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Henry sucht seine Mutti und findet nur Publikum

 

Portrait von Elisabeth Ligensa

 

7-henry1Wüsste man seinen richtigen Namen, so ließe sich leicht einiges über ihn herauskriegen – er hat bei Google 15.000 Hits und es wären weit mehr, wenn das Internet zu seinen besten Zeiten schon weit verbreitet gewesen wäre.

Henry ist also eine mittlere Prominenz: Sachbuchautor, Politiker, Verbandsvorsitzender, Präsident, Initiator, Vordenker, Provokateur, enfant terrible mit bürgerlichem Background, Achtundsechziger-Historie und drei abgeschlossenen Studien. Seine Intelligenz lässt nichts zu wünschen übrig, auch er ist ein rhetorisches Ass mit priesterlichem Unterton, ein Charismatiker sogar, wenn alle Parameter stimmen. Leider spielt er nicht die ganz große Rolle, in der er sich immer gesehen hat, steht jedoch mit Mitte Fünfzig ganz gut da, hält sich gerade, sieht nicht schlecht aus, wird interviewt, tritt gelegentlich im Fernsehen auf, hat eine Fangemeinde und Feinde, die ihn für einen Populisten halten, was er mit Trotz quittiert. Einem Mann, der die Guten vertritt, kann man nicht ernsthaft ans Bein pinkeln.

Nur eins fehlt ihm schmerzlich, und das ist die Liebe. Deswegen ist er in Therapie. Er betreibt diese schon lange Jahre mit wechselnden Therapeuten, meistens ist es eine Frau. Die musste ihn erst recht begleiten, als seine Ehe in die Brüche ging, die er eigentlich nie richtig geführt hatte, denn die Frau war nach sechs Wochen aus der neuen Wohnung wieder ausgezogen, die zu groß für ihn allein war. Sie blieben zehn Jahre ein Paar – vor den Freunden, für den Urlaub und offizielle Anlässe, doch es war nur ein Fassaden-Paar, denn sie schlief nicht mit ihm, und er suchte sich Geliebte, mit denen er über sie reden konnte und über sich. Eigentlich hatte auch die Ehe hauptsächlich aus Beziehungsgesprächen bestanden, seine Frau war Psychologin.

Henry Wohnung ist rein zweckmäßig eingerichtet, Dekoration und Gestaltungswille fehlen völlig. Alles, alles, was ein Zuhause ausmacht, hatte sie. Und er kam nicht dran. Und ließ auch nicht ab.

Henry weiß selbst, dass es um Abhängigkeit, nicht um Liebe geht und gibt sich schon sein ganzes Leben lang Mühe, trotzdem zu tun, als ginge es um Liebe. So stellte er seiner Frau noch nach, als sie ihm längst gesagt hatte, dass sie die Scheidung wünsche, einen anderen Mann habe, und wer genau dies war. Henry beobachtete beide durch das Fenster, aus dem Auto. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern mehrere Jahre lang, auch nachts.

7-henryEr erzählt solche Sachen in einem weinerlichen Kinderton, gemischt mit einem Hauch Schuldbewusstsein, denn er ist ja nicht dumm. Dass er Lust an dem Leiden hat, das er da zelebriert, würde er abstreiten. Dass es um nackte Aufmerksamkeit geht, egal wie und welche, wüsste er nicht. Er muss so handeln wegen der Sehnsucht. Das hinderte ihn aber nicht daran, parallel im Internet und anderswo nach Ersatz zu suchen. Dass der Name seiner Ex immer noch am Türschild steht, kommentiert er nicht.

Praktisch jede (kinderlose!) Frau, die ihm näher kommt, wird sogleich in seine Liebes-Problematik einbezogen. Zuerst führt er ihr seine Charmanz vor, sein beinahe weibliches Einfühlungsvermögen, schnurrt und gurrt mit tiefer, väterlicher Stimme, dann klebt er seine Augen an ihr fest, versucht so etwas wie einen leidenschaftlichen Blick, und weil er, siehe oben, 15.000 Hits in Google hat, sind die Frauen geschmeichelt, und der falsche Ton entgeht ihnen zunächst, besonders dann, wenn es sich um einsame, mittelalterliche Frauen handelt. Henry gibt ihnen das Gefühl, nicht nur im Zentrum seiner Aufmerksamkeit zu stehen, sondern sein ganzes Universum zu sein. Das könnte eine Frau sehr beglückend finden, doch auf die Dauer wirkt es eher erdrückend und wenig attraktiv. Denn dieser jungenhafte Kerl, der ein tausendgesichtiges Publikum mühelos emotionalisieren kann, verwandelt sich angesichts holder Weiblichkeit augenblicklich in ein jämmerliches Jüngelchen.

Anstatt sie zu amüsieren, um sie zu werben, sie ein männliches Begehren spüren zu lassen oder in eine spannende Unterhaltung zu verwickeln, macht Henry bekümmerte Dackelfalten, die von fern, aus einer Zuschauerreihe gesehen, ihre Wirkung haben mögen, aus der Nähe aber deutlich geschauspielert sind. Und er legt ihr offen dar, was die große Tragik seines Lebens ist – nämlich dass er gar nichts bewirken kann ohne eine, die sein Zuhause, seine Wiege, seine Windel, seine Brust ist. In Wahrheit sei er noch für sehr viel Größeres bestimmt, als er erreicht habe, doch ohne SIE ginge es nicht. Das soll die Frau nun elektrisieren.

7-henry2Für ihre Ziele, Träume, Wünsche interessiert er sich nur pflichtgemäß. Das merkt sie daran, dass er keine Nachfragen stellt und sie das seltsame Gefühl hat, gegen eine Glaswand zu reden, wenn sie von sich erzählt. Diese verschwindet sofort, sobald Henry wieder Thema ist. Er sucht also nach Mutti, denn welche andere erwachsene Frau soll soviel Selbstaufgabe auf Dauer leisten?

Die Scheidung hat er nun hinter sich und gleichzeitig eine neue Therapie angefangen. Er macht sich vor, durch die Sitzungen würde seine Probleme eines Tages gelöst, tatsächlich kann er ihnen nur dort frönen, denn nirgends auf der Welt – abgesehen in Zuschauerrängen - findet sich sonst noch wer, der sich ausschließlich mit ihm beschäftigt und dabei selbst im Hintergrund bleibt.

Leutselig kann Henry sein und äußerst mitfühlend, aber es ist alles Firniss, nichts Ölbild. Er muss sich sichtlich anstrengen dafür, und in der Frau wächst das irritierende Gefühl, von ihm überhaupt nicht wahrgenommen zu werden, was immer er auch beteuert. Er kompensiert dieses totale Desinteresse mit romantischen Kuh-Augenblicken, die männliches Verlangen sichtbar machen sollen, mit affektierter Verzückung und zu dick aufgetragener Beschützerpose. Darunter lauert bleierne Depression. Er meint, erotische Signale zu senden, doch es kommt nur Klebrigkeit an.

7-henry3Henry hat keine Vorstellung vom Wesen der Frau, die für ihn in Frage käme, kann sich gar nicht so weit zurücklehnen, um dies zu prüfen. Viel lieber beugt er sich vor, greift gleich nach ihrer Hand, um ihr sein ganzes Unglück zu offenbaren. Seine Leichtigkeit, Lustigkeit, Heiterkeit – alles gespielt. Sein zitterndes Kinn, seine roten, tränenglitzernden Augen, wenn er zeigen will, wie tief tief verloren er ist, wie sehr sehr er sie braucht – reines Schmierentheater. Er presst die Kiefern knirrschend aufeinander, als müsse er sich schwer beherrschen, nicht in laute Klage auszubrechen. Er glaubt, dass eine Frau angesichts solcher Not zerfließen müsse, doch die meisten sind einfach peinlich berührt ob solcher Schwächlingsvorführungen.

7-henry3-copyUnd so erzählt Henry es dann auch: Dass er auf einem Kongress eine angesprochen habe, es sei sofort Liebe gewesen, doch nach vier Tagen habe sie ihm mitgeteilt, er sei zu unsicher für sie. Mit der anderen, die er im Zug ansprach, hätte dieses spontane Liebesglück drei Wochen angehalten, doch auch die habe sich abrupt zurückgezogen. Er verstünde nicht, wieso. Er wolle doch nur, was alle wollen – ein bisschen Liebe. Beide Frauen gewinnen in seiner Erzählung keine Kontur.

Und dann wird er wieder auf ein öffentliches Podium geladen, weil keiner so schön die Herzen anfeuern kann wie er. Die Sache, die er da seit Jahren leidenschaftlich vertritt, ist nur Vehikel, das gibt er im engsten privaten Kreis zu. Hauptsache, er wird beklatscht und bejubelt, kritisiert und verteufelt, irgendwie beachtet. Wie von Mutti eben. Und das wäre es auch, was sie an ihm hätte: Dass etwas von seinem Glanz auf sie abfällt, je mehr sie sich kümmert, desto mehr. Bis Henry so eine gefunden hat, muss das Publikum zum Überleben reichen.

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