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In manchen Büros wird lange nach der Jahrtausendwende noch gearbeitet wie eh und je. Eine nostalgische Betrachtung.
von Isolde Paul
Nach vierzig Jahren des Wuchses, der Expansion, der Gesundschrumpfung sind im Büro vier Mitarbeiter übriggeblieben und der Chef. Sie sind alle zwischen fünfzig und sechzig, und ihre Meinungen übereinander stehen lange fest.
Halb neun ist Arbeitsantritt, wie immer schon. Der Außendienstler mit Schlips und V-Pullover kocht Kaffee; die Sachbearbeiterin schaltet den Computer ein und sinkt auf den Stuhl, von dem sie sich nur wenige Male erheben wird; der Mann für´s Grobe wühlt im Lager; die Buchhalterin kommt erst gegen elf, das macht sie schon seit fünfzehn Jahren so.
Der eckige, furnierte Besprechungstisch im Büro des Chefs ist ein Gründungsmöbel aus den Sechzigern, so wie die dunkelblau gepolsterten Stühle und sein Schreibtisch. An den Wänden hängen gerahmte, vergilbte, sachliche Plakate, denen seit dreißig Jahren niemand einen Blick geschenkt hat. Niemand hat auch je wieder die gewellten Zettel von der Pinn-Wand entfernt, auf denen während eines Seminares - wer weiß, wann das war - alle Argumente zur Kundenfreundlichkeit an einen aufgemalten Baum geheftet worden sind. Daneben hängt eine Deutschlandkarte in den Grenzen von 1988.
Eine geöffnete Schiebetür gibt den Blick in das zentrale Büro frei, in dem die Sachbearbeiterin seit ihrer Lehrzeit mit dem Rücken zum Fenster sitzt. Sie stellt ihre Handtasche stets vor die Ordner mit den stornierten Angeboten, die haben rote Plastikrücken, während die Angebote blaue haben und die Aufträge gelbe. In Reichweite steht das Fax. E-Mails schreibt sie nur, wenn es unbedingt sein muss. Wenn sie ihr Passwort in den Computer eingibt, quietscht die Tastatur. Über ihren Monitor kroch neulich eine Spinne, die sprach sie mit „Louise“ an. Ihr Aschenbecher steht auf dem Schreibtisch rechtsaußen und eigentlich müsste dort schon ein Loch in der Platte sein.
Der liebenswerte Außendienstler mit Knopfdrucklächeln, Krawatte und Pullover mit V-Ausschnitt, hat keinen Computer. Als der eingeführt wurde, war er fünfundfünfzig und weigerte sich, dessen Bekanntschaft zu machen. Er betreibt sein Geschäft wie eh und je mit handschriftlichen Verzeichnissen und ist ohnehin viel unterwegs. Sein Gruß beim Kommen und Gehen hat sich so weit abgeschliffen, dass er gar nichts mehr sagt, wenn er die Bürotür öffnet.
Neben seinem Schreibtisch und auch neben dem der Sachbearbeiterin, verstauben elektrische Schreibmaschinen, durch die schon lange kein Strom mehr geflossen ist. In der Ecke steht ein gewaltiger Aktencontainer, in dem Prospekte gesammelt werden, nur wird nichts herausgenommen und auch nichts hineingelegt. Unter dem Laserdrucker lagern überholte Duden. In allen Schreibtischschubladen finden sich Glücksschweinchen aus Plastik, ausgetrocknete Stempelkissen, Quittungsblöcke mit veraltetem Firmenlogo. Der Ficus Benjamini in seinem weißen Plastiktopf wirft unbeachtet seine Blätter ab.
Die Buchhalterin sitzt im Hinterzimmer und die Verbindungstür ist stets geschlossen, damit der Zug keine Zahlen vom Blatt wirbelt. Sie kommt nur heraus, wenn sie vom Chef eine Unterschrift braucht. Mittags kocht sie sich in der Küche auf zwei Herdplatten ein Essen – Spargel im Topf, Kotelett in der Pfanne, und die Gerüche ziehen durch alle Räume. Sie zählt die Jahre bis zur Rente. Es sind noch zehn.
Alle Anweisungen, die der Chef seinen Mitarbeitern je hätte erteilen können, hat er ihnen schon vor einer Generation erteilt, und etwas Neues kommt selten dazu. So sprechen sie nur noch das Nötigste miteinander. Wenn der Außendienstmitarbeiter einen freien Tag möchte, dann stellt er sich neben das Fax, so dass er den Chef halb durch die Tür sehen kann und trägt sein Anliegen vor. Das wird ihm kurz und bündig genehmigt. Um fünfzehn Uhr geht der Chef auf´s Klo, und dann macht er den Gürtel schon vor der Tür auf, und wenn die Sachbearbeiterin, die mit dem Außendienstler mehr Lebenszeit verbracht hat als mit ihrem Mann, einen bedeutungsvollen Blick in dessen Richtung wirft, dann sagt das alles.
Der Mann für´s Grobe hat keinen Schreibtisch, und kommt nur selten herein, dann geht sein Blick gegen die Wand, er fängt betonungslos an zu reden. „Ne“, sagt er an den Enden seiner Sätze, kurze „Ne“s, die nach Bestätigung rufen, aber die Sachbearbeiterin, der Außendienstler, der Chef wissen, dass sie höflich schweigen müssen, dann hört er wieder auf.
Das Geschäft ist so geartet, dass es sich am Nachmittag kein Aktendeckel mehr hebt, und die Sachbearbeiterin um halb vier gehen kann. Der Außendienstler folgt eine halbe Stunde später. Der Chef schreibt schweigend Briefe, während der Mann für´s Grobe sein Tagwerk beendet. Er streift durch das Büro, stellt auf den Schreibtischen der Kollegen die Locher rechtwinklig zum Taschenrechner, schiebt Blätter zusammen, so dass sie bündig zur Kante liegen, pustet Zigarettenasche weg, verschwindet mit einem leisen: „Bis morgen.“
Nein, das Büro hat den Anschluss an die neue Zeit nicht verloren: Der Chef hat eine Website machen lassen. Sie steht im Netz wie ein altes Sofa, das niemanden zum Sitzen einlädt. Dass die darin enthaltenen Jahreszahlen überholt sind, merkt er nicht, denn er hat keine Ahnung, wie er ins Internet kommen soll.

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