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Barbara Burarrawanga ist eine Aborigine, die wie nur wenige australische Ureinwohner die Balance zwischen traditioneller und westlicher Kultur halten kann
Reportage und Fotos von Gabriele Bärtels
Ich habe jetzt eine Freundin bei den Aborigines auf der anderen Seite der Erde. Ich kannte sie nur einen Tag und werde wohl nie wieder von ihr hören, denn es gibt am Strand von Bawaka keinen Briefkasten und Internetzugang erst recht nicht.
Barbara Laklak Burarrawanga lebt dort am äußerst östlichen Ende des Arnhem-Land. Das ist eigentlich nur 20 Kilometer von Jirrkala entfernt, einer Aborigines-Community am Pazifik, doch man braucht zwei Schaukelstunden über Sandpisten.
Die Fahrt im Jeep geht durch das australische Outback, diesem unendlichen Nichts von Land, das sich tausende Kilometer ausdehnt, so weit wie ein Europäer gar nicht denken kann. Dieses im Northern Territory gelegene, recht nutzlose Homeland, das den Aborigines von der australischen Regierung zurückgegeben worden war, und zu dem Weiße nur mit Genehmigung Zutritt haben, ist sechsmal größer als England. 20.000 Aborigines leben in der Weite verteilt, die meisten arbeitslos und saufend.
Barbara ist 60, ihr Rücken krumm. Nach westlichen Maßstäben war ihr breites, rundes Gesicht nie schön. Ihre Familie gehört zu einer Minderheit, die englisch spricht, und das nach über 200 Jahren britischer
Kolonialisierung. Wie wenigen gelingt es ihnen, eine halbwegs geglückte Balance zwischen traditioneller und westlicher Kultur zu halten. Barbara selbst war auf einer Missionarsschule, ist zum College gegangen, arbeitete als Aborigines-Lehrerin. Sie hat drei erwachsene Kinder und ihr Mann liegt in Sichtweite ihres Hauses im weichen, weißen Sandstrand begraben.
Ihre wilden Enkel, die unter der Woche in Yirrkala zur Schule gehen wie längst nicht alle Aborigines-Kinder, lernen Feuermachen und Fischefangen fast nebenbei von ihrem Onkel am Strand. Vater Timmy, Barbaras ältester Sohn, hat ihnen beigebracht, dass der freundliche, weibliche Mimigeist Bayini das Land des Gumatj-Clans, zu dem sie gehören, seine Tiere und Pflanzen beschützt, und mit welcher Zeremonie Gäste ebenfalls unter diesen Schutz gestellt werden können. Sie rennen am Ufer entlang, halten ihre Speere wurfbereit, klettern auf glattgeschliffene Felsen, das Wasser ist klarblau. Kurz darauf bringen sie ihrer Großmutter einen dicken Barramundi.
Barbara sitzt im bunten Rock auf einem Plastikstuhl unter dem Sonnendach, wickelt den Fang in Eukalyptus-Blätter ein, lässt ihn auf dem offenen Feuer garen. „Women are farmers, men are hunters“, stellt sie fest. “I love householding.“
Das finde ich anstößig, auch wenn der Fisch wunderbar schmeckt, denn ich bin eine europäische Großstadtfrau, eines der zahllosen, berufstätigen Singles. Doch ehrlich gesagt, spielte ich ein Stündchen mit dem Gedanken, mit ihr zu tauschen. Denn Barbara besitzt eine weitverzweigte Verwandtschaft und orientiert sich weitgehend an Gesetzen und Riten aus 60.000 Jahre lang gewachsener Tradition. Dazu gehört, dass ein Aborigine sein Land, seine Familie nicht verlässt, von der er das Wissen um die Traumzeit erworben hat, die Schöpfungsgeschichte und ganzheitliche Weltanschauung des Urvolkes in mündlich überlieferten Geschichten und Figuren beschreibt. Doch ihre Tochter gesteht schon, dass sie gern einmal nach Hawaii reisen würde.
