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Mutterglück:
Nicht vorschriftsmäßig

”Na toll. Es liegt an mir. Heilung nicht lehrbuchgemäß. Kind und Mami schuld.”

Kolumne von Verena Schmitt-Roschmann
Illustrationen von Elisabeth Dötzer

 

Nur hundertvierundzwanzig Zentimeter. Aber jede Muskelfaser gespannt, der ganze kleine Kerl erstarrt in Angst und Abwehr.
Ich will ihm nichts Böses.
Ich sage: „Ich will dir nichts Böses.“
Aber es muss sein, ehrlich.
„Der Doktor hat gesagt, du musst baden, damit deine Wunde heile wird. Du musst. Sonst musst du ins Krankenhaus. Ich will nicht, dass du ins Krankenhaus musst. Komm, setz dich in die Badewanne.“
Aber mein Kind ist steif wie ein Stock, wie eine Eisenstange, unzerbrechlich. Unknickbar. Es gibt kein Gelenk, kein Scharnier mehr in diesem kleinen Körper.
„Nein, nein, nein, nein, nein.“
Noch lauter. „NEINNEINNEIN.“
Aus vollem Halse. „NEIIIIN.“
Es ist ein panisches Schreien, ein hoffnungsloses, zielloses Brüllen aus dem letzten Seelenwinkel. Wie ein Folteropfer. Wie ein Bürgerkriegssoldat 1863, dem bei vollem Bewusstsein das Bein amputiert werden soll.
Ich hätte gehofft, mein Kind nie so schreien zu hören.
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Der Arzt hat gesagt: „Oh ja, ich sehe schon, er leidet, unser Kleiner. Naja.“
Er hat immer ein kleines Augenzwinkern. Die Kinder lieben ihn. Er hat eine ganze Galerie von selbstgemalten Dankeschönbildern. „Vielen Dank für die wunderbare Betreuung!“ „Sie sind der beste Arzt auf der ganzen Welt.“ Er hat die ganze Wand voll. Nur mein Sohn leidet Höllenqualen, wenn er zu ihm muss. Bei ihm brüllt er auch.
Den Eingriff, sagt der Arzt, den macht er mindestens zweimal am Tag. Die halbe Menschheit scheint an einer verengten Vorhaut zu leiden.
Drei Tage wird ihr Sohn Ruhe halten müssen, sagte der Arzt vor der Operation, dann darf er wieder in den Kindergarten, nur keinen Sport machen, zwei Wochen lang.
Jetzt sind fast zwei Wochen vergangen. Der Gedanke an Kindergarten oder Sport ist absurd. Mein Sohn bewegt sich in Zeitlupe.  Die meiste Zeit liegt er. Er trägt keine Hose. Wenn er zum Arzt muss, trägt er einen offenen Bademantel. Seine Wunde ist verschorft, sie nässt, sie ist eklig. Wenn sie mit Stoff in Berührung kommt, geht ein Stück Schorf ab und das Geschrei wieder los.

Mein Sohn ist ein Wirbelwind. Mit eineinhalb erstaunte er eine Kindergartenleiterin mit ungeahnten Kletterkunststücken. Die Nachbarn unter uns, zum Glück sehr friedfertige Menschen, benannten ihn um nach Pavo Nuurmi, dem finnischen Langstreckenläufer,  weil er keine Minute still sitzen konnte. Mit dreieinhalb konnte er Fahrrad fahren. Beim Fußballspielen schmeißt er sich zu Boden wie ein Mini-Lehmann, ohne Rücksicht auf Gesundheit oder Leben.

