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Kommentar von Maria Fangerau
Es raschelt im Blätterwald. Die Seiten von Büchern mit Titeln wie „Methusalemkomplott“ und „Minimum“ werden hektisch umgeblättert, zerreißen in den angstvoll zitternden Fingern der Politiker und Gesellschaftsanalysten, deren Stirnen sich furchen und deren Nächte von Alpträumen bevölkert sind.
Und Schuld sind mal wieder wir, die Frauen.
Bin nicht Metaller, nicht Arzt noch Student und dennoch wird mir ein Streik angehängt.
Gebärstreik – wie lächerlich. Warum sollten wir streiken wollen. Wogegen oder wofür?
Der Eisprung, das kommende Wahlkampfthema.
Ist es denn allgemein so unbekannt, dass der Körper einer Frau nur einmal im Monat und dann gerade mal 48 Stunden lang befruchtungsfähig ist? Aus politischer Sicht eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen! Kein Wunder, läuft er doch stets automatisch ab, ohne Rücksicht auf eine aussichtsreiche Situation. Bären, Marder, Spitzmäuse und Kaninchen beherrschen da einen ungemein effektiven Spartrick: erst nach erfolgreicher Paarung wird das Ei freigesetzt. Erst der Sex und dann das Ei. Unsereins muss sich mit Temperaturkurven behelfen. Und wenn er dann gerade auf Dienstreise ist, der Herr Gemahl, der Lebensabschnittspartner oder One-Night-Stand? Wenn er gerade keinen hochkriegt, weil das Viagra nicht mehr von der Sozialhilfe übernommen wird oder er im Fußballsuff versumpft ist? Was dann?
Man hat ja auch noch etwas anderes zu tun, als täglichen Geschlechtsverkehr zum Wohle und Aufrechterhaltung der Gesellschaft zu praktizieren. Das Bruttosozialprodukt ankurbeln zum Beispiel. Mit Shopping-Touren oder harter Arbeit. Aber vielleicht soll sich das ändern. Vielleicht herrscht deshalb so eine Fünfziger-Jahre-Nostalgie und Heimchen-am-Herd-Politik. Nicht um die Arbeitslosenstatistik zu schönen, sollen wir Frauen zu Hause bleiben, nein, um jede freie Minute der Fortpflanzung und Brutpflege zu widmen. Fehlt nur noch, dass wir in kleine Mütterheime gesteckt werden, mit Geranien an den Fenstern und schwarzbraunen Haselsträuchern vor der Tür. Zum Wohle des Volkes. Wir Deutschen dürfen nicht aussterben. Was tun, damit unser Land nicht bald von einer Mehrheit arbeitsloser Pisa-Versager bevölkert wird? Was tun?
Wir Menschen sind hoffnungslos altmodisch. Um Kinder zu kriegen braucht man Sex, zweigeschlechtlichen Sex genauer gesagt. Dafür müssen sich erstmal zwei finden, deren Hormone zueinander passen, die sich „riechen können“, wie es so schön heißt. Dann muss die Gelegenheit gegeben sein, nicht jeder hat eine Vorliebe fürs Autokino oder ein eigenes Zimmer daheim. Und dann sollte nämlicher Eisprung in Sicht sein. Selbst wenn es zur Befruchtung kommt, sind da immer noch die neun Monate einer Schwangerschaft, die unbeschadet überstanden werden müssen. Da kann eine Fehlgeburt, ein Autounfall, eine geänderte Meinung, eine mütterliche Erkrankung, ein Geburtszwischenfall oder eine tödliche Infektion auf einer Neugeborenen-Station dazwischen kommen. Wenn man all die Faktoren zusammenzählt, die nötig sind, damit ein gesundes Kind auf die Welt kommt, grenzt es wirklich an ein Wunder, dass wir überhaupt Nachkommen haben, nicht längst schon ausgestorben sind.
Der Streik ist die Waffe der Machtlosigkeit, wir Frauen sind jedoch alles andere als das.
Wir sind es, die den Lauf der Evolution beeinflussen. Sexuelle Selektion, sage ich nur. Das kann Folgen haben, wenn wir uns erstmal klarmachen, was da in Zukunft auf uns zukommt: Wer wird die ganzen Alten pflegen? Wer wird bei schwindender Bevölkerung wieder Vollzeit arbeiten, von Schwangerschaften geschwächt und von Kindererziehung gebeutelt?
Das Unbewusste scheint cleverer zu sein, als man so mancher Blondine zutrauen mag. Ungewollte Kinderlosigkeit grassiert ebenso wie gewollte, es scheint sich um ein evolutionäres Phänomen zu handeln. Doch mit welchem Ziel?
Die Natur ist fortschrittlicher, macht es uns schon lange vor. Dort vermehren sich die weiblichen Blattläuse einfach durchs Klonen, schaffen Hunderte, Tausende von Nachkommen. Damit wäre unser Problem gelöst. Warum also diese Zurückhaltung in der Molekularbiologie? Weil die Männer dann an Einfluss verlieren? Oder unter Hormonstau leiden?
Keine Sorge, die geschlechtliche Fortpflanzung hat auch unschlagbare Vorteile. So schenkt die Durchmischung mit männlichen Genen dem Nachwuchs mehr Widerstandsfähigkeit und Überlebenschancen gegen Würmer und andere Parasiten. Männer als evolutionäre Parasitenkur. Gefällt euch nicht? Dann seid einfach nett zu uns.
Wie wäre es denn mit ein paar Blumensträußen mehr zusätzlich zu den angedachten Vätermonaten, gebührenfreien Kindergärten und Ganztagsschulen. Der Streichung des Wortes „Rabenmutter“ aus dem deutschen Wortschatz. Kurz: Es wäre schön, das Kinderkriegen als gesellschaftlich und privat positives Verhalten mit kleinen Belohnungen zu verstärken und nicht im Vorfeld bereits die moralische Keule zu schwingen.
Denn wir haben noch nicht alle Register gezogen.
Wenn wir wirklich streiken wollten, dann doch viel effektiver mit einem Sex-Streik. Hat sich literarisch vor 2400 Jahren durchaus bewährt, als die gute Lysistrata durch Anstachelung der Athenerinnen zu geschlechtlicher Verweigerung den Peloponneskrieg beenden konnte. Zur Nachahmung empfohlen, wenn es hart auf hart kommt.
Aber wir haben damit ja nicht angefangen. Wir nicht. Wir wollen einfach unsere Ruhe und tun und lassen können, was wir wollen. Mit und ohne Kinder. Also gibt es Bücher „Kein Baby an Bord- glücklich ohne Kinder“ oder „FrauenLeben ohne Kinder“ als Antwort auf die Mümmelgreise. Da sollten sich die Herren und Damen Politiker schon was anderes einfallen lassen. Mein erster Tip: Nicht immer so blöde Gerüchte von wegen Gebärstreik in den Umlauf bringen. Ich kann es schon nicht mehr hören.
Und Vorsicht, wir könnten auf dumme Gedanken kommen!

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