Eine Brise weht über die See, Kokospalmen rascheln, auf einem Felsvorsprung im Meer, so eben wie eine Terrasse, hat das Wasser eine natürliche, kleine Aushöhlung gegraben, darin badete Barbara vor dreißig Jahren ihre Säuglinge. Daunenmäntel, Winterstiefel hat sie an diesem tropischen Flecken Erde nie gebraucht.
Theoretisch könnte sie zurückkehren in das pure Nomadenleben, das ihr Volk bis zur Ankunft der Engländer führte, sie hat noch alle nötigen Fertigkeiten von ihrer Mutter gelernt. Sie könnte nackt und barfuß durch den Busch streifen, würde nach Yam-Pflanzen suchen, deren Wurzel wie Kartoffeln schmecken, wüsste mit Blüten Krankheiten zu heilen, aus Bananenblattfasern Dillybags (Körbe) zu flechten und Matten. Würde sie mit ihrer Familie einen Fluss überqueren, dann nähmen sie ihre Jüngsten in die Mitte, um sie vor den Krokodilen zu schützen, denn der Fortbestand des Clans wäre wichtiger als ihr eigenes Leben. Sie könnte die Felszeichnungen deuten, von männlichen Vorfahren vor 20.000 Jahren angebracht, in den Farben dieser Erde – rot, ocker, schwarz, weiß. Sie würde ihren Platz und ihre Aufgaben kennen, ihr Totem ehren, mindestens zwei der zahlreichen Aborigine-Dialekte sprechen, wäre schon mit zwölf Jahren einem Mann versprochen, ohne daran zu zweifeln. Sie hätte außerdem eine seltene Form früher Gleichberechtigung genossen, denn es gab Pflichten für Männer und solche für Frauen, und die einen waren hier im gnadenlosen Outback so überlebenswichtig wie die anderen.
Blühendgrüne Sumpflandschaften mit Krokodilen und Schlangen wechseln mit staubigroter Erde, über die Eidechsen huschen, kleine Känguruhs hüpfen federnd durch wirres Gestrüpp, Kakadus flattern von einem Papertree zum anderen, kilometerweit spenden Termitenhügelzinnen den einzigen Schatten. Tagsüber machen einen die Fliegen verrückt, abends die Moskitos. Gnadenlos knallt die Sonne herab, heizt die Felsen so auf, dass sie noch in der Dunkelheit glühen. In der Regenzeit stürzt täglich der Himmel ein, alle Niederungen überflutet, Zufahrten versperrt. Raubvögel kreisen über waghalsig aufgetürmte Steinformationen und Sonnenuntergänge vergolden die gefährlich-süße Stille, die nachts erst richtig laut wird.
Jedes Aborigine-Mädchen wurde einem älteren Mann versprochen, der nicht zum eigenen Clan gehören durfte, so war das auch in Barbaras Familie. Sie grinst, als ich sie zögernd frage, ob jenseits der Heiratsregeln Liebe eine Rolle gespielt habe. „I married my college-friend.“
In ihren Augen steht dauernd eine leise Ironie. In ihren dunklen Arbeitshänden lässt sie die Muscheln hin und hergleiten, nach denen sie sich auf unserem Ufer-Spaziergang dauernd bückte. Das Meer flutete rhythmisch über unsere Füße. Die andere Seite der Bucht ist nur verschwommen zu erkennen. „There is the grave of my mother.“ Einmal im Jahr setzt einer der Söhne sie im Kanu hinüber.
Jedes Wochenende steigt sie in den Jeep ihres Sohnes Timmy, der nun das Familienoberhaupt ist und sie als Älteste hoch respektiert, und fährt nach Yirrkala zum Supermarkt, kauft Mehl, Blumensamen und Waschmittel. Sie hat eine moderne Solaranlage, betreibt eine Waschmaschine damit, einen Schwarzweißfernseher und ihr „oceane-telephone“, wie sie es nennt, einen Münzapparat, der mit einem Fischernetz und Schlingpflanzen beschattet am Ufer steht. Sie lebt den ganzen Tag draußen. Ins Wasser geht sie nicht, denn im Werbespot-Paradies Bawaka lauern Quallen und Salzwasserkrokodile. Sie ernährt sich von den frischesten Krabben der Welt.
Ihre Kinder haben zuerst die Sprache ihres Stammes gelernt, danach die des Vaters, wie es immer war. Ihre Tochter ist nun selbst Lehrerin, der älteste Sohn Timmy Vorsitzender in der Community-Verwaltung von Jirrkala. Sie laden kleine Touristengruppen nach Bawaka ein, um ihnen eine Ahnung davon zu geben, wie die Ureinwohner einmal gelebt haben, doch wenn Barbaras Generation stirbt – und das kann bald sein, denn ihre Lebenserwartung liegt um zwanzig Jahre niedriger als die australischer Weißer – bleibt nur noch die Folklore übrig, die angedeuteten Tänze, der rauhe Klang des monotonen Didgeridoo, denn auch Timmies Söhne sitzen schnell wieder im Jeep, suchen im Autoradio nach Popmusik, spielen auf dem Mobiltelefon des Vaters Spiele, lernen in der Schule, mit dem Computer umzugehen, sich auf englisch mit der modernen Welt zu verknüpfen.
Die allermeisten Aborigines tun nicht mal das. In kleinen, vermüllten Communities, die oft leichter mit dem Flugzeug als mit dem Jeep zu erreichen sind, leben sie mit Fastfood, Alkohol und Langeweile, missbrauchen ihre Mädchen, schnüffeln Benzin, schlurfen im Kreis herum. Seit James Cook 1770 seinen Fuß erstmals an die australische Ostküste setzte, die nackten Wilden von den ersten Siedlern wie Dingos abgeschossen wurden, nachhaltige Missionierungsversuche folgten, ist der Weg zurück ins Buschleben kaum möglich, selbst wenn Aborigines inzwischen riesige Homelands besitzen. Erst seit 1966 genießen sie volle Bürgerrechte, einen Weg nach vorn in die westliche Gesellschaft scheint es auch 40 Jahre später trotzdem nur für wenige zu geben. Der durchschnittliche weiße Australier kennt Ureinwohner in der Regel nur als bettelnde, torkelnde Randerscheinung der Stadt.
Ich erzähle Barbara, dass ich keine Kinder habe, und von vielen Männern und Frauen weiß, denen es genauso geht. Dass in Deutschland nicht mehr für die Ewigkeit geheiratet wird, in Berlin die Hälfte aller Haushaltsvorstände Singles sind, und immer mehr alte Menschen allein in Pflegeheimen sterben.
„Why is that so?“ fragt sie, runzelt die Stirn und ahnt nicht, dass sich diese westlichen Verhältnisse mit Windeseile ihrer Heimat und ihrem Volk nähern, sie vielleicht schon umzingelt haben, denn ich bin hier, weil ich etwas Exotisches berichten soll, etwas beinahe Vergangenes, und sie ist einer der noch lebenden Zeugen.
Später führt sie mich über einen kaum erkennbaren Trampelpfad auf einen bewachsenen Hügel. Unter den Büschen ist ein freier Platz, kühl und schattig. Hierhin zieht sie sich zurück, wenn sie ausruhen will, lehnt sich an einen Baum: „You can hear the wind, the sea, all the birds.“ Wir sagen eine Weile nichts mehr.
Spätestens zwei Stunden vor Dunkelwerden müssen wir aufbrechen, um den Weg duch den Besitz von Barbaras Familie zurück nach Yirrkala zu finden, erst am Strand entlang, dann durch Dünen und Sümpfe, kratziges Buschland, mit einem Wasserkanister im Jeep, ohne Wegweiser oder Handy-Netz.
Ich frage Barbara scheu, ob ich ein Foto von ihr machen kann, und sie lächelt mich an, strahlt Gelassenheit aus, Amüsiertheit. Ich ziehe einen Ring vom Finger, weil ich ihr etwas geben will, nicht einfach nur Danke sagen für den seltenen Tag in einer fremden Kultur. Er passt auf ihren Mittelfinger, und sie freut sich. Aus der Tasche ihres Rockes zieht sie die Muscheln, und schenkt sie mir alle. Die liegen jetzt auf der anderen Seite der Welt bei mir unter dem Küchenfenster.
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