Mein Sohn ist regungslos. Er isst nicht, er trinkt nur Milch. Wenn er den endlosen Schneckengang vom Kinderzimmer ins Bad und zurück hinter sich hat, ruht er sich zwei Stunden aus. Es ist grauenhaft. Ich kann selbst kaum noch essen. Zwei Wochen ist nicht lang. Aber ich habe die schreckliche Vision, dass jetzt alles immer so bleibt, dass nichts wieder gut wird. Ein kerngesunder Fünfjähriger als Opfer der medizinischen Norm. Ich werde verrückt. Ich bin müde. Ich tänzele um mein Kind, für jeden seiner gletscherartigen Schritte mache ich fünf, oder zehn, hin und zurück, sonst halte ich die Spannung nicht aus.
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Es fing an mit der Narkose. Sie dauert eigentlich nach der Operation nur eine halbe Stunde. Nach zwei Stunden sind die meisten Kinder wieder zu Hause. Doch mein Sohn wachte erst nach drei Stunden auf. Nach einer halben Stunde nahm die Schwester die Sauerstoffzufuhr ab, weil sie dachte, er atme jetzt regelmäßig genug. Doch auf dem Gerät neben dem Aufwachbett sah ich die Ziffern sacken, bis der Alarm anschlug: Sauerstoffkonzentration zu niedrig, Maske wieder her. Das ging dreimal so. Zwischendurch spuckte mein Kind den Beißschutz aus und hustete klebrigen Schleim. Dann schlief er weiter. Ärzte trugen andere reglose Kinder auf dem Arm aus dem OP zu ihren Bettchen. Die Eltern kamen in blauen OP-Mänteln. Die Kinder wachten auf. Die Eltern nahmen sie mit. Doch ich saß und saß in dem heißen, stickigen Raum und spürte Übelkeit und Kopfschmerz sich ausbreiten wie eine Infusion.
Schließlich war der Kleine wach. Aber nicht schmerzfrei, wie es im Faltblatt hieß, sondern schon jetzt gestresst, überwältigt, gekrümmt, geknickt. Er hatte 39,7  Fieber. Er sah seine Wunde. Er schrie vor Schmerzen.

Der Arzt nennt meinen Sohn einen Gewinnler. „Er nutzt die Situation aus.“ Er nutzt die Tatsache, dass ich verunsichert bin, dass ich Angst um ihn habe. Er lässt sich betütteln.
Außerdem hilft er nicht mit, sagt der Arzt. „Er ist sehr vorsichtig.“ Wenn er nur die Kamillebäder machen würde, wenn er sich nur die gelbe Desinfektionslösung auf den Verband träufeln ließe, dann wäre alles schon viel besser verheilt.
Mein Sohn ist selbst schuld. Dass nicht alles glatt geht wie im Faltblatt, wie in 85 Prozent der Fälle.
„Ja“, sage ich. „Das ist nicht ausgeschlossen. Aber irgendwie hilft mir das nicht weiter.“
Ich habe alles versucht. Ich habe überredet, Verständnis gezeigt, gescholten, Geschenke versprochen, geflucht, selbst geschrien, ihn in die Badewanne gedrückt. Ich habe gesagt: „Es tut gar nicht so weh. Du hast nur Angst. Lass los, vergiss die Angst, versuch‘ es einfach.“  Aber nichts half. Und natürlich war ich nicht sicher, wie weh es tut. Ich weiß nur, dass die Hysterie echt war, diese unbändige Angst.
„Ich bin ratlos“, sage ich zum Arzt.
„Sie müssen sich gegenüber ihrem Kind besser durchsetzen“, sagt er.
Na toll. Es liegt an mir. Heilung nicht lehrbuchgemäß. Kind und Mami schuld.
„Wenn Sie das nicht hinkriegen, bleibt nur noch die Einweisung ins Krankenhaus“, warnt der Arzt.
Ich weiß nicht, warum mir das vorkommt wie eine Strafandrohung. Vielleicht ist dieser ganze ambulante Quatsch nur ein irriger Trend, vielleicht sollte man Profis heranlassen, wenn es kritisch wird. Warum sind eigentlich Mamis als medizinisches Fachpersonal vorgesehen? Aber nein, die Drohung wirkt. Nun wird gebadet. Gleich, wenn wir zu Hause sind. Zweimal am Tag, dann wird es schon besser werden.

Am Ende, nach zehn Minuten Überredung, und kein Weg führt ins Kamillebad, schütte ich meinem Sohn den Tee von oben über die Wunde. Er brüllt, wie von Sinnen. Doch der Bann ist gebrochen. Endlich, endlich, kann er sich in die lauwarme Brühe setzen. Ich setze mich auf den blauen Kinderhocker neben die Badewanne und schließe die Augen.

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  • Verena Schmitt-Roschmann ist Journalistin und Mutter von 3 Kindern.
  • Elisabeth Dötzer hat Kommunikations-Design studiert. Die Illustrationen sind Teil ihres Buchprojektes “Liebling”, das 2004 entstand. elisabethdoetzer@web.de

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