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Frühülings-Libido Die wollen wir doch bestimmt fachmedizinisch erklärt haben.
von Maria Fangerau
Vorbei die dumpfe Schläfrigkeit des Winters. Die ersten Sonnenstrahlen schneiden kleine Löcher in das Grau der Tage und ziehen an unsichtbaren Fäden zögerndes Grün aus dem Boden, den Zweigen und Mauerritzen.
Der Frühling ist, betrachtet man das Jahr als zyklisches Geschehen, die präovulatorische Phase der Natur: Die Säfte steigen in den Gehölzen gleich dem Östrogen im Körper einer Frau, um mit dem penetranten Pink des Praecox, geilen Gelb von Forsythien und wollüstigen Weidengrün in einem universellen Eisprung aufzubrechen.
Vergangen die prämenstruelle Herbstdepression und die langen dunklen Winterabende, die mit Wärmflasche auf dem Bauch dem Sofa gehörten. Im Zyklus der Jahreszeiten ist der Frühling ein fruchtbares Wunderkind. Alles scheint möglich. Eine Zeit voller Versprechen und Erwartungen, voll Möglichkeiten und Spannung liegt vor uns und man fragt sich mit einem Kribbeln unter der Haut: Was wird als Nächstes passieren? Oder auch: Wann wird es das nächste Mal passieren? Denn die Libido ist erwacht.
Man sieht sie quasi vor sich, die beiden weißen Kaninchen, wie sie sich auf einem Teppich moosigen Rasens begeistert begatten. Und es erscheint weder anrüchig noch obszön, sondern folgerichtig, dass sie dies im Dunstkreis des Osterfestes tun. Warum wohl wären die Karnickel zum Osterhasen mutiert und brächten viele bunte kleine Eierchen, wenn nicht, um der Fruchtbarkeit der Erde zu huldigen, ein zugegebenermaßen recht heidnisches, aber durchaus anregendes Ritual.
| Frühlingvon Pierre Uhlen, dem notorischen Frauenheld aus der letzten Ausgabe Ein Mann hat sich in sie verschossen,sie eher mäßig, doch entschlossen,ein Kompromiss, man braucht ihn halt,denn draußen war es bitter kalt. Es war die Zeit der warmen Daunen,einmal waren sie gar saunen,ein Kerl von ordentlichem Wuchsund reichlich in der langen Buchs. So wurden lange Nächte heller,die Tage liefen immer schneller,doch eines Morgens war er weg,mitsamt sei’m köstlichen Besteck. Sie weinte Tränen in ihr Kissen,und fühlte sich halt recht beschissen,doch wärmend ging die Sonne auf,das Leben nimmt halt seinen Lauf. Die Frau beschließt das schnelle Handeln,ermächtigt sich selbst anzubandeln,holt sich statt eines richt’gen Mannes,ein Jüngelchen und sein Johannes. Da liegt sie nun im Frühlingslicht,beguckt den Body, ein Gedicht,ein letzter Blick auf sein Geschlecht,Nun war sie Frau, nun war sie echt. |
Stellt sich nur- mal wieder – das Problem, dass Männer und Frauen eine sehr unterschiedliche Sexualität haben. Während die Männer sich oftmals in zielgerichteter Praxis um den Vollzug wöchentlich getakteten Geschlechtsverkehrs bemühen, lieben wir Frauen das Spielerische an der Sache, den Flirt, die Erotik. Der Frühling ist unsere Jahreszeit.
Genussvoll legt sich die ein oder andere ins Solarium, genießt die allmählich sich dunkler tönenden Hautschichten, das fieberhafte Warten auf den magischen Moment, in dem die Hüllen fallen und man endlich wieder Bein zeigen kann, rote Zehennägel in Sandaletten und später, tatsächlich, die freie Schulter. Der Frühling als Vorspiel des Sommers. Und wir Frauen stehen halt aufs Vorspiel.
Während die zurück gekehrten Vögel wieder singen und die Bienen summen, können wir die Augen in der sanften Frühlingssonne schließen und unseren Fantasien nachhängen. Schämen wir uns nicht dieser lüsternen Gedanken, sondern deuten sie als Ausdruck eines vor Begehren geschwollenen Geistes. Denn ja, das wichtigste Organ beim Orgasmus der Frau ist ihr Gehirn. In komplexen Schaltkreisen sind unsere so genannten primären und sekundären Geschlechtsorgane an Gedanken und Gefühle gekoppelt. Doch der Schalter ist gar nicht so schwer zu bedienen. Vor allem nicht, wenn die ganze Welt vor Lust erbebt.
Bei manchen Frauen steigt die Lust auf Sex mit dem Ehegatten im selben Moment, in dem er sich anbietet, den Mülleimer runter zu tragen. Bei anderen tut es das mitgebrachte Sushi, und wieder andere brauchen einfach nur eine liebevolle Nackenmassage oder ein offenes Wort. Die Welt ist voll von persönlichen Aphrodisiaka.
 Die größte Leidenschaft zeigen wir Frauen allerdings, wenn die Hormone ihren Höhepunkt erreicht haben, kurz vor dem Eisprung. Leider, so beklagen sich häufig die Männer, hält dieser notgeile Zustand meist nur ein, zwei Tage an. Der Frühling hingegen, die sinnlich spürbar gewordene Metapher sexuellen Erwachens, erstreckt sich über drei Monate. 92 Tage des Begehrens und der Balz. Im Tierreich lässt es auch kaum eine Art darauf ankommen, die fruchtbare Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen. Pfaue prahlen mit schillerndem Fächer, Feldlärchenmännchen vollführen halsbrecherische Schauflüge, andere trällern und zwitschern helle Liebesweisen. Die Frösche hingegen quaken um die Wette, nur der ausdauerndste Bewerber kann sein Weibchen erregen.
Wenn Ihr Partner also fragt, was man am Wochenende unternehmen solle, rate ich dringend zu einem langen Spaziergang in freier Natur. Lassen Sie sich inspirieren von der drallen Farbigkeit und dem verführerischen Duft des Frühlings. Fühlen Sie die Säfte steigen und werfen Sie ihren Zykluskalender in den Müll. Und wundern Sie sich nicht, wenn der Geliebte plötzlich an Ihrem Ohrläppchen knabbert und träumerisch zwitschert: Veronica, der Spargel wächst.
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Maria Fangerau ist Fachärztin für Frauenheilkunde, Ärztin für Naturheilverfahren und Autorin. Ihr erster Roman ”Göttin in Weiß” erschien im Herbst 2005 im Iatros-Verlag. Der nächste Roman ist in Arbeit.
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