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Kidnapping beim Optiker

Wer eine Fielmann-Filiale betritt, dem kann es passieren, dass er in die “Großen Fielmann-Leistungen” eingewickelt wird, bis er sich nicht mehr befreien kann.

 

von Gabriele Bärtels

7-optiker1Fehlsichtige sind für Optiker gute und meist treue Kunden, denn sie benötigen Brillenetuis, neue Kontaktlinsen, immer stärkere Gläser. Als in der Nähe eine Fielmann-Filiale eröffnete, bemerkte ich dies erfreut, weil die Wege jetzt nicht mehr so weit sind.

Bei meinem ersten Einkauf dort glaubte ich, zufällig einen blöden Verkäufer erwischt zu haben. Den bat ich nämlich um mein Kontaktlinsen-Mittel, und anstatt einfach hinter sich zu greifen, es auf den Tresen zu stellen, mein Geld zu nehmen, freundlich zu danken, und mich für meine weiteren Alltagstätigkeiten wieder freizugeben, begann er, von einer Null-Tarif-Brillenversicherung zu schwärmen und lächelte dabei unangemessen entzückt.

Ich sagte höflich: „Kein Interesse“, hätte ihm gern einen schönen Tag gewünscht, doch er gab mir mein Wechselgeld nicht zurück, sondern fuhr unbeirrt fort, alle erdenklichen Fielmann-Vorzüge herunterzurattern, heftete dabei einen Blick auf mich, der mich vermuten ließ, dass er mich gar nicht sah.

7-optikerEin zweites Mal sprach ich etwas lauter: „Ich möchte keine Versicherung!“, doch ich schien kein Stimmrecht zu haben, oder man hatte ihn nicht mit Ohren ausgestattet, jedenfalls nahm er mich nicht ernst.

Da ein Mensch mit Manieren gewisse Hemmungen hat, unterdrückte ich meinen Ärger, bat allerdings entschlossen um mein Wechselgeld, was mir selber peinlich war. Mit extra-langsamen Bewegungen fingerte er es aus der Kasse und verfolgte mich noch bis zur Tür mit seinem Nulltarif. Draußen dachte ich, ich wäre knapp einem Kidnapping entkommen und fühlte mich zerschossen.

Bei meinem zweiten Einkauf stand eine scheinbar nette Dame hinter dem Tresen. Ich hätte gern mit ihr über das Wetter geplaudert, doch kaum hatte ich meinen Wunsch geäußert, warf sie augenblicklich ein Lasso über den Tresen, verwickelte mich in dieselben Nulltarifversicherungen, All-in-one-Lösungen, fesselte mich in Proteintabletten, Niedrigpreisgarantien, bis mir jede freundliche Anwandlung abhanden kam.

Es dauerte zehn Minuten, bis ich mich entwinden und das Weite suchen konnte. Es gelang mir nur, weil ich gegen meinen Willen den Prospekt mit den „Fielmann-Leistungen“ ans Herz drückte, den ich draußen im Mülleimer entsorgte. Langsam fragte ich mich, wie viele weniger willensstarke Fehlsichtige im Hinterzimmer der Filiale gefesselt Vorträgen über Nulltarif-Versicherungen lauschten und darüber ihren Bus verpassten oder ihr Garten zuwucherte.

7-optiker2Mancher wird aus Schaden nicht klug, also ging ich ein drittes Mal hin, um mir eine Brille machen zu lassen. Anstatt die Auswahl des Gestells und der Gläser zügig voranzutreiben, faltete die junge Optikerin die Hände und betete zehn große Fielmann-Eigenschaften achtmal herunter, während ich sie verzweifelt ansah und krächzte: „Ich will doch nur eine Brille.“ Aber durch ihr Maskenlächeln konnte sie wohl nicht erkennen, dass vor ihr kein Hund, kein Schaf saß, auch keine dumme Kuh. Immer wieder sah sie beglückt von den Formularen auf und pries ihre Leistungen in einem seltsam mechanischen, gnadenlos freundlichen Ton.

7-optiker4Um endlich an meine Brille und aus dem Laden zu kommen, wäre ich beinahe auf alles eingegangen: Hätte eine Nulltarif-Versicherung abgeschlossen, wäre stundenlang durch andere Geschäfte gelaufen, um mich zu versichern, dass es hier billiger war, hätte täglich eine kostenlose Augenprüfung vornehmen lassen und mich an 2000 Brillenmodellen erfreut. Nur, weil die Optikerin kurz abgelenkt war, konnte ich flüchten, erreichte die Straße mit wildem Herzschlag.

Ich kann mir das nicht anders erklären, als dass Fielmann sein Verkaufspersonal abends ausschaltet, mit einem Staubschutz überzieht und morgens mit frischer Software füttert.

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