spielen und auch das Schlafanzugoberteil nicht mehr gegen die Lampe zu werfen, es war das übliche Gemaule ermüdeter Kinder über das Gemaule ihrer ermüdeten Eltern, als ich das grauenhafte Delikt entdeckte. Im Bad hatte ein mit Zahnpasta beschmierter Finger ein großes “A..R..” auf den Spiegel geschrieben. Weiter war er nicht gekommen. Aber der Schock saß tief.
Ich rief meinen nun endlich gebetteten fünfjährigen Sohn herbei wie die Gouvernante und fragte: Was ist das? So richtig streng, es war ein bisschen wie in einem englischen Internatsfilm. Aber tatsächlich huschte in dem Moment eine Bilderreihe über meinen Spiegel, mein Kind, mein süßes, kleines Baby, mein halbstarker, kleiner Fünfjähriger auf dem Weg in die Jugendvollzugsanstalt. Noch nicht eingeschult, aber schon auf dem Weg zum Graffiti-Intensivtäter. Was soll das? fragte ich nochmals, schneidend. Du spinnst wohl.
Da fing er an zu weinen.
“Ich... ich...”, schluchzte er. “Ich..., ich..., ich... wollte doch nur Spaß haben.”
Ich bin mir ziemlich sicher, dass er meinte, er wollte sich einen Spaß erlauben.
Jedenfalls ließ mich dieses echte Erschrecken, diese Arg- und Ahnungslosigkeit, gepaart mit Tränen, dann doch wieder Hoffnung für seinen weiteren Lebensweg schöpfen.
Verschmierte Spiegel, das soll schon mal vorgekommen sein.
Wahrscheinlich wollte er schreiben “A..R..THUR”, der heldenhafte Ritter. Oder “A..R..BEITSLOSENGELD II”.
Mein Mann, und der muss es wissen, denn er hat den Spiegel geputzt, hat mich inzwischen übrigens aufgeklärt:
“M..A..R.. sollte das werden, Martha, der Name seiner Schwester. Der Spiegel war leider nicht groß genug.”
Es wird erst noch viel schlimmer werden, bevor es besser wird.
Verena Schmitt-Roschmann ist Journalistin in einer Presse-Agentur und Mutter von drei kleinen Kindern.
Lesen Sie hier die Kolumne Knochen in Rom von Hanspeter Bundi